TEXTILIEN: Ein Comeback für die Schweizer Seide

Ab heute gibt es im Schweizer Handel wieder Krawatten und Schals aus echter Schweizer Seide zu kaufen. Auch Innerschweizer Landwirte und Seidenverarbeiter leisten ihren Anteil.

Rainer Rickenbach
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Der Menznauer Landwirt Daniel Spengeler zeigt inmitten seiner Maulbeerbaum-Plantage eine Seidenkrawatte. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Der Menznauer Landwirt Daniel Spengeler zeigt inmitten seiner Maulbeerbaum-Plantage eine Seidenkrawatte. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Der Seidenschal von Swiss Silk setzt sich zu 60 Prozent aus Schweizer Seide zusammen. (Bild: pd)

Der Seidenschal von Swiss Silk setzt sich zu 60 Prozent aus Schweizer Seide zusammen. (Bild: pd)

Es ist fünf Jahre her, dass die Menznauerin Brigitte Spengeler am Radio davon erfuhr: Im bernischen Hinterkappelen züchtet der Bauer Ueli Ramseier Seidenraupen und pflanzt Maulbeerbäume. Er hatte vor, der Schweizer Seidenindustrie neues Leben einzuhauchen – fast hundert Jahre nachdem im Tessin die letzte schweizerische Seidenfarm aufgab. Für diese Renaissance der Seidenproduktion in der Schweiz suchte Ramseier damals über das Radio Mitkämpfer unter den Landwirten und in der Textilindustrie.

Ein langer Lernprozess

In Menznau wurde er fündig: Brigitte Spengeler entschied sich, bei dem Projekt mitzumachen. «Meine Mutter war nach der Radiosendung von dieser Idee begeistert. Seide bot die Möglichkeit für einen Nebenverdienst. Also fuhren wir zu Ueli Ramseier nach Hinterkappelen und schauten uns seine Seidenraupenaufzucht an», erinnert sich Daniel Spengeler. Einige Monate nach dem Besuch begannen die Spengelers, sich über die Raupenaufzucht und Maulbeerbäume schlauzumachen und die ersten Vorbereitungen in die Wege zu leiten.

Nach vier Jahren zieht Daniel Spengeler ein positives Zwischenfazit. «Wir sind zufrieden, die Erfahrungen mit dem Swiss-Silk-Projekt sind gut. Natürlich ist der Lernprozess noch nicht abgeschlossen», sagt er. Dieses Jahr züchtet die Familie Spengeler rund 8000 Raupen. Auf ihrem Landwirtschaftsbetrieb stehen 600 Maulbeerbäume.

Baumblätter als Raupennahrung

Swiss Silk steht für das Projekt, das Ueli Ramseier angestossen hat. Neun Landwirtschaftsbetriebe beteiligen sich daran mehr und weniger intensiv. Nebst den Spengelers tragen vier weitere Luzerner Landwirte in Schachen, Oberkirch, Zell und Hergiswil am Napf zum Comeback der Schweizer Seide bei. «Finanziell hält sich der Aufwand für die Bauern in Grenzen», sagt Projektleiter Ramseier. Rund 2000 Franken kostet eine Anlage, die mehreren tausend Raupen Platz bietet, weitere 2500 Franken sind für die Maulbeerbäume fällig. Die Bäume braucht es, weil sich Seidenraupen ausschliesslich von frischen Maulbeerbaum-Blättern ernähren. Ramseier: «Wirklich ins Gewicht fallen die Lernzeit und Arbeitsstunden. Denn die Seidenraupenzucht ist eine heikle Angelegenheit.»

In der Tat: Nach mehreren Jahrtausenden Zucht haben diese Tiere viel von ihrer natürlichen Robustheit eingebüsst. Ständiger Luftzug oder Krankheiten können eine ganze Zucht mit mehreren tausend Seidenraupen dahinraffen (siehe Kasten). Für den Züchter bleibt in diesem Falle nur die ernüchternde Erkenntnis, dass ausser Spesen nichts gewesen ist. Dass es für Landwirte eben keinen risikolosen Nebenverdienst gibt, bleibt ein schwacher Trost.

Rohseide aus der Produktion von Swiss Silk. (Bild: pd)

Rohseide aus der Produktion von Swiss Silk. (Bild: pd)

Verarbeitung in Gersau

Swiss Silk hat für die Verarbeitung der Rohseide und die Vermarktung der Seidenkrawatten sowie -schals verschiedene Textilspezialisten als Partner gewonnen. Unter anderem die Gersauer Spinnerei Camenzind, eine Schappe-Produzentin, deren Firmengeschichte bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht. Damals war die «Altfrye Republik Gersau» politisch noch selbstständig, und weil die damalige Schwyzer Regierung nichts von Seidenverarbeitung in ihrem Gebiet wissen wollte, wichen findige Unternehmer nach Gersau aus. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es entlang des Dorfbaches drei stattliche Seidenverarbeitungsbetriebe im heutigen Schwyzer Bezirk.

Bis heute Bestand hat Camenzind & Co., die Umspul-Arbeiten für Swiss Silk erledigt. Weitere Schweizer Firmen bewältigen die Arbeitsschritte Zwirnen, Färben, Weben, Endverarbeitung und Vermarktung. «Wir sind überzeugt, uns mit dem Nischenprodukt zu konkurrenzfähigen Preisen auf dem Schweizer Markt positionieren zu können», sagt Swiss-Silk-Präsident Ramseier. Noch sind die Seidenkrawatten und -schals bloss zu 60 Prozent aus echter Schweizer Seide. «Um die Produkte vollumfänglich aus einheimischer Seide herzustellen, haben wir zurzeit noch zu wenig Produzenten. Wir hoffen, in zwei, drei Jahren so weit zu sein», so Ramseier.

Heute ist Verkaufsstart für die ersten 200 Krawatten und 50 Schals von Swiss Silk. Hergestellt wurden sie aus 10 Kilogramm Schweizer Seide, dieses Jahr soll sich der Seidenausstoss verdoppeln. Die Preise für die Swiss-Silk-Produkte bewegen sich zwischen 150 und 200 Franken. Wichtigster Vertriebspartner ist die Firma Weisbrod in Hausen am Albis. Bis vor drei Jahren produzierte sie selber Textilien, heute ist sie auf Design und Marketing spezialisiert. Sie bietet die Seidenprodukte in ihrem Laden in Hausen und im Internet an. Weitere Verkaufsstellen sind der Landesmuseum-Shop und der Laden des Schuhherstellers Weyrauch in Zürich.