TIERPARK: Bärin Evi verblüfft den Tierarzt

Warum hat Bärin Evi im November wiederholt von draussen an die Tür des Bärenstalls gepoltert? Und wieso verlässt sie ihr Gehege nicht mehr? Tierarzt Martin Wehrle klärt auf.

Andrea Schelbert
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Die syrische Braunbärin Evi in ihrer Box im Bärengehege des Tierparks.

Die syrische Braunbärin Evi in ihrer Box im Bärengehege des Tierparks.

Bären sind normalerweise sehr neugierige Tiere. Doch an diesem Morgen interessiert sich Evi, das 21-jährige syrische Braunbär-Weibchen vom Tierpark Goldau, kaum für ihren Besuch. Sie wirkt müde, zwischendurch gähnt sie. Evi macht momentan Winterruhe. «Mitte November hat sie mit dem Bau ihres Nests begonnen. Sie ging danach nur noch selten nach draussen. Sie hat dann auch begonnen, an die Tür des Stalls zu poltern, um uns zu zeigen, dass sie in ihre Box will», erzählt Martin Wehrle, Tierarzt des Tierparks Goldau. Seit Mitte Dezember verlasse sie ihre Box nicht mehr. «Sie will jetzt schlafen und ihre Ruhe haben.»

30 Kilogramm weg

Seit drei Jahren geniesst Evi im Winter jeweils ein paar Monate Ruhe. Dieses Verhalten zeigte sie erstmals in der neuen Bären-Anlage. «Sie hat uns damit verblüfft. Beim ersten Mal vor drei Jahren wussten wir nicht sofort, was los war. Evi wollte einfach nicht mehr aus ihrer Box und hat auch kaum noch etwas gefressen», so Wehrle. Man habe erst befürchtet, dass die syrische Braunbärin krank sei. «Dann bemerkten wir, dass sie bloss schlafen will. Die Tierpfleger haben ihr darauf Tannenzweige in ihre Box gelegt. Daraus hat sie sich ein schönes Nest gebaut.» Bärin Evi frisst während der Winterruhe beinahe nichts. Sie wird ihre Box je nach Witterung erst Ende Februar/Anfang März wieder verlassen. «Es ist nicht so, dass sie dann sofort wieder zu 100 Prozent leistungsfähig sein wird. Zu Beginn geht sie nur kurz nach draussen», sagt Wehrle. Er schätzt, dass Evi nach ihrer Winterruhe zwischen 20 und 30 Kilogramm an Körpergewicht verloren hat und noch rund 150 Kilos wiegen wird.

Winterruhe halten nebst den Bären auch Dachs und Eichhörnchen. Bei der Winterruhe wird die Körpertemperatur um ein paar Grad gesenkt. «Die Tiere leben dann auf Sparflamme, und man kann sie auch aufwecken. Man lässt es aber besser bleiben, einen Bären während seiner Winterruhe in einer Höhle zu stören. Das hat schon zu Unfällen geführt», sagt Martin Wehrle.

Anders ist es beim Winterschlaf: Echte Winterschläfer wie Igel, Fledermäuse, Murmeltiere und Siebenschläfer können ihre eigene Körpertemperatur stark, bis ungefähr auf 5 Grad, senken. Igel beispielsweise atmen statt 50 Mal nur noch ein- bis zweimal in der Minute, ihr Herz schlägt statt 300 gerade noch 15 Mal pro Minute. Trotzdem können diese Tiere zwischendurch aufwachen, sie fressen jedoch nichts. «Ich finde es faszinierend, wie die Natur das eingerichtet hat», so Wehrle.

Weibchen mögen sich nicht

Syrische Braunbären sind Einzelgänger und individuelle Persönlichkeiten. Dies zeigt sich auch in ihrem unterschiedlichen Verhalten. Nicht jeder Bär hält Winterruhe. «Es ist auch in freier Natur unterschiedlich und hängt vom Klima, der Höhe und der Witterung ab, ob und wie lange die Bären Winterruhe halten. In Regionen, wo es sehr kalt wird und die Bären fast keine Nahrung mehr finden, machen die meisten Bären Winterruhe», erklärt Veterinär Wehrle. Und auch im Tierpark Goldau verhalten sich die vier Bären unterschiedlich. Während Evi den Winter alleine in ihrer Box verbringt, bevorzugt es Bärin Fränzi, draussen zu schlafen. «Sie geht jeden Tag nach draussen, hat sich ein Nest gebaut und schläft grösstenteils dort. Sie frisst nur noch wenig», weiss Wehrle. Sowieso mögen sich die beiden Weibchen nicht: «Sie hatten viel Zoff miteinander. Wir haben beobachtet, dass sie auch in der neuen, grossen Anlage viel Stress untereinander hatten. Wir konnten sie nicht aneinander gewöhnen.» Darum verbringen Evi und Fränzi auch den Sommer in getrennten Anlagen.

Wenig begeistert von einer Winterruhe sind die zwei kräftigen und verspielten Jungbären Takis und Arko. Die beiden vierjährigen Männchen halten überhaupt nichts davon, den Winter ruhiger anzugehen. «Sie sind im besten Alter. Sie prügeln sich ab und zu und machen kleine Rangkämpfe unter sich aus. Bisher war es nichts Ernstes, sodass wir sie zusammen im gleichen Gehege lassen können», sagt Wehrle. Er rechnet damit, dass Takis und Arko getrennt werden müssen, wenn diese erste klare Anzeichen ihrer Geschlechtsreife zeigen.