TOD: «Es ist schön, dass er erlöst wurde»

In einer Woche ist Allerheiligen. An diesem Tag denken wir besonders stark an die Verstorbenen. Wir zeigen, wie Menschen auf ganz unterschiedliche Weise von dieser Welt Abschied nehmen.

Andrea Schelbert
Drucken
Teilen
Hat ihren Mann Timo in den Tod begleitet: Claudia Konietzka bei sich zu Hause in Brunnen. (Bild Corinne Glanzmann)

Hat ihren Mann Timo in den Tod begleitet: Claudia Konietzka bei sich zu Hause in Brunnen. (Bild Corinne Glanzmann)

«Timo hat es mir nachts im Bett, als es dunkel war, gesagt. Claudia, ich will sterben, waren seine Worte. Ich habe gespürt, wie er mit sich gekämpft hat, mir das mitzuteilen. Das war schwierig für ihn. Ich sagte, dass ich gleich am anderen Morgen Exit anrufen werde. Ich habe nicht danach gefragt, ob er sich sicher sei. Ich habe sofort gewusst, dass er es ernst meinte. Timo war ein sehr konsequenter Mensch. Daran gezweifelt, ob der Freitod richtig sei, hat er nie. Er hat sich schon früher mit dem Thema befasst. Wir haben uns vor vielen Jahren versprochen, dass wir das füreinander tun würden, wenn einer von uns beiden unheilbar krank wird. Das Schlimmste für mich war der Moment, als ich von der Diagnose erfahren habe. Zu wissen, dass es keine Chance mehr gibt, hat bei mir ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit ausgelöst. Ich wusste zwar, dass seine Gallengänge verstopft waren. Doch ich dachte nicht einen Moment daran, dass es ihm gesundheitlich so schlecht geht. Am Freitag nach dem Schmutzigen Donnerstag rief mich ein Arzt aus Zürich an. Er sagte, dass es bei Timo ganz schlecht aussehen würde und ich sofort nach Zürich kommen soll. Das war für mich wie ein Hammer! Ich glaubte zu spinnen! Es war für mich unheimlich schwierig, das zu begreifen. Der Arzt hat mir die Situation genau geschildert. Zwischendurch habe ich trotzdem wieder Hoffnung geschöpft. Ich habe aber schon damals gespürt, dass Timo nicht mehr den Willen hatte, weiterzuleben.»

Claudia Konietzka sitzt zu Hause am Küchentisch und wischt sich ihre Tränen weg. Eineinhalb Jahre ist es nun her, seit die 60-Jährige ihren Mann Timo bei seinem Freitod durch Exit begleitet hat. Am 12. März 2012, kurz vor 18 Uhr, ist Timo Konietzka im Alter von 73 Jahren zu Hause in Brunnen eingeschlafen. Der bekannte Fussballer und Trainer litt an Gallenkrebs. Drei Wochen nach der Diagnose hatte er sich dazu entschieden, seinem Leben ein Ende zu setzen. Die Ärzte sagten damals, dass er mit dieser Krankheit noch ungefähr zwei Monate leben könne.

«Weil Timo als Botschafter von Exit tätig war, habe ich diesem Gespräch hier zugesagt. Es war ihm wichtig, und ich möchte es in seinem Sinne weiterführen. Ich möchte, dass in diesem Text rüberkommt, dass Exit für mich eine gute Sache ist. Ich habe mit Exit nur positive Erfahrungen gemacht. Die Leute hören es zwar nicht gerne, doch es stimmt. Als ich Exit angerufen habe, fragte man, ob es eile. Ich sagte ja, denn Timo wollte so schnell wie möglich sterben. Noch am gleichen Tag, es war ein Donnerstag, kam ein etwa 70-jähriger Mann vorbei. Ich dachte zuerst, dass ich die Person, die Timo das Gift geben wird, hassen würde. Doch ich habe den Sterbehelfer richtig lieb gewonnen. Er war sehr einfühlsam. Wir haben an diesem Nachmittag den ganzen Vorgang besprochen. Der Sterbehelfer wollte wissen, in welchem Zimmer Timo sterben wolle. Wir zeigten ihm unser Schlafzimmer. Danach fragte er, wo er das Medikament vorbereiten könne. Ich ging mit ihm hoch ins Badezimmer. Er fragte zwischendurch immer wieder, ob Timo sich wirklich den Tod wünsche. Jedes Mal hat mein Mann sofort mit Ja geantwortet. Timo war es wichtig, die Sache möglichst schnell zu Ende zu bringen. Wir vereinbarten, dass der Sterbehelfer vier Tage später um 15 Uhr vorbeikommen würde. Timo hatte nicht ein einziges Mal Zweifel. Er wusste genau, was er machen wollte.»

Claudia Konietzka fällt es einfach, über Exit zu reden. Man spürt, dass sie beim Thema Freitod keine inneren Konflikte hat. Schwieriger ist es für sie, ihre eigenen Gefühle zu beschreiben. Meistens spricht sie vor allem davon, was ihr Mann erzählt und wie er sich verhalten hat.

«Am 12. März, an seinem Todestag, waren vier Freunde von uns da. Der Sterbehelfer meinte, dass es gut sei, wenn ich nach Timos Tod nicht alleine sei. Wir haben erst noch zusammen Champagner getrunken. Danach bekam Timo das erste Mittel gegen Erbrechen. Er hat es getrunken, mit der Hand auf den Tisch geklopft und gesagt: Gehen wir. Er ging ins Schlafzimmer. Ich habe dort ein paar Kerzen angezündet. Als er das Gift getrunken hatte, schaute er mich nochmals an. Ich habe seine Hand gehalten, bis er eingeschlafen war. Das ging sehr schnell. Danach bekam ich Angst. Ich sagte, dass ich nun hinausgehen und eine Zigarette rauchen würde. Ich hatte furchtbare Angst, dass er beim Sterben nach Luft schnappen oder dabei einen Krampf haben würde. Ich wusste schon vorher, dass dieser Moment kommen würde.»

20 bis 30 Minuten dauert es normalerweise, bis der Giftcocktail einen Atem- und Herzstillstand verursacht und zum Tod führt. Timo Konietzkas Herz aber hatte noch beinahe 3 Stunden geschlagen. Seine Frau glaubt, dass er ein besonders starkes Herz hatte.

«Meine Freunde haben mich nach zehn Minuten geholt und gesagt, ich könne ruhig zusehen, Timo würde ruhig atmen. Ich bin neben ihn ins Bett gelegen und habe ihn gestreichelt. Er hat sehr flach geatmet, manchmal hatte er kurze Aussetzer. Erst als ich zu ihm gesagt habe, Timo, du kannst aufhören zu atmen, geh zu deiner Mutter Emma, hat er ein letztes Mal eingeatmet und ist gestorben. Er ist friedlich gegangen, ohne Krämpfe. Es war schön zu sehen, dass er nun erlöst wurde.»

Nach Timo Konietzkas Tod wurde die Polizei verständigt, die den Freitod bestätigen musste. Claudia Konietzka muss dann einen schockähnlichen Zustand erlebt haben. Sie erinnert sich nicht mehr an die Gespräche. Sie weiss nicht, wie der Arzt hiess, der Konietzkas Tod festgestellt hat.

«Ich habe nur wenige Erinnerungen, was danach genau passiert ist. Ich war vorher so angespannt, und nach dem Tod von Timo fiel das alles von mir ab. Ich wollte trotzdem stark sein und nicht vor allen weinen. Ich war danach extrem müde und bin sofort eingeschlafen. Mein Sohn hat bei mir übernachtet. Am nächsten Tag bin ich für vier Tage zu einem befreundeten Ehepaar weggefahren. Das war das Beste, was ich machen konnte. Dort hatte ich meine Ruhe. Denn schon am Morgen früh stand ein Reporter vor meiner Haustüre.»

Ingesamt 20 Jahre lang gingen Claudia und Timo Konietzka durch dick und dünn. Eine Zeit, die viele Spuren hinterlässt: Im Wohnzimmer liegt der rote Fasnachtshut, den Timo Konietzka als Brunner Bartlivater getragen hatte. Auch ein grosser Korb mit vielen Sugus steht auf dem Boden. Claudia Konietzka will diese Sachen nicht wegräumen. Wie hat sie den Tod verarbeitet?

«Ich habe vieles verdrängt. Nach dem Tod bekam ich gesundheitliche Probleme. Ich habe mich zwar wieder erholt, doch es geht mir nicht gut. Ich vermisse Timo jeden Tag. Das Leben ohne ihn ist komisch, schwer. Timo ist meine grosse Liebe. Wir hatten noch so viele Pläne, wir wollten zusammen auf Reisen gehen. Ich habe nie erwartet, dass es so kommen würde. Er hat sehr gesund gelebt und sich intensiv mit dem Thema Gesundheit befasst. Ich war überzeugt, dass er uralt würde. Ich glaube nicht, dass Timos Freitod mich als Frau verändert hat. Und ich würde es sofort wieder so machen. Denn falls ich auch unheilbar krank werde, will ich auch mit Exit sterben.»

Erster Torschütze der Bundesliga

Brunnen Friedhelm «Timo» Konietzka starb am 12. März 2012 in Brunnen mit Hilfe von Exit, nachdem bei ihm Gallenkrebs diagnostiziert worden war. Der am 2. August 1938 in Lünen geborene Konietzka war ein deutscher Fussballer, der ab 1988 auch die Schweizer Staatsbürgerschaft besass. In den 1960er-Jahren gewann der Stürmer und Schütze des ersten Tores der Bundesligageschichte Titel mit Borussia Dortmund und dem TSV 1860 München. Als Trainer führte er den FC Zürich zu drei Meisterschafts- und drei Pokalsiegen.

Werbung am Fernsehen

Wegen seiner Ähnlichkeit mit dem sowjetischen General Timoschenko wurde Konietzka einst der Spitzname «Timo» verpasst; später nahm er diesen Namen offiziell an. Timo Konietzka betrieb mit seiner Frau Claudia das Gasthaus Ochsen in Brunnen. Im Schweizer Fernsehen setzte er sich 2010 als Botschafter in Werbespots für die Sterbehilfe ein und bekannte, dass er sich aufgrund gesundheitlicher Probleme auf seinen Tod vorbereite. Am 7. Januar 2012 wurde er noch als Bartlivater zum höchsten Fasnächtler der Gemeinde Ingenbohl gekürt.