TOURISMUS: Titlis-Bahnen befürchten massive Ausfälle

Wird der Gotthardtunnel ohne zweite Röhre saniert, wirkt sich das negativ auf die Zahl asiatischer Gäste in der Zentralschweiz aus. Dies sagt ein gewichtiger Branchenkenner – und erntet damit auch Widerspruch.

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Noch kommt ihr Reisecar ohne Einschränkungen durch den Gotthardtunnel: asiatische Touristen gestern an der Titlis-Talstation in Engelberg. (Bild Pius Amrein)

Noch kommt ihr Reisecar ohne Einschränkungen durch den Gotthardtunnel: asiatische Touristen gestern an der Titlis-Talstation in Engelberg. (Bild Pius Amrein)

Wenn der wichtigste Tunnel der Nord-Süd-Achse während mehrerer Jahre geschlossen wird, hat dies für den Tourismus in der Zentralschweiz «verheerende Konsequenzen». Zu diesem Fazit kommt namentlich Norbert Patt, Chef der Titlis-Bergbahnen. Er prognostiziert für seinen eigenen Betrieb einen jährlichen Umsatzrückgang von 20 bis 25 Millionen Franken. Das Minus für die Region Nidwalden/Engelberg schätzt er auf 100 bis 150 Millionen Franken. Und er sieht bis zu 1000 Arbeitsplätze in Gefahr.

Brenner statt Gotthard?

Was verleitet Patt zu einer solch pessimistischen Prognose? Die Frage ist insofern relevant, als sein Chef, Verwaltungsratspräsident und alt Ständerat Hans Hess (FDP, OW), im Pro-Komitee für die zweite Gotthardröhre sitzt. Doch Norbert Patt zückt nicht das gängige Argumentarium der Tunnelbefürworter. Ihn treibt die Tatsache um, dass heute rund zwei Drittel der Gruppenreisenden die Zentralschweiz via Gotthard entweder erreichen oder verlassen. «Häufig beginnen die Touren in Rom und führen über die Achse Mailand, Gotthard und Luzern Richtung Paris oder Brüssel. Dort nehmen die Veranstalter der Car-Reisen neue Gäste in Empfang und führen sie auf der umgekehrten Route nach Süden», erklärt der Titlis-Chef das gängige System. Die Veranstalter stünden dabei unter hohem Zeit- und Kostendruck und würden sich kaum auf das Angebot einer rollenden Landstrasse einlassen. Darum ist sich Norbert Patt sicher: «Die Tour-Operators werden bei einem geschlossenen Gotthard-Strassentunnel auf Alternativen ausweichen und ihre Gäste zum Beispiel via Brenner nach München bringen.»

Gewichtige Gruppen

Patt befürchtet, dass der Tourismus in der Region um rund einen Viertel zurückgehen könnte. Das sei zwar eine Schätzung, räumt er ein. Doch gründe diese erstens auf Gesprächen mit den Anbietern und zweitens auf einer soliden Faktenbasis – etwa auf der Tatsache, dass die Titlis-Bergbahnen rund die Hälfte des Umsatzes mit Gruppenreisenden aus Asien erzielen und entsprechend auch die Engelberger Hotellerie sehr stark von asiatischen Gästen frequentiert werde. «Allein das Hotel Terrace generiert über 50 000 Logiernächte mit Gästen aus Asien», so Patt.

Deutlich weniger abhängig von diesem Tourismus-Segment sind die Rigi-Bahnen. «Bei uns liegt der Anteil an Gruppenreisenden ungefähr bei 10 Prozent», sagt Verkaufs- und Marketingleiter Roger Joss. Auch er ist sich sicher, dass eine Tunnelsanierung am Gotthard nicht ohne Einfluss bliebe, «für die Gruppen, die in der Regel eine Italien-Schweiz-Frankreich-Kombination» wählen. Generell hält Joss den Ball aber flacher als Norbert Patt und geht davon aus, «dass Luzern als Ausflugsziel nach wie vor sehr beliebt bleiben wird – unabhängig davon, welche Reiserouten die Gruppen wählen».

Luzern Tourismus für zweite Röhre

Bei Luzern Tourismus dürfte man diese Aussage gerne hören. Auf eine längere Sperrung der Gotthard-Autobahn hofft Mediensprecherin Sibylle Gerardi trotzdem nicht: «Sie hätte aus touristischer Sicht negative Auswirkungen auf den Reiseverkehr.» Luzern Tourismus schliesse sich darum der Position des Schweizer Tourismus-Verbandes an, der den Bau eines zweiten Tunnels ohne Kapazitätserweiterung befürwortet, so Gerardi weiter. Besonders wichtig sei die Sicherheit: «Dies ist für den Tourismus generell ein wichtiger Aspekt, da sich Unfälle und Katastrophen jeweils auch betreffend Image sehr negativ auf eine Destination respektive das gesamte Reiseland auswirken können.»

Alpeninitiative: «Kein Hindernis»

Wenig Verständnis für die Befürchtungen der Tourismus-Vertreter hat Thomas Bolli, Sprecher der Alpeninitiative. Das Verladen der Cars auf die Schiene sei kein Hindernis für den Tourismus in der Zentralschweiz. «Und da der Tunnel nur im Winter saniert wird, muss man keine Bedenken haben, dass weniger Touristen auf den Titlis wollen», sagt er. Zudem würde das Verladen von Reisecars nicht wesentlich mehr Zeit in Anspruch nehmen als die Fahrt durch den Tunnel.

Der Sommertourismus in der Titlis-Region sei wegen etwas anderem viel stärker gefährdet, ergänzt Bolli. «Das grössere Problem als die Anfahrt dürften die wegschmelzenden Gletscher sein.» Gebe es die Eismassen nicht mehr, dann blieben wohl auch die Sommerbesucher aus Indien und anderen Ländern weg.

Christian Peter Meier und Yasmin Kunz