TOURISMUS: Zittern um einheimische Gäste

Der starke Franken sorgt bereits für erste Stornierungen. Dass zusätzlich auch die Schweizer Gäste das Weite suchen, bereitet Touristikern noch mehr Bauchweh.

Drucken
Teilen
Bild: Loris Succo / Neue LZ

Bild: Loris Succo / Neue LZ

Yasmin Kunz

Eine Woche ist vergangen, seit Nationalbankpräsident Thomas Jordan die Finanzmärkte mit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses schockiert hat. Wie stark der Schweizer Tourismus dadurch betroffen ist, macht ein fiktives Beispiel sichtbar: Hat eine Logiernacht für zwei Personen aus dem europäischen Raum vor dem Entscheid der Nationalbank (SNB) noch 230 Franken gekostet, so zahlen die Gäste jetzt rund 280 Franken, also gut 20 Prozent mehr. Geradezu krass geht die Preisentwicklung auseinander, wenn man die Preise in Franken und Euro über einen längeren Zeitraum vergleicht: Gemäss einer Mitteilung des Hotelreservierungsservices hotel.de ist der Durchschnittspreis für eine Hotelübernachtung in Schweizer Franken seit 2005 um 7 Prozent gestiegen. In Euro beträgt der Preisaufschlag im gleichen Zeitraum satte 65 Prozent.

Buchungen nehmen deutlich ab

Marcel Perren, Direktor von Luzern Tourismus, ist über diese Entwicklung besorgt. Allerdings nicht nur, was europäische Touristen betrifft. Noch mehr Kopfzerbrechen bereitet ihm der Doppeleffekt, wie er erklärt: «Einerseits kommen weniger europäische Ferienreisende in die Schweiz. Andererseits machen noch mehr Schweizer Touristen nicht mehr im Heimatland Ferien, weil es in benachbarten Ländern günstiger geworden ist.» Der Anteil der Schweizer Gäste in Luzern lag letztes Jahr bei knapp 26 Prozent (siehe Grafik).

Gemäss Marcel Perren sind nur wenige Ferien-Annullationen beim Switzerland Travel Center eingegangen. Hingegen konnte ein veritabler Buchungsrückgang festgestellt werden, welcher auf eine Verunsicherung der Gäste hindeute. «Wir wollen vor allem schauen, dass wir die Schweizer Gäste überzeugen können, weiterhin hier Ferien zu verbringen», sagt Perren. Das STC, welches überwiegend von Schweizern genutzt wird, ist eine Tochtergesellschaft von Hotelleriesuisse, SBB und Schweiz Tourismus.

Was unternimmt Luzern Tourismus, um die Touristen nicht zu verlieren? Gewisse Marketingstrategien seien bereits umgesetzt worden, sagt der Luzerner Tourismusdirektor. «Auf voreilige Schnellschüsse werden wir verzichten. Wir wollen zuerst abwarten, wie sich der Euro mittelfristig entwickelt.»

Vor allem Deutsche stornieren

In den Bergregionen beginnt bald die zweite Hochsaison. «Die Aufhebung des Mindestkurses ist für den Tourismus ein schwarzer Tag», sagt Peter Reinle, Leiter Marketing der Titlis-Bergbahnen in Engelberg. Zu den Bergbahnen gehören die beiden Hotels Trübsee, und Terrace sowie das Feriendorf Titlis Resort. Allerdings deutet momentan noch wenig auf den grossen Einbruch hin. Reinle sagt zum Stand der Buchungen: «Wir verzeichnen für die bevorstehenden Sportferien marginal mehr Logiernächte als im Vorjahr.» Nur wenige Gäste hätten bis jetzt Übernachtungen wegen des hohen Frankens storniert. «Es ist noch zu früh, um das Ausmass dieses Entscheids zu erkennen.»

Auch im Hotel Frutt Lodge und Spa auf Melchsee-Frutt ist bisher wenig zu spüren, wie die stellvertretende Direktorin Christine Kretschmer sagt. «Bisher sind vereinzelt Stornierungen vor allem von deutschen Gästen – eingetroffen. Ob diese im Zusammenhang mit der Aufhebung des Mindestkurses stehen, wissen wir nicht.»

«Uns trifft es im Moment noch nicht so stark, weil wir wenig Touristen aus dem Europaraum haben», sagt Carolina Rüegg, Direktorin von Sörenberg-Flühli Tourismus. Sie sei allerdings überzeugt, dass sie es im Sommer spüren würden. «Wenn man an das schlechte Wetter vom Sommer 2014 denkt, dann werden die Leute wohl nicht Destinationen in den Bergen wählen, sondern eher ans Meer fahren wo sie obendrauf noch günstigere Ferien machen können.»

Obschon es noch keine breite Stornierungswelle gibt, sind Hoteliers teilweise besorgt um die Zukunft des Tourismus. Doch machen können sie im Moment nicht viel. «Schnellschüsse wären nur falsch», so Reinle von den Titlis-Bergbahnen. Auch Frédéric Füssenich, Direktor der Engelberg-Titlis Tourismus AG, kennt kein Rezept, um gegen die Auswirkungen des SNB-Entscheids anzukämpfen. «Wir werden die Hotelpreise nicht senken und auch keine Gratisfahrten anbieten.» Füssenich kann dem Ganzen auch was Gutes abgewinnen. «Diese Situation schafft die Dringlichkeit, im Management etwas zu unternehmen und nicht nur zu sagen ‹wir könnten›, sondern ‹wir müssen›.»

Auch in Sörenberg wird man keine kurzfristige Lösung finden. Beklagen will man sich dennoch nicht. «Die letzten drei Jahre konnten wir vom Mindestkurs profitieren, das dürfen wir auch nicht vergessen», sagt Carolina Rüegg.

Luxussegment spürt keine Krise

Das Fünf-Sterne-Deluxe-Hotel The Chedi in Andermatt beherbergt ebenfalls mehrheitlich Schweizer Gäste. Bis anhin habe man die Aufhebung des Mindestkurses noch nicht zu spüren bekommen, sagt Markus Berger, Sprecher Andermatt Swiss Alps AG. Knapp 20 Prozent der Hotelgäste stammen jedoch aus dem Europaraum. «Diese Gäste haben die Skiferien meistens schon lange im Voraus gebucht und haben erfahrungsgemäss ein grösseres Budget. Sie werden aufgrund des höheren Frankens nicht kurzfristig stornieren», erklärt Berger. Dem pflichtet auch Gerhard Fink, Sales- und Marketingdirektor des Hotels The Chedi, bei: «Im Luxussegment spielt der hohe Franken nicht so eine grosse Rolle.»

«Abwarten» lautet die Devise in der Tourismusbranche in der Zentralschweiz. So bleibt die Zukunft ungewiss, auch für die Angestellten des Toruismus-Infocenter in Engelberg. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)

«Abwarten» lautet die Devise in der Tourismusbranche in der Zentralschweiz. So bleibt die Zukunft ungewiss, auch für die Angestellten des Toruismus-Infocenter in Engelberg. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)