Kommentar

Tourismusumfrage zeigt schonungslos unsere eigenen Widersprüche

Was halten Bürgerinnen und Bürger vom Tourismus in Luzern? Die repräsentative Umfrage bestätigt unter anderem die Tendenz zur Einigelung – obwohl wir Schweizer selber sehr reisefreudig sind. Und mehr noch: Die Resultate haben sogar einen Bezug zur aktuellen Mohrenkopfdebatte.

Jérôme Martinu, Chefredaktor
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Jérôme Martinu, Chefredaktor Luzerner Zeitung und Regionalausgaben.

Jérôme Martinu, Chefredaktor Luzerner Zeitung und Regionalausgaben.

Bild LZ

Kapellbrücke, Löwendenkmal, Uhren, Dampfschiffe, Seilbahnen, Berggipfel. Die Zentralschweiz ist weltberühmt. Die Stadt Luzern als Hotspot wollte wissen, wie die Einheimischen dem Tourismus gegenüber eingestellt sind. Und hat mit Blick auf die künftige Strategie eine Umfrage erstellen lassen. Kernpunkte der Resultate: Die Mehrheit der Bevölkerung hat eine positive Grundeinstellung. Aber: Die meisten sind auch der Meinung, dass die Grenze der Besucherzahl erreicht ist. Die Umfrage ist für die laufende Tourismusdebatte wertvoll. Und sie verdient einen vertieften Blick auf gewisse Aspekte, bei denen Widersprüche ziemlich schonungslos aufgezeigt werden.

Nachdenklich stimmen muss, dass die Umfrage Ressentiments gegenüber der Herkunft der Besucher offen legt: Ein grosser Teil sieht Asiaten nicht gerne in unserer Region. In Zahlen: Für rund 30 Prozent ist die persönliche Akzeptanz der Asiaten tief bis sehr tief. Bei den anderen abgefragten Herkunftsregionen – Nordamerika, Europa, Schweiz – ist der Negativwert kleiner als 2 Prozent. Derartige Vorbehalte sind in Zeiten der (wenig zielführenden) Mohrenschokokusskopf- und (wirklich massgeblichen) Rassismusdebatte umso fragwürdiger.

Die Ursache ist klar, stammen doch die meisten Gruppen- oder Cartouristen aus Asien. Und die Gruppenreisenden sind es natürlich auch, die im Zentrum Luzerns, auf der Achse Kapellbrücke–Schwanenplatz/Grendel–Hertensteinstrasse–Löwendenkmal, am auffälligsten sind. So ist es zwar nicht zutreffend, aber nachvollziehbar, wenn es für ein Drittel der Befragten voll und ganz zutrifft, dass es in der Stadt Luzern insgesamt «eng und überlaufen» ist. In der Debatte um «Overtourism» gehört diese Frage gestellt:

Ist eine Massierung der Touristen an den Hotspots nicht gescheiter als eine Ausbreitung in der ganzen Stadt?

Was leider immer wieder vergessen geht: Der Anteil an Schweizer Gästen bei den Logiernächten ist mit knapp 25 Prozent gross. Gruppentouristen machen bloss knapp 25 Prozent aus. Drei Viertel der übernachtenden Besucher sind also eh schon die gut akzeptierten, weil weniger auffälligen Individualtouristen. Nicht unterschätzen soll man zudem diesen Faktor: Die Besuchergruppen sind es, die sich am ehesten steuern lassen.

Die Momentaufnahme der Tourismusumfrage bestätigt diese Beobachtungen: Die Stimmung ist verbreitet aufgeladen, der Wunsch nach Einigelung wächst. Wir stehen in Zeiten, in denen viele lieber Blumentöpfe auf Carparkplätze stellen, als sich mit dem Wert der Gastfreundschaft auseinanderzusetzen. Das ist umso widersprüchlicher, weil wir Schweizer – von links bis rechts – selber ein überaus reisefreudiges Völkchen sind.

Ob in der Stadt Luzern, auf Titlis, Pilatus, Rigi oder an einem anderen «Point of interest» in unserer weltbekannten, wunderschönen und privilegierten Region, wir tun gut daran, in der wichtigen Debatte um Möglichkeiten und Grenzen des Tourismus nicht die Relationen zu verlieren. Und zwar wirtschaftlich wie auch gastfreundschaftlich. Unsere Region verdankt dem Tourismus sehr viel. Das heisst nicht, dass er dort, wo er den Alltag der Bürgerinnen und Bürger unverhältnismässig beeinträchtigt, nicht kanalisiert werden soll. Aber nichtsdestotrotz wäre es fahrlässig, aufgrund von (emotionalen) Momentaufnahmen den Blick aufs grosse Ganze zu verlieren.

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