TRADITION: «Ave Maria!» – Der Betruf lebt

Nicht etwa nur die älteren Älpler pflegen ihn noch: Viele Junge rufen den Alpsegen. Für den Schwyzer Käser Oskar Pfyl ist er fester Bestandteil des Arbeitstages.

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Oskar Pfyl hält die Tradition aufrecht: Jeden Arbeitstag auf der Tröligen schliesst er mit dem Schwyzer Alpsegen ab. (Bild: Andreas Faessler / Neue ZZ)

Oskar Pfyl hält die Tradition aufrecht: Jeden Arbeitstag auf der Tröligen schliesst er mit dem Schwyzer Alpsegen ab. (Bild: Andreas Faessler / Neue ZZ)

Andreas Faessler

Es mutet archaisch an, doch zugleich nostalgisch und fast meditativ, wenn der Älpler vor dem Eindunkeln den hölzernen Milchtrichter an den Mund führt und in urchig koloriertem Hochdeutsch zum Betruf anstimmt. Mit einem einfachen Sprechgesang, der üblicherweise den Umfang einer Quinte nicht übersteigt.

Der traditionelle Alpsegen, den man auf zahlreichen Alpen in deutschsprachigen katholischen Berggebieten – insbesondere in der Zentralschweiz – pflegt, geht mindestens ins 16. Jahrhundert zurück. Mit der Anrufung Gottes, Mariens und mehrerer Schutzpatrone bittet der Senn um Abwendung von Gefahren für seine Alp, für Mensch und Tier. Der Milchtrichter, auch «Volle» genannt, verstärkt die Stimme, denn der Alpsegen soll möglichst weit wirken, so weit wie der Betruf akustisch reicht. Das klassische Alpsegen-Bild zeigt den Älpler mit angesetztem Trichter vor einem Alpenpanorama in der untergehenden Sonne neben einem Holzkreuz stehend.

Regionale Eigenheiten

In der Region der Waldstätter Alpen erschallt sommers vor Sonnenuntergang von zahlreichen Berghöfen der Betgesang der gläubigen Älpler. Rund ums Muotatal beispielsweise wird der Brauch auf den meisten Alpen praktiziert. Eine davon ist die Tröligen, gut eine Fussstunde hinter Stoos auf 1420 Metern Höhe, auf drei Seiten umgeben von Graten und Bergspitzen. Hier führt Oskar Pfyl aus Ried mit seiner Frau Marianne und den vier Kindern einen grossen Käsereibetrieb, in den sie eine Gastwirtschaft integrieren. Auch die Grosseltern sind mit auf die Tröligen gekommen und helfen, zum Rechten zu schauen. Das Vieh weidet oberhalb an den Hängen, um die Alphütte bewegen sich frei 23 Ziegen, Schweine suhlen sich zufrieden im Schatten des Stalles. Ein Bergidyll wie aus dem Bilderbuch. Wenn sich ein weiterer arbeitsreicher Tag zu Ende neigt, nimmt der 41-Jährige seine Volle, tritt zur Hausecke und ruft den traditionellen Schwyzer Alpsegen über den Tröligerboden.

«Ave, Ave Maria! Es walte Gott und Maria ...» Rund fünf Minuten dauert sein Betgesang, in dem er neben den allerhöchsten Namen auch Sankt Josef und die Schutzpatrone Anton, Wendelin, Philipp, Jakob, Isidor sowie – besonders für den Schwyzer Alpsegen charakteristisch – die vier Evangelisten anruft. «Die Texte unterscheiden sich je nach Region», erklärt Pfyl. «Im Urnerland beispielsweise kommt die Gottesmutter im Gebet noch mehr vor als in der Schwyzer Version.» Und wer es ganz der althergebrachten Form getreu praktizieren will, der fügt dem Betruf im Stillen für die Armen Seelen noch ein Vaterunser an sowie ein Gegrüsst seist du Maria.

Weit mehr als ein Brauch

Auf der Tröligen ist der allabendliche Betruf unabdingbarer Bestandteil eines jeden Tages. «Hier oben ist man den Launen der Natur ausgesetzt und auf Glück angewiesen», sagt Pfyl. Am schlimmsten sei die Blitz- und Hagelgefahr. Vor ein paar Jahren geschah trotz des täglichen Betrufes ein grösseres Unglück auf der Tröligen: Fünf Rinder stürzten nach einem Blitzeinschlag oberhalb der Alp ins Verderben. Vor weiteren solchen Vorfällen soll Gott die Älpler bewahren.

Für Oskar Pfyl geht es demzufolge um weit mehr als um die Erhaltung eines schönen althergebrachten Brauchs. «Es liegt ein tieferer Sinn dahinter. Es ist nicht nur eine Tradition. Ich glaube an die Wirkung des Alpsegens», sagt der gestandene Älpler. Auch ist er sicher, dass der Brauch so schnell nicht aussterben wird. Zwar gäbe es einige Alpbetriebe, wo es im Gegensatz zu früher nicht mehr praktiziert werde, so Pfyl. «Es gibt aber viele Leute und insbesondere Junge, die daran reges Interesse zeigen. Sie haben Freude an Brauchtum und Tradition», weiss er und erwähnt in diesem Kontext das regelmässig und medienwirksam durchgeführte Älpler-Wunschkonzert auf dem Urnerboden. «Dort ist der Alpsegen jeweils einer der Höhepunkte, auf den die Besucher vor Ort und auch die Radiohörer warten.» Berggänger indes bekommen meist wenig von den Betrufen mit, da sie zu einem Zeitpunkt stattfinden, wenn die Wanderer bereits wieder auf dem Weg ins Tal sind. Auch bei Oskar Pfyl in der Tröligen sind die Wandergäste in der Gartenbeiz üblicherweise schon wieder weg, wenn er am Zaun bei der Alphütte steht und den Segen ruft.

Von der Toralp auf die Tröligen

Der Muotataler Landwirt selbst war vom abendlichen Betruf bereits angetan, als er zu Schulzeiten in den 80er-Jahren seine Sommerferien auf der Toralp im Silberngebiet zubrachte. Als er ab 1991 regelmässig auf der Tröligen sömmerte, brachte er den Brauch mit und hat an der täglichen Praxis bis heute festgehalten. So greift er von Ende Mai bis Mitte September jeden Abend zum Trichter und bittet um den göttlichen Schutz für seine Alp.