Tumult im Dorf am Abend des Abstimmungstages

Proteste und Tumult nach einer Volksabstimmung: Das passiert nicht nur im fernen Ausland, das gabs auch schon in Schwyz.

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Die Dachlukarnen am Regierungsgebäude in Schwyz. (Bild: Bert Schnüriger / Neue SZ)

Die Dachlukarnen am Regierungsgebäude in Schwyz. (Bild: Bert Schnüriger / Neue SZ)

Die Dachlukarnen am Redinghaus an der Schmiedgasse in Schwyz. (Bild: Bert Schnüriger / Neue SZ)

Die Dachlukarnen am Redinghaus an der Schmiedgasse in Schwyz. (Bild: Bert Schnüriger / Neue SZ)

«Im Januar 1925 stand Schwyz Kopf», schrieb der «Einsiedler Anzeiger». So etwas habe der Hauptort noch nie erlebt. An diesem Sonntag hatte man im Schwyzer Rathaus das Resultat einer kantonalen Volksabstimmung ausgezählt. Mit 5545 Nein gegen 3625 Ja war an jenem 11. Januar 1925 der Bau eines kantonalen Verwaltungsgebäudes an der Urne abgelehnt worden.

Rund tausend Personen

Über das Resultat ärgerten sich die Unterlegenen, also die Befürworter des Baus. Sie machten ihrem Ärger Luft: «In der Residenz hat die Abstimmung am Sonntagabend zu einer gewaltigen Volkskundgebung geführt», berichtete der «Einsiedler Anzeiger» weiter. «Wie man uns heute mitteilt, soll eine mächtige Volksmenge abends um 9 Uhr herum sich auf dem altehrwürdigen Rathausplatz versammelt haben. Man sprach von rund tausend Personen. Dabei soll es leider zu höchst bedauerlichen Überbordungen gekommen sein. Man sieht daraus, wie tief diese Volksabstimmung die Bewohner der Residenz berührte.»

Platznot im Rathaus

Die Regierung hatte zuvor der Kantonsverwaltung mehr Platz verschaffen wollen. Zwar war sie damals noch bescheiden dotiert. «Die Kantonskanzlei bestand von 1876 bis 1928 unverändert aus dem Kanzleidirektor, dem Schreiber, drei Sekretären, dem Weibel und dem Kantonsläufer», schreibt Meinrad Suter in seinem Kapitel über die Staatsgeschichte in der soeben erschienenen Geschichte des Kantons Schwyz (siehe Box). Über einen eigenen Sekretär verfügten 1920 erst die Vorsteher des Militär- und Polizeidepartements und des Finanzdepartements. «Hilfskräfte mussten einspringen, wenn, wie in den Jahren des Ersten Weltkriegs, die Arbeitslast zu gross wurde», so Suter. Allerdings sei der Ausbau der Verwaltung damals auch durch den Mangel an Räumlichkeiten behindert worden: «Im Rathaus war 1921 der letzte Platz belegt», schreibt Suter.

«Brauchtümliche Heimsuchung»

Darum liess sich die Regierung von ETH-Professor Karl Moser ein kühnes und zukunftsgerichtetes Projekt für ein kantonales Verwaltungsgebäude entwerfen. Ende 1924 lief dazu im Kanton ein heftig und emotional geführter Abstimmungskampf, der zum negativen Resultat des 11. Januar 1925 führte. Dazu schreibt der Historiker Erwin Horat in der neuen Kantonsgeschichte: «Das Ergebnis versetzte die Schwyzer Befürworter in derartige Rage, dass sie die Häuser prominenter Gegner im Stil einer brauchtümlichen Heimsuchung aufsuchten, die Bewohner beschimpften und teilweise Sachbeschädigungen begingen.»
Mit der Volksabstimmung war die Raumnot der für heutige Verhältnisse damals noch kleinen Kantonsverwaltung noch nicht gelindert. Darum reagierte der Regierungsrat sehr schnell und startete einen Wettbewerb, aber diesmal nur unter Schwyzer Architekten. Und noch im gleichen Jahr, am 8. November 1925, wurde der Bau des Wettbewerbsiegers vom Volk mit 6626 Ja gegen 2040 Nein klar gutgeheissen. Daraufhin entstand das heutige Regierungsgebäude an der Schwyzer Bahnhofstrasse, das im März 1927 bezogen werden konnte.

Ironie am Dach

Der Historiker Erwin Horat schreibt dazu, es sei «im traditionellen Gewand der barocken Spätlese» gebaut worden. Und: «Seine Dachlukarnen erinnern, vielleicht ironischerweise, an das Redinghaus an der Schmiedgasse, den Wohnsitz des Hauptleidtragenden der nächtlichen Aktion vom 11. Januar 1925.»

Bert Schnüriger / Neue SZ