UNBEKANNTE HELDEN: Gutes Tun für Gottes Lohn

Wenn wir «Unbekannte Helden» vorstellen, braucht es oft etwas Überredungskunst. Bei Leo Steffen (75) aus dem zugerischen Buonas ist das nicht anders. Der pensionierte Lehrer meint, dass er nichts Überragendes leistet

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Leo Steffen hilft Betagten wie hier dem blinden Pfarrer Grob im Altersheim Büel in Cham. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Leo Steffen hilft Betagten wie hier dem blinden Pfarrer Grob im Altersheim Büel in Cham. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

«Ich wuchs auf dem Menzberg in einer Bergbauernfamilie in bescheidenen Verhältnissen auf. Für mich ist Hilfe zu leisten und mich für Mitmenschen zu interessieren normal.» Steffen hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, seine Zeit mit betagten Frauen und Männern zu teilen. «Die Idee, mich für einsame oder kranke Leute einzusetzen, hatte ich schon, als ich noch berufstätig war», sagt er. Mit den Pfarreien von Risch gleiste er vor rund zehn Jahren das Projekt «Wegbegleitung» auf. So organisiert er einmal im Monat eine Singrunde mit den Bewohnern im Altersheim Dreilinden. Die betagten Leute singen, so gut sie können, mit oder erfreuen sich an dem Moment. «Eine 100-jährige Frau, die selber nicht mehr singen kann, bewegt nur ihre Lippen. Aber dabei blüht sie auf. Der Gesang berührt die alten Leute tief im Herzen, ihre Augen leuchten», so Steffen. Die Singrunde besteht grösstenteils aus Frauen. Die Männer treffen sich lieber zum Männerstamm, den ebenfalls Steffen ins Leben gerufen hat. «Wir stossen jeweils auf die neue Woche an und widmen uns Themen aus Politik, Sport oder gegenwärtig den Überschwemmungen in Deutschland.» Die Organisation solcher Treffen erfüllen Steffen. «Die Leute sind unendlich dankbar und geben mir viel zurück.» Er habe immer etwas in dieser Richtung machen wollen, ohne entlöhnt zu werden. Ein weiterer Aspekt ist, dass er einen anderen Bezug zum Alter hat als früher. «Ich stehe mit 75 an der Schwelle. Vielleicht bin ich selbst einmal froh, wenn mich jemand begleitet.»

Schwimmen mit dem Nachbarn

Die Singrunde und der Männerstamm sind nur zwei Beispiele seines Einsatzes. Einmal pro Woche betreut er einen demenzkranken Nachbarn. «Ich gehe mit ihm schwimmen. Er braucht zwar bei alltäglichen Dingen Hilfe, im Wasser aber ist er frei und kann selbstständig agieren.» Dadurch hat seine Frau einen halben Tag, den sie für sich nutzen kann. «Für sie ist es eine Entlastung und für mich eine Erfüllung.» Während er erzählt, klingelt in seinem Wohnzimmer das Telefon. Steffen entschuldigt sich beim Journalisten und sagt: «Grüezi Herr Pfarrer.» Er wechselt einige Worte, vereinbart einen Termin. Ohne Aufforderung erzählt er danach, dass es sich um den 90-jährigen ehemaligen Pfarrer Grob handelte, der sich sporadisch bei ihm melde und um Hilfe bitte. «Pfarrer Grob und ich leben seit Ende der 1960er-Jahre in Risch. Während vieler Jahre hat er in bescheidender Art in der Pfarrei vieles geleistet. Zu seinem 90. Geburtstag wollte der Pfarrer, dass ich in seinen Unterlagen ein bestimmtes Lied suche, das beim Fest vorgetragen werden sollte», gibt Steffen ein Beispiel.
Bei all der Freiwilligenarbeit findet Steffen immer noch Zeit für seine Familie. Er und seine Ehefrau – die übrigens für behinderte Menschen Taxi fährt – verbringen viele Stunden mit ihren Enkelkindern und fahren regelmässig in die Ferien. In seinen 42 Jahren als Lehrer war es ihm stets ein Anliegen, den sogenannt schwachen Schülern – er unterrichtete viele Jahre Sonderklassen – Mut für die Zukunft zu machen. Offenbar traf er den Nerv vieler junger Leute. «Manche von ihnen haben einen unglaublichen Weg zurückgelegt und sind heute erfolgreiche Unternehmer.»

Will Rollstuhlgruppe gründen

Die Ideen für gute Taten gehen Leo Steffen noch lange nicht aus: «Mir schwebt eine Rollstuhlgruppe vor. Ich würde gerne Leute gewinnen, die sich dafür melden und betagte Leute im Rollstuhl gelegentlich begleiten.»
Steffen wünscht sich, dass sich mehr Leute für die Wegbegleitung betagter Menschen engagieren. «Ich spreche oft Personen in meinem Alter an und versuche sie zu überzeugen, dass man mit geringem Aufwand Menschen Freude bereiten kann.» Oft vergebens. «Es ist für viele Pensionierte ein schwieriger Schritt, ein Altersheim zu betreten.» Dabei wäre das Engagement so bereichernd. Nicht in finanzieller Hinsicht, aber: «Jedes Mal, wenn ich das Heim verlasse, nehme ich ein Stück Glück mit nach Hause.»

Roger Rüegger
roger.rueegger@luzernerzeitung.ch

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Karin Ottiger (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Karin Ottiger (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)