UNFÄLLE: Am Mythen ist es am gefährlichsten

2015 starben mehr Personen in den Bergen als im Vorjahr. Ein Bergmassiv in der Zentralschweiz ist besonders gefährlich.

Matthias Stadler
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Der Kleine und der Grosse Mythen bei Schwyz fordern regelmässig Menschenleben: Letztes Jahr waren es deren vier. (Bild Roger Gruetter)

Der Kleine und der Grosse Mythen bei Schwyz fordern regelmässig Menschenleben: Letztes Jahr waren es deren vier. (Bild Roger Gruetter)

Matthias Stadler

Wer schon einmal auf ihm war, der weiss: Der Grosse Mythen oberhalb von Schwyz bietet ein Panorama sondergleichen. Unter einem liegt der Schwyzer Talkessel mit dem Vierwaldstättersee und dem Lauerzersee, und dem geniessenden Auge offenbart sich die halbe Alpenkette. Wer schon einmal oben war, weiss aber auch: Der Aufstieg hat seine Tücken. Ein Bergwanderweg führt in 47 Kehren zum auf 1898 Meter über Meer gelegenen Gipfel des Schwyzer Hausberges. Neben dem Weg geht es steil bergab, ein Fehltritt kann lebensgefährlich sein. Und die Beliebtheit des Berges lockt an einem schönen Sommertag viel Wandervolk an, sodass es auf dem engen Weg noch enger wird.

Beim kleinen Bruder gleich nebenan verhält es sich anders. Der Kleine Mythen ist kein klassischer Wanderberg, sondern wird von Kletterern bezwungen. Somit finden sich naturgemäss weniger Besucher auf dessen Spitze. Das tut seiner Gefährlichkeit aber keinen Abbruch, denn der Grosse wie der Kleine Mythen waren letztes Jahr gemeinsam die gefährlichsten Berge in der Zentralschweiz. Laut Ueli Mosimann vom Schweizer Alpen-Club (SAC) starben an den beiden Gipfeln je zwei Personen. Der Experte, der der Fachgruppe Sicherheit im Bergsport angehört, sagt: «Der Bergweg auf den Grossen Mythen ist markiert und gesichert, aber wenn man dort stolpert oder einen Moment unachtsam ist, kann es sehr gefährlich werden.» Aber auch der Kleine Mythen sei tückisch: «Dort hat es heikles, ungesichertes Gelände», sagt er.

Grosser Mythen wird unterschätzt

Ueli Mosimann vermutet, dass der Grosse Mythen mitunter unterschätzt wird. Er rät Wanderern, «aufmerksam, kontrolliert und nicht überstürzt zu gehen». Dies gelte vor allem auch beim Absteigen. Denn wenn man auf dem Weg nach unten einen Fehltritt mache, stolpere man sozusagen vom Berg weg, was gravierendere Folgen als beim Aufstieg habe. Besonders ältere Wanderer sollen sich Zeit nehmen, denn ihre Reaktion lasse nach.

Als weiteres Risikogebiet stuft Mosimann die Rigi Hochflue ein. Der alpinste der Rigigipfel forderte vergangenes Jahr drei Menschenleben. Drei offizielle Wanderwege führen auf die Hochflue, alle sind blau-weiss markiert, also Alpinwanderwege. Diese sind gefährlicher als Bergwanderwege, welche – wie beim Grossen Mythen – rot-weiss markiert sind.

Auch beim Klettern gibt es immer wieder Unfälle in der Zentralschweiz, vor allem im Furka- und Salbitgebiet. Letzteres liegt im Urner Göscheneralptal und ist bei Kletterern beliebt. 2015 haben sich hier laut SAC-Experte Mosimann aber keine tödlichen Unfälle ereignet.

51 Personen mehr gestorben

In den Zentralschweizer Bergen verunfallten vergangenes Jahr 13 Personen tödlich. Im Kanton Schwyz starben am meisten Personen – deren 8. In Uri 3 und in Nid- und Obwalden 2.

Der SAC verzeichnete 2015 in der gesamten Schweiz deutlich mehr tödliche Unfälle als in den Jahren zuvor: Es starben insgesamt 213 Personen (Vorjahr: 162). 71 der Verunfallten kamen bei der Ausübung von Sportarten wie Gleitschirmfliegen, Base-Jumping oder Mountainbiking ums Leben. Beim Bergsport im engeren Sinne starben 142 Personen (Vorjahr: 96) – 98 von ihnen wegen Stürzen, 33 Personen wegen Lawinen (mehr dazu Seite 12). Weitere Todesursachen waren Steinschläge, Erschöpfung oder Spalteneinbrüche.

Als Grund für die markante Zunahme nennt der Schweizer Alpen-Club eine «Verkettung verschiedener Faktoren». So habe im Winter 2014/15 häufig erhöhte Lawinengefahr bestanden. Zudem seien der schöne Hochsommer mit intensiver Tourentätigkeit und ein milder Herbst und Vorwinter mit gutem Wanderwetter dafür verantwortlich. Trotzdem seien in den 80er- und 90er- Jahren sowie 2011 mehr Personen in den Bergen ums Leben gekommen als letztes Jahr.

Alleingänger «ein Risikofaktor»

Bei den Bergwanderern und bei den Schneeschuhläufern macht der SAC ein besonderes Problem aus: die Alleingänger. Gut 50 Prozent der tödlich Verunfallten seien alleine unterwegs gewesen. «In einigen Fällen gehen wir davon aus, dass diese Personen mit einem Partner überlebt hätten», erklärt Mosimann. Alleine unterwegs zu sein, sei «ein Risikofaktor. Denn bei einem Zwischenfall ist man auf sich alleine gestellt.» Zudem gebe es in den Bergen nach wie vor grössere Gebiete, in denen keine Mobiltelefonverbindung hergestellt werden könne, um Hilfe anzufordern.

Der SAC empfiehlt Alleingängern, besonders bei Touren in abgelegenen Gebieten, ein Rega-Notfunkgerät mitzuführen. Zudem soll man Angehörige darüber orientieren, wohin man geht und wie lange man unterwegs sein wird.

Der Sessel fiel aus 12 Metern Höhe. (Bild: Leserbild «20 Minuten»)

Der Sessel fiel aus 12 Metern Höhe. (Bild: Leserbild «20 Minuten»)