25 Jahre LZ-Weihnachtsaktion
Unglaubliche Schicksale und aus der Not geborene Heldinnen und Helden

Vor 25 Jahren startete die LZ-Weihnachtsaktion. Wir blicken zurück und erinnern uns an Situationen, wo man fragen möchte: Ist so etwas möglich? Ja, es ist möglich.

Arno Renggli
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Stellvertretend für alle, denen wir helfen konnten: Eine Familie, über die wir in der Zeitung berichtet haben.

Stellvertretend für alle, denen wir helfen konnten: Eine Familie, über die wir in der Zeitung berichtet haben.

Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 15. Dezember 2014)

1996, vor 25 Jahren, wurde die LZ-Weihnachtsaktion erstmals durchgeführt. Seither hat sie rund 64 Millionen Franken gesammelt, dabei über 48'000 Hilfsgesuche erhalten und durch ihre Beirätinnen und Beiräte prüfen lassen.

Viele dieser Gesuche haben uns berührt, zeigten sie doch besonders harte Notlagen. Nicht selten waren es Todesfälle, die ganze Familien erschütterten, Väter und Mütter zu Alleinerziehenden machten, Kinder zu Halbwaisen oder in manchen Fällen gar zu Vollwaisen. Ein Beispiel unter vielen aus der ganzen Zentralschweiz ist ein 50-jähriger Mann mit seinen vier Kindern zwischen sieben und zehn Jahren: Sie müssen erleben, wie die Ehefrau und Mutter einem Krebsleiden erliegt. Nach monatelangem Kampf zwischen Hoffen und Bangen kann sie nur noch aufgeben und loslassen. An Mariä Himmelfahrt versammelt sie die ganze Familie am Spitalbett und verabschiedet sich. Noch gleichentags hat sie ihre eigene Todesanzeige geschrieben. Einen Tag später stirbt sie. Wir durften der Familie in dieser schweren Zeit mindestens eine finanzielle Sorge abnehmen und unsere Solidarität zeigen.

Knabe hat gleich zweimal einen Vater verloren

Manchmal ist das Schicksal so unbarmherzig, dass es gleich zweimal zuschlägt. So beim zehnjährigen Jonas (alle Namen von der Redaktion geändert): Sein Vater verliess ihn und seine Mutter, brach den Kontakt total ab. Da lernt seine Mutter einen neuen Mann kennen, Jonas versteht sich blendend mit ihm, nennt ihn bald Papa, blüht wieder auf. Seine Mutter wird schwanger, bringt einen gesunden Knaben zur Welt. Eine Woche nach der Geburt stirbt der neue Vater bei einem Velo-Unfall. Eine unfassbare Wendung und Tragödie für Jonas und seine Mutter, die zum zweiten Mal den Vater und Partner verlieren. Die LZ-Weihnachtsaktion unterstützt die beiden in dieser schweren Zeit. Und es war vor allem auch der kleine Neuankömmling, der Bruder von Jonas, der sich für beide zum grossen Trost entwickeln sollte.

Die Lawine rettete sein Leben, doch dann...

Mit einer üblen Wendung wartet das Schicksal auch bei einer Bergbauernfamilie auf. Der 16-jährige Sohn Fabian wird bei einer Lawine schwer verletzt, ein Kollege von ihm stirbt sogar. Als man Fabian im Spital untersucht, findet man einen Gehirntumor. Dieser kann rechtzeitig entfernt werden. Obwohl Fabian viele Monate braucht, bis er wieder halbwegs gesund ist, kann man sagen: Die Lawine, ohne die der Tumor kaum rechtzeitig entdeckt worden wäre, hat ihm das Leben gerettet. Aber es ist nicht vorbei: Als ihn seine Mutter im Spital besucht, wird man dort auf einen dunklen Fleck auf ihrem Arm aufmerksam. Die Diagnose: Hautkrebs. Wir haben die Familie unterstützt. Und einige Wochen später erfahren, dass die Mutter von Fabian gestorben ist.

Tatsächlich helfen wir vielen Menschen, und oft wendet sich deren Leben zum Guten. Aber leider nicht immer. Es war auch für uns erschütternd, vor einigen Jahren just nach Weihnachten zu vernehmen, dass der Landwirt und vierfache Vater, der an Krebs litt und über dessen Kampfgeist wir berichten durften, gestorben ist. Genauso wie die Nachricht vom Tode eines achtjährigen Innerschweizer Jungen, der ebenfalls an Krebs erkrankt war. Wenige Wochen zuvor hatten wir ihn und seine Familie besucht. Wie ein Held hatte er die Krankheit erduldet, gegen sie gekämpft. Doch gewinnen konnte er nicht.

Teenager-Mädchen: Fataler Rollentausch mit der Mutter

Anderen jungen Helden ist es besser ergangen. Wie den Zwillingsbabys eines Bauernpaares, die 14 Wochen vor Termin zur Welt gekommen sind. Davor waren die Eltern gar mit der Frage konfrontiert, ob sie eines der Kinder opfern, um das andere zu retten. Am Ende schaffen es beide, auch wenn sie monatelang um ihr Leben kämpfen. Alle überrascht hat auch ein zweijähriger Knabe, dem nach der Geburt eine halbseitige Lähmung prognostiziert worden war. Trotzdem hat er laufen gelernt. Auch ihn und seine Familie durften wir unterstützen.

Zu den jungen Helden gehört auch Manuela, die als Teenager zuschauen muss, wie ihre eigene Mutter mit kaum 50 Jahren dement wird, sich geistig zu einem kleinen Kind zurückentwickelt. Was zum einen traurigen Rollentausch führt. Denn Manuela lebt weiter mit ihrer Mutter zusammen und beteiligt sich tapfer an deren Pflege. Auch wenn es immer häufiger geschieht, dass diese sie nicht einmal mehr erkennt.

Doch wir unterstützen nicht nur junge Helden. Mit einer Extremsituation war auch ein Seniorenpaar aus unserer Region konfrontiert: Deren Tochter war einige Jahre zuvor in die USA ausgewandert, hatte dort einen Mann geheiratet und drei Kinder geboren.

Für ihre Enkel wurden sie zu Helden

Dann kommt es zur Katastrophe: Der Kindsvater tötet vermutlich im Drogenrausch das nur wenige Monate alte kleinste Kind, eines der älteren Kinder muss die Tat miterleben. Der Vater wird verhaftet. Doch die Mutter ebenfalls, weil sie ihre Aufsichtspflicht verletzt hat, als sie die Kinder der Obhut des nicht zurechnungsfähigen Mannes überliess. Die beiden überlebenden Kinder kommen in der Folge zu mehreren Pflegefamilien, werden an einem Ort gar selber Opfer von Gewalt. Die inhaftierte Mutter ruft ihre Eltern in der Schweiz um Hilfe.

Um ihre Enkel zu retten, wachsen die beiden Pensionäre über sich hinaus. Obwohl sie kaum Englisch können, reisen sie mehrere Male in die USA, wollen die Kinder in die Schweiz holen, kämpfen sich durch die Mühlen des komplizierten, undurchschaubaren US-Justizsystems. Sie lassen nicht locker. Dann endlich entscheidet ein Geschworenengericht: Sie können ihre Enkel gleich mitnehmen. Zu viert reisen sie in die Schweiz zurück. Diesem Heldentum folgt ein nächstes Zuhause: Noch für lange, bis die Tochter dereinst freikommen und in die Schweiz zurückkehren sollte, werden die beiden Grosseltern zu den Ersatzeltern ihrer beiden Enkel. Und geben ihnen die Liebe und den Halt, die sie brauchen. Um wieder in ein normales Leben zurückzufinden. Dieses Seniorenpaar, das wir unterstützen durften, hat uns tief beeindruckt.

Aufopfernde Liebe und noch ein Schicksalsschlag

Ebenso wie eine 75-jährige Innerschweizerin, die ihre positive Lebenseinstellung bewahrt hat, obschon ihr das Leben wirklich übel mitgespielt hat: Vor über 40 Jahren stürzt ihr Mann, mit dem sie zwei Kinder hat, in den Bergen ab. Aus dem sportlichen Bergführer wird ein Gelähmter, der sich nur im Rollstuhl fortbewegen kann. Seine Frau pflegt ihn, begleitet ihn auch in seinen depressiven Phasen, sorgt für die Kinder. Nach 37 Jahren stirbt ihr Mann. Einige Monate später wird sie angefahren und muss ins Spital, wo man nebenbei einen Lungenkrebs entdeckt. Ein neuer Leidensweg mit Bestrahlungen und Chemotherapie startet. Sie nimmt das alles auf sich. Und wir sind froh, dass wir ihr mit einem Beitrag helfen durften.

Die neue Sammlung startet: Helfen Sie, damit wir helfen können

Am Freitag, 12. November, startet die LZ-Weihnachtsaktion offiziell ihre neue Sammlung. Zum 26. Mal helfen wir mit Spenden unserer Leserinnen und Leser Menschen in der Zentralschweiz, die in Not geraten sind. In der Printzeitung vom nächsten Freitag wird der Einzahlungsschein zur diesjährigen Sammlung beiliegen. Spenden können Sie bereits via Postkonto 60-33377-5 (IBAN-­Nr: CH89 0900 0000 6003 3377 5) und via www.luzernerzeitung.ch/spenden. Wir werden die Namen der Spenderinnen und Spender ab 100 Franken in der Zeitung veröffentlichen, sofern von Ihnen nicht anders vermerkt.

Die LZ-Weihnachtsaktion ist in unserer Region fest verankert. Letztes Jahr erzielten wir ein Spendenergebnis von 5377439 Franken, total 18970 Spenderinnen und Spender halfen mit. Seit der Gründung (siehe links) wurden rund 64 Millionen Franken gesammelt.

Jedes Gesuch wird sorgfältig geprüft

Wie willkommen diese Hilfe ist, zeigt die Zahl der Gesuche, die sich letztes Jahr auf 3645 belief. Dieses Jahr haben wir schon vor dem Start bereits wieder rund 900 Anfragen erhalten.

Gesuche können von Gemeinden oder sozialen Institutionen zu Gunsten von Einzelpersonen und Familien eingereicht werden, nicht von Betroffenen selber. Jedes Gesuch wird vom Beirat geprüft. Er besteht aus 13 ehrenamtlich tätigen Sozialfachleuten aus der Zentralschweiz. Beiratspräsident ist Urs W. Studer, alt Stadtpräsident Luzerns.

Die Coronasituation betrifft auch die LZ-Weihnachtsaktion. Viele Hilfsgesuche zeigen, dass die Pandemie eine Notsituation verschärfen kann, Schicksalsschläge noch härter macht. Weil gesundheitliche Probleme sich verstärken, weil jemand seinen Job verliert, weil soziale Isolation alles erschwert. Wir helfen schnell und gezielt, wo Menschen durch die Maschen des Sozialsystems fallen. Dies lindert nicht nur materielle Not, sondern zeigt Betroffenen, dass sie nicht allein gelassen werden, dass unsere Region solidarisch ist. Wir freuen uns auf eine erfolgreiche Sammlung. (are)

Geschäftsstelle LZ-Weihnachtsaktion: Elisabeth Portmann, Geschäftsleiterin. Infos: lzweihnachtsaktion@chmedia.ch, Tel. 041 429 54 04.

Ein Leben kommt praktisch zum Stillstand

Besonders berührt hat uns auch die Begegnung mit der 17-jährigen Sofia, die sich aus zunächst unbekannten Gründen plötzlich kaum mehr bewegen kann. In einem Alter, wo sie ihrer Ausbildung nachgehen, aber auch das Leben, die Freizeit, den Freundeskreis geniessen sollte, kommt sie plötzlich kaum mehr aus dem Haus, phasenweise nicht einmal mehr aus dem Bett. Zudem beginnt für sie und ihre Eltern der Spiessrutenlauf durch die medizinischen Institutionen, die sich ohne genaue Diagnose extrem schwertun und die Familie oft einfach weiterschicken.

Wir sind mit der Familie über die Jahre in Kontakt geblieben. Inzwischen ist offenbar geklärt, dass Sofia an dem «Chronic Fatigue Syndrom» (chronische Müdigkeitssyndrom) leidet. Heute geht man davon aus, dass diese noch schlecht erforschte Krankheit in Zukunft für unsere Gesellschaft noch eine deutlich grössere Rolle spielen wird.

Sofia ihrerseits hat nie aufgegeben. Wie sagte sie schon damals: «Vor meiner Krankheit wollte ich immer einen Job, in dem ich möglichst wenig mit Menschen zu tun habe. Heute sehe ich das ganz anders: Ich würde gerne einmal im sozialen Bereich arbeiten. Und anderen Menschen helfen.»

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