110 Jahre Alfa Romeo: Eine Hommage – auch an Exemplare im Kanton Uri

Fast wäre die Urner Polizei mit dem Kultauto unterwegs gewesen.

Giulio Zenoni
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Alfa Romeo geniesst Kultstatus.

Alfa Romeo geniesst Kultstatus.

Bild: PD

Verzeihen Sie mir, nach dem einschneidenden Virus von meinem lang gehegten Virus zu schreiben. Mit grosszügigem Respekt und Distanz ist es seit meinen Bubenjahren (Träumen) das Virus Alfa Romeo. Damals, Ende der Sechzigerjahre in der Bahnhofstrasse 71 in Altdorf, im Viktor-Gasperini-Bürohaus, weckte mich oft ein erregendes, sonores Motorengeräusch.

Es war Werner Niederberger, Wirt des Hotel Bahnhofs, der vom Ausgang mit seinem blutroten Alfa Romeo heimkehrte. Seine Giulia erblickte das Licht der Welt 1962. Die «Ingegneri» und Designer von Anonima Lombarda Fabrica Automobile, 1910 gegründet in Milano, sprich Alfa, schufen ein Meisterwerk von Technik und Ästhetik. «Vom Wind gezeichnet», schrieb die Fachpresse und am Wochenende gewann der Papa damit Pokale an den Rennen.

Zum Tode geweiht und doch wieder auferstanden

Die Giulia, die schönste Italienerin. Porsches dieser Zeit sahen meistens nur das Heck einer Giulia. Am 24.Juni feierte Alfa Romeo 110Jahre Existenz. Ganz wenige Automobilhersteller haben das geschafft. Öfter dem Tode geweiht, in den Ruin gewirtschaftet und trotzdem wieder auferstanden mit Kreationen von atemberaubender, betörender, einzigartiger Schönheit von Form und Technik. Auf sämtlichen Weltbühnen von Glanz und Eleganz wie Pebble Beach, Villa d’Este, Bagatelle, Stuttgart und so weiter gewinnt meistens ein Alfa Romeo. Die Fachjury kommt an keinem 33 Stradale P3Monza, Carabo, Disco volante 1900 Sport Zagato vorbei. Wie sagte doch schon Henry Ford 1920: «Vor einem Alfa Romeo ziehe ich den Hut.» Selbst Enzo Ferrari bekannte: «Ich habs von Alfa Romeo gelernt.»

Enzo Ferrari war übrigens Rennchef von Alfa Romeo in den Dreissigerjahren. Die Klausenrennen-Werk-Alfas ziert ein «gumpendes Ferrari-Ross» – damals schon sein Markenzeichen. Als Ende der Vierzigerjahre Ferrari seine eigene Marke gründete und zum ersten Mal in der damaligen Formel 1 die Alfettas von Fangio & Farina schlug, gab er zu Protokoll: «Ho mazato la mia madre.» – «Ich habe meine Mutter ermordet.»

Der Mythos Alfa Romeo lebt 2020 im Stelvio und Giulia. Sie verleugnen nicht, aus welchem Stall sie kommen. Gut so, im immer wuchtig werdenden Einheitsbrei. Charakter und Stil haben sie nicht verloren. «Grazie», Alfa Romeo, für ganz viel Passion und Emotion seit 110 Jahren.

Drei kleine Anekdoten zu Uri und Alfa Romeo:

  • Bernhard Brägger brachte Uri in den Neunzigerjahren den Mythos Klausenrennen zurück. Unvergesslich, wie ein Alfa Romeo P3 auf dem Urnerboden auftauchte und fast fliegend in die ersten Kurven des Klausens stach. Mein Vater Gerold, 92-jährig, sah im Winkel in Altdorf, wie die Boliden nach der Siegerehrung beim Telldenkmal verladen wurden.
  • Eine Giulia TZ1 von 1965, einst Rennwagen von Peter Mattli, ehemaliger Regierungsrat, fuhr oft zum Training ins Meiental. Bei einer Auktion in Mailand wurde kürzlich ein Sammler für 1,5Millionen Franken glücklich.
  • Der Urner Polizei wurde 1967 eine Version Giulia Polizia offeriert. Als Zubehör Sirene, Blinklichter, Absperrutensilien. Volvo bekam den Vorrang.

Kleiner Wermutstropfen: Die Tessiner Polizei entschied sich in der gleichen Zeit für das Mailänder Kultauto – zu meiner grossen Freude. Wann immer ich unterwegs bin mit meiner Giulia Super, höre ich die Leute sagen «Che bella macchina» und auf der «Autostrada» sehe ich ein Fingerzeigen nach oben, egal ob vom «Bambino» oder der «Nonna».