Kolumne

«Ürner Asichtä»: Sitzen 110 Zürcher und 7 Urner an einem Tisch ...

Die Gastkolumnistin Myriam Planzer zur Frage, wie viele Frauen im Bundesrat vertreten sein sollen.

Myriam Planzer
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Myriam Planzer (Bild: PD)

Myriam Planzer (Bild: PD)

Was klingt wie der Beginn eines miesen Witzes, ist der Anfang einer Zauberformel, die ich gerne heute mit Ihnen zusammen ausprobieren möchte. Sehr geehrte Herren über 50 (und alle, die sich als solche fühlen), sehr geehrte Damen, junge Herren und Kinder, heute wagen wir uns an Zahlen! Wir beginnen locker mit etwas Kulinarischem.

Frage 1: Samstagabend, ein gemütliches Znacht mit Freunden. Sie haben zwei exquisite Sorten Wein, weissen und roten. Ihre Freunde wollen alle von beiden Weinen, aber die Hälfte hat lieber Weissen zur Vorspeise, die andere Hälfte lieber Roten. Und zwar ein anständig volles Glas. Sie haben sieben Gläser vor sich. Was ist nun fair und schnell? Drei Gläser Roten, vier Gläser Weissen und beim nächsten Gang wechseln Sie zu vier Gläsern Roten, drei Gläser Weissen. Oder?

Frage 2: Stellen Sie sich vor, es gäbe in der Schweiz nur Urner und Zürcher, und zwar gleich viel (ein Szenario, von dem ich heimlich träume …). Und wir hätten seit 1848 insgesamt 110 Zürcher im Bundesrat gehabt und sieben Urner. Vorausgesetzt, Sie sind jetzt nicht per Zufall fanatischer Zürcher, fänden Sie das ehrlich gesund für unser Land? (Und ja, ich darf das schreiben, ich bin schliesslich seit 2017 selber Zürcherin. Gar nicht so schlimm, wie ich dachte.) Und stellen Sie sich vor, wir hätten ab Dezember 2018 das Verhältnis 1 Urner zu 6 Zürchern. Fair? Könnten die 6 Zürcher alle Urner anständig vertreten, obwohl sie nie einen Fuss nach Uri gesetzt hätten? Auch wenn diese Zürcher sehr fest offene Ohren, viel Weisheit und ein grosses Herz hätten, um eine solche Vertretung zu machen (schliesslich gibt’s deren viele) – es bliebe doch ein schaler Nachgeschmack, dass es unfair ist, nicht?

Relativ einleuchtend, auch das, oder? Nur, warum sind dieselben Rechnungen so schwierig, wenn es um die aktuellen zwei Bundesratskandidaturen geht? Ich habe seit letztem Montag, 19 Uhr, ein Verbot, Artikel zu lesen, die sich um die Frage drehen, wer nun geeignet ist und wie viele Frauen in den Bundesrat gehören. Online-Kommentare habe ich mir meiner Herzgesundheit zuliebe schon lange abgewöhnt. Ich verstehe die nörgeligen Unzufriedenheiten nicht. Ich verstehe ganz einfach nicht, warum sich nicht jeder dafür einsetzt, dass im Dezember zwei Frauen in den Bundesrat kommen, damit wir nachher wenigstens wieder das Verhältnis 3:4 haben.

Und kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit dem Qualifikationsargument. Da sind wir uns sowieso einig. Gleichberechtigung ist dann erreicht, wenn in hohen Positionen genau gleich viele schlechte Frauen sitzen wie schlechte Männer. Geschweige, dass alle 110 Männer, die je im Bundesrat waren, wirklich gut waren. Da gehen Sie doch einig mit mir? Klar, wünsche ich mir eine Regierung mit hervorragenden Bundesräten und strategisch und dossiermässig bombensicheren Bundesrätinnen. Und zum Glück gibt es ja immer wieder herausragende Persönlichkeiten in diesem Amt, partei- und geschlechtsunabhängig. Aber nicht weniger erwarte ich eine Regierung, die ausgewogen ist. Wir haben schliesslich 2018, nicht 1848. Da habe ich es mit meiner Grossmutter (selig), die versöhnlich sagte: «Dr Herrgott hed ä hüfä Choschtgänger.» Recht hatte sie! Mit sieben Bundesratssitzen hat es wirklich genug Platz am Tisch für alle.