Abenteuer am Polarmeer
Fast hätte das Virus ihre Reise mit dem Expeditionsfahrzeug verhindert: Diese Andermatter verbringen die Coronazeit am Nordkap

Erst sah es so aus, dass das Virus Christian und Sybil Hütwohl einen Strich durch ihre Reisepläne macht. Doch dann schöpften sie neue Hoffnung.

Christian Tschümperlin
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Eine Impression ihrer Reise: Das Ehepaar Hütwohl auf den Lofoten in Skandinavien.

Eine Impression ihrer Reise: Das Ehepaar Hütwohl auf den Lofoten in Skandinavien.

Bild: PD

Eigentlich hatten Christian und Sybil Hütwohl das Fahrzeug schon gepackt. Nach ihrer viermonatigen Reise durch Island im letzten Jahr sollte ihre Reise in diesem Jahr mit dem autarken Expeditionsfahrzeug von der Türkei über Armenien bis in den Iran führen.

Mit diesem Expeditionsfahrzeug wollten die Urner Christian und Sybil Hütwohl auf Reisen gehen.

Mit diesem Expeditionsfahrzeug wollten die Urner Christian und Sybil Hütwohl auf Reisen gehen.

Bild: PD

Doch dann gingen im März die Grenzen zu. Das Ehepaar liess sich wegen des Lockdowns aber nicht von den Reiseplänen abbringen. In ihrer Wohnung in Andermatt machten sie eine Auslegeordnung, was überhaupt möglich ist. «Anfang Juni konnten wir schliesslich nach Skandinavien aufbrechen», berichtet Christian Hütwohl.

Das Ehepaar ist eines von vielen in der Schweiz, das mit einem Expeditionsfahrzeug die Welt erkundet. «Eine Urner-Nummer im Ausland ist aber schon etwas Spezielles», sagt Christian Hütwohl. Darauf werden die beiden häufig angesprochen. «Einige meinten, dass wir aus der Ukraine kommen wegen des Kürzels UR» – wobei anzumerken ist, dass das ukrainische Kennzeichen eigentlich auf UA lautet – «Schweizer, denen wir im Ausland begegnen, zeigen sich wiederum erstaunt über die tiefe Zahl auf dem Kontrollschild.» Der autarke LKW mit der Nummer 9416 ist einer von nur 500 in Uri angemeldeten Lastwagen. Urner Lastwagen-Kennzeichen bewegen sich zwischen den Zahlen 9000 und 9500.

«Die Urner Nummer und der Aufkleber mit der Schweizer Flagge vorne am Fahrzeug entpuppen sich unterwegs immer wieder als Türöffner und können sogar beim Grenzübertritt helfen.»

Seit über dreissig Jahren entdecken die Hütwohls gemeinsam die Welt, früher noch mit dem Motorrad. Schon damals fiel ihnen auf, dass europäische Bürger an Grenzübertritten bevorzugt behandelt werden, etwa in der Türkei.

«Wenn man beim Zoll in der Schlange steht, wird man manchmal einfach nach vorne gewunken.»

Entspannung in den grossen Weiten des hohen Nordens

Jedenfalls packten die Hütwohls die Chance beim Schopf, als im Juni die Schweizer Grenze nach Norden aufging und sie absolvierten in vier Monaten die Nordkap-Tour. «Wir haben von Rostock in Norddeutschland nach Trelleborg in Südschweden verschifft und fuhren dann an der schwedischen Ostseeküste hoch nach Norwegen und via Lappland wieder zurück.»

Die Nordkap-Tour der Hütwohls

12'000 Kilometer waren sie unterwegs. Im Nachhinein kann das Ehepaar berichten, dass dies die bislang entspannteste Reise war. «Wegen Corona gab es nur wenig Touristen in diesen unendlichen Weiten im Norden von Skandinavien. Auch die üblichen Hotspots wie die Lofoten waren nicht überlaufen.» Am Nordkap seien gar nur 10 Prozent der üblichen Touristenmengen zu verzeichnen gewesen.

So schön war es in Norwegen.

So schön war es in Norwegen.

Bild: PD

Grosse Städte wie Oslo oder Stockholm mieden die beiden Weltenbummler, um einer möglichen Corona-Ansteckung zu entgehen. Mit ihrem Hund unternahmen sie ausgedehnte Wanderungen in der Natur des hohen Nordens. «Wir sind keine Extrembergsteiger aber was der Hund laufen kann, das können wir auch.» Wenn es doch nur nicht diese Mückenplage geben würde: «In Skandinavien gibt es viele Seen und dort finden sich ideale Lebensbedingungen für die Mücken. Meistens ist es eben besonders schön, mit unserem Fahrzeug an einem See zu stehen und dann kann es manchmal unangenehm werden.» Die unendlichen Weiten der skandinavischen Landschaft faszinieren, zumal man in Skandinavien grundsätzlich frei in der Natur übernachten darf (Jedermannsrecht).

«Der Unterschied zur dicht besiedelten Schweiz fällt extrem auf.»

Mit den Einwohnern kamen die Hütwohls schnell ins Gespräch. «Man trifft die Leute an den Fjorden und bei den Rentierherden, sie haben sich freundlich und neugierig erkundigt und wollten viel über unser autarkes Expeditionsfahrzeug wissen.»

Ausbruch aus dem Hamsterrad

Diese Möglichkeit, eintauchen zu können in die fremde Kultur und Natur, fasziniert die Hütwohls. «Die Welt ist gross, wir haben einiges gesehen, aber reguläre Ferien reichen einfach nicht aus, wenn man ein Land und die Menschen wirklich kennen lernen will.» Bis 55 war Christian Hütwohl als Finanzchef bei führenden Schweizer Telekommunikations- und Firmen der Energieversorgung tätig.

«Das war eine intensive Zeit. Die zu erwartenden Lebensjahre kann man irgendwann abzählen und man beginnt sich zu fragen, wofür man das Geld eigentlich verdient. Will man weiterhin im Beruf tätig sein oder in seinem Leben noch einmal etwas ganz anderes tun?»

Der Iran bleibt ein Wunschziel der beiden Globetrotter Schweizer. «Das Land hat eine unglaubliche Kultur und die Menschen sind sehr gastfreundlich», weiss Christian Hütwohl aus Reiseberichten. Solange man sich an die Regeln halte – also beispielsweise keinen Alkohol mit sich führt – sei man im Iran sehr sicher unterwegs.

Fernziel Feuerland

Die Hütwohls haben jedenfalls noch lange nicht fertig entdeckt. In zwei Jahren wollen sie ihr Fahrzeug von Europa nach Kanada verschiffen und den grossen Panamericana Roadtrip von Alaska bis Feuerland antreten. «Das ist eine riesige Strecke, auf die wir uns ausserordentlich freuen.»

Weitere Informationen finden Sie unter: www.benny-goes-overland.com

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