Älter als der Ötzi: Wegen Steinzeit-Fund am Oberalpstock gräbt Urner Institut bald auf 2800 Meter über Meer

Der Fund eines Urner Strahlers lässt darauf schliessen, dass Menschen bereits vor 10'000 Jahren nach Kristallen suchten. Dies soll nun genauer untersucht werden – dazu gibt es Grabungen auf 2800 Meter über Meer.

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Die Fundstelle liegt an der unteren Stremlücke am Brunnifirn-Gletscher.

Die Fundstelle liegt an der unteren Stremlücke am Brunnifirn-Gletscher.

Bild: PD

(spe) Ein Kristallsucher, im Volksmund auch Strahler genannt, entdeckte im Sommer 2013 in einer Kristallkluft beim zurückschmelzenden Brunnifirn-Gletscher Holzreste, Geweihstangen und Kristallsplitter. Untersuchungen mittels Radiokarbondatierungen hätten ergeben, dass die Geweihstangen und Hölzer aus der Mittelsteinzeit (Mesolithikum) stammen, teilte das Urner Institut «Kulturen der Alpen» am Freitag mit.

Um dies wissenschaftlich vertiefter zu untersuchen, wollen die Forschenden im Auftrag des Kantons Uri Ende des diesjährigen Sommers die Stelle auf 2800 Meter über Meer noch einmal untersuchen. Die Fundstelle liegt gemäss des Instituts im Bereich Stremlücke auf dem Gemeindegebiet von Silenen – zwischen dem Bündner Vorderrheintal bei Disentis/Sedrun und dem Urner Maderanertal. «Für die Untersuchungen vor Ort haben wir nur ein kleines Zeitfenster», sagt Gletscherarchäologe Marcel Cornelissen, der im Auftrag des Kantons Uri und des Urner Instituts «Kulturen der Alpen» an der Universität Luzern in Altdorf arbeitet. Erst Ende August respektive Anfang September dürfte die Stelle völlig schneefrei sein.

Funde stammen aus der Zeit vor Ötzi

Der Fund beweise, dass Menschen die Stremlücke schon in der Zeit von 7500 bis 5800 Jahren vor Christus regelmässig begangen hätten – also rund 4000 Jahre vor Ötzis Bergtour in den Südtiroler Alpen. Damit seien die Funde die ältesten Spuren von Menschen im Kanton Uri und gehörten zu den ältesten im Eis konservierten Artefakte im ganzen Alpenraum überhaupt. Das Gletschereis hatte die entdeckten Gegenstände während Jahrtausenden luftdicht konserviert.

«Dieser Fund ist für die Wissenschaft von grösster Bedeutung», so Gletscherarchäologe Marcel Cornelissen. Die Forscher erhoffen sich von den Untersuchungen Aufschluss darüber, wie die Menschen in der Mittelsteinzeit im Alpenraum gelebt haben sowie über die Klima- und Gletschergeschichte.

Die entdeckte Kristallkluft stehe in einem grösseren Zusammenhang, so Cornelissen. Fundstellen im ganzen Alpenraum würden eine frühe Kristallverarbeitung belegen. Bereits 2015 und 2017 führte der Archäologische Dienst des Kantons Graubünden in Zusammenarbeit mit dem Kanton Uri erste Untersuchungen in der Kristallkluft durch und entdeckte weitere Überreste aus der Steinzeit. Die Funde zeigten, dass die Menschen die Kristalle gleich vor Ort weiterverarbeitet haben, etwa zu Werkzeugen. Bisher hätten die Archäologen aber erst einen kleinen Teil der damals geborgenen Artefakte wissenschaftlich untersuchen können.

Ende 2021 will das Institut erste Untersuchungsresultate präsentieren. Das Institut ist jedoch noch dabei, die Projektfinanzierung sicherzustellen.

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