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Furka: Alles war streng geheim

Im Artilleriewerk Fuchsegg fanden 400 Soldaten Platz. Vor 23 Jahren wurde es entmilitarisiert. Der ehemalige Festungswächter Josef Baumann erzählt von seinen «geheimen Aufträgen».
Christof Hirtler
Vom Innern des Artilleriewerks Fuchsegg durfte niemand etwas wissen. (Bild: PD)

Vom Innern des Artilleriewerks Fuchsegg durfte niemand etwas wissen. (Bild: PD)

Wer auf der Furkapassstrasse unterwegs ist, hat sie vielleicht schon bemerkt, die alphüttenähnlichen Gebäude unterhalb des geschlossenen Hotels Galenstock. Die Fenster sind aufgemalt, die Mauern aus meterdickem Beton. Vis à vis des Hotels befindet sich der Eingang zum ehemaligen Artilleriewerk Fuchsegg. Doch was liegt dahinter verborgen?

«Ich kann mich an die jungen Männer erinnern, die auf der Strasse diskutierten, zusammen Lieder sangen oder zum Jassen in den Spielstuben hockten», sagt Erich Nager, ehemaliger Zeughausangestellter aus Realp. «Die Jungen hatten nichts zu tun. Es gab bei uns kaum Arbeit ausserhalb der Landwirtschaft.» 1942 wurden die Festungswerke Gütsch und Bätz erweitert, die Furka-Oberalp-Bahn elektrifiziert und wintersicher ausgebaut, und in Realp beim Hotel Galenstock sprengten Mineure den ersten Stollen: Für 15,4 Millionen Franken entstand die Artilleriefestung Fuchsegg mit Panzertürmen, unterirdischen Munitionsstollen und Kavernen.

Bis zum Ende des Kalten Kriegs

Das Artilleriewerk Fuschegg hatte den Auftrag die «toten Räume» vor dem Artilleriewerk Grimsel zu decken und mit seinen vier drehbaren 10,5-Zentimeter-Panzerturmkanonen in den Raum San Giacomo und in die Zufahrt zum Grimselpass zu schiessen. Angriffe von deutschen und italienischen Truppen wurden erwartet. Am 8. Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg vorbei, im Herbst 1945 war das Artilleriewerk Fuchsegg definitiv einsatzbereit.

Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs folgte der «Kalte Krieg», der Konflikt zwischen Kapitalismus und Kommunismus, unter der Führung der Supermächte USA und der Sowjetunion. Das Aufeinandertreffen zweier gegensätzlicher ideologischer Systeme wirkte sich auch auf die schweizerische Sicherheitspolitik aus. Die Schweiz rüstete auf, hielt an der bewaffneten Neutralität fest. Militärische Anlagen, wie das Fuchsegg, unterlagen der absoluten Geheimhaltung.

Komplett eingerichtet mit Bäckerei und Küche

Im Werk mit Artillerie-, Fliegerabwehrkanonen und Maschinengewehrstellungen konnten in den unterirdischen Stollen bis zu 400 Soldaten einquartiert werden. Frischluftzufuhr, Heizung, Werkstätten, Telefonzentrale, Vorratsräumen, Bäckerei, Küche, Aufenthalts- und Schlafräume ermöglichten autarke Kampfeinsätze unter Tag.

Mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 und dem Zerfall der Sowjetunion 1991 verloren auch die Gotthard-Festungen an Bedeutung. Am 1. Januar 1995 wurde das Artilleriewerk Fuchsegg deklassifiziert, die Geschütze und alle unterirdischen Anlagen ausgebaut.

Niemand durfte etwas wissen

«Alles war geheim», erzählt der ehemalige Festungswächter Josef Baumann aus Göschenen. Er musste sich beim Festungswachtkorps schriftlich zur Geheimhaltung verpflichten. «Weder meine Frau, noch meine Kinder durften erfahren, was ich die ganze Zeit tat. Auch im Dorf hätten viele gerne gewusst, was im Innern der Fuchsegg vor sich ging. Angesprochen wurde ich nie.»

Josef Baumann, 1946 geboren, war von 1966 bis zu seiner Pensionierung 2005 Festungsangestellter. 39 Jahre lang. Aufgewachsen ist er im Dörfli, Meiental. Er war erst vier Jahre alt, als sein Vater starb. «Unsere Mutter war allein mit drei Kindern. Von der Witwenrente konnten wir nicht leben.» Der Garten, eine kleine Landwirtschaft mit ein paar Geissen, Schafen und Kühen mussten zum Leben reichen. «Im gleichen Haus wohnten zwei ledige Brüder des Vaters, Kaspar und Anton. Sie führten den Bauernbetrieb.»

Den Onkeln unter die Arme gegriffen

1966, nach der Rekrutenschule, arbeitete Josef Baumann fünfeinhalb Jahre bei der Festung in Unterägeri, dann im Festungswachtkorps Andermatt. Lange hatte er auf diese Stelle gewartet. In Andermatt fühlte er sich zu Hause. Jede freie Minute halfen Josef Baumann und sein Bruder Kaspar den Onkeln auf dem Bauernbetrieb im Meiental beim Holzen, beim Heuen oder beim Alpauftrieb. Im Lawinenwinter 1984 starb Onkel Kaspar in der Lawine. Er war am Hirten in einem Stall, der als sicher galt.

Der als Alphütte getarnte Auspuff des Stromgenerators. (Bild: Christof Hirtler)

Der als Alphütte getarnte Auspuff des Stromgenerators. (Bild: Christof Hirtler)

Josef Baumann erinnert sich gerne an seine Zeit als Festungswächter. Für das Artilleriewerk Fuchsegg waren neun Männer des Festungswachtkorps Andermatt zuständig. «Im Sommer unterhielten wir die Unterstände in Realp, Tiefenbach, in Witenwasseren, Schweig, Oberchäseren, und die Gebirgsbaracken auf dem Cavannapass», erzählt Baumann. «Am liebsten war ich aber auf der Fuchsegg. Wir waren den ganzen Winter dort. Die Unterkünfte, der Maschinenraum, die Munitionsaufzüge, die Geschütztürme, die Telefonzentrale – alles musste funktionsfähig sein für die Truppen, die im Sommer kamen.» Geschlafen und gegessen wurde im Wachthaus. «Von dort hat man einen wunderbaren Ausblick ins Tal.»

Lokale Lieferanten

Josef Baumann: «Weder meine Frau, noch meine Kinder durften erfahren, was ich die ganze Zeit tat.»

Josef Baumann: «Weder meine Frau, noch meine Kinder durften erfahren, was ich die ganze Zeit tat.»

Im Winter war die Passstrasse geschlossen und die Anlage nur auf Ski zu erreichen. «Montag und Dienstag waren wir auf der Fuchsegg. Am Dienstagabend durften wir nach Hause zu unseren Familien. Von Mittwochmorgen bis Freitagabend waren wir wieder auf der Fuchsegg.» Teigwaren, Reis, Büchsen und weitere Vorräte waren eingelagert. «Die frischen Lebensmittel kauften wir jeweils am Mittwochmorgen in Andermatt. Fleisch bei der Metzgerei Muheim oder der Metzgerei Christen, Brot bei den Bäckereien Danioth und Baumann, Gemüse bei Fränggi Regli.»

Die frischen Lebensmittel wurden in Rucksäcke gepackt. «In Realp schnallten wir die Felle auf unsere Ski und stiegen zur Fuchsegg. Manchmal machten wir Wettrennen, wer am schnellsten oben war.» 32 Minuten sei der Rekord gewesen. «Am Abend haben wir gejasst, das Essen war gut, oft haben wir lange miteinander geredet. Wir hatten einen schönen Zusammenhalt.»

Pausenlos, das ganze Jahr

Es kam öfters vor, dass die Festungswächter wegen Lawinengefahr nicht auf die Fuchsegg konnten. Dann arbeiteten sie in Andermatt in der Kaserne. «Früher waren die Festungswächter wie im Aktivdienst pausenlos das ganze Jahr im Einsatz, sogar an Weihnachten», erzählt Josef Baumann. «Als ich 1971 zum Festungswachtkorps kam, war dies nicht mehr der Fall. Über Weihnachten und Ostern waren aber immer zwei Festungswächter auf Pikett. Sie mussten zur Fuchsegg auf Patrouille», so Baumann.

«Wenn jeweils im Sommer die Rekrutenschule und die WK-Soldaten einrückten, haben wir die Fuchsegg der Truppe übergeben.» Der Geschützmechaniker sei immer im Werk geblieben, die anderen hatten Pikettdienst. «Von uns war immer einer oben, auch in der Nacht, um im Notfall zu helfen. Zum Beispiel, wenn der Strom ausfiel.»

Was, wenn der Krieg ausbricht?

Geschossen wurde über die Furkapassstrasse Richtung Witenwasserental. «Die Autos wurden aufgehalten, die Strasse während des Schiessens gesperrt. Der Lärm der vier Kanonen war ohrenbetäubend.»

Vor 23 Jahren wurde das Artilleriewerk Fuchsegg entmilitarisiert. Das gibt Josef Baumann zu denken: «Man weiss nicht, ob die Festungen nochmals gebraucht werden, ob es richtig ist, alles verganden zu lassen. Wenn wieder ein Krieg ausbricht, gibt es einen Weltuntergang.»

Die «Urner Zeitung» berichtet in der Serie «Unbekannte Orte in Uri und ihre Geschichten» in loser Folge über Objekte und Örtlichkeiten, die vielfach gar nicht wahrgenommen werden, hinter denen aber eine besondere, oft unbekannte und überraschende Geschichte versteckt ist.

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