ALP WANNELEN: «Choogä-n-ä gleerigi Diitschi»

Die Familie Muheim und Lydia Weissschuh verstehen sich prächtig. Die knapp 20-jährige Deutsche und die Älpler sagen, warum sie sich so gut ergänzen.

Bruno Arnold
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Immer frohgelaunt: Lydia Weissschuh bei ihrer Arbeit auf der Alp Wannelen. (Bilder Bruno Arnold)

Immer frohgelaunt: Lydia Weissschuh bei ihrer Arbeit auf der Alp Wannelen. (Bilder Bruno Arnold)

Älplerin Silvia Muheim staunt nicht schlecht: «Sie kennt die einzelnen Kühe beim Namen, melkt mit der Maschine, packt beim Stallausmisten an, pflegt den Käse und kümmert sich liebevoll um unsere beiden kleinen Kinder. Mit ihrer aufgestellten und positiven Art ist sie für uns und unsere Kinder ein echter Glücksfall.» Mit «sie» meint Silvia Muheim die knapp 20-jährige Lydia Weissschuh aus dem deutschen Titisee-Neustadt. Seit dem 10. Juni arbeitet die angehende Psychologiestudentin als Magd bei der Älplerfamilie Muheim – zuerst auf dem Urnerboden und seit bald drei Wochen auf der Alp Wannelen ob Unterschächen. Zu ihrem Sommerjob ist Lydia Weissschuh über die Internetseite www.zalp.ch (siehe Box) gekommen. Dort war sie auf das Inserat von Fredi und Silvia Muheim gestossen, die eine weibliche Hilfskraft suchten. «Vor allem zum ‹d Chind gäumä›», wie Silvia Muheim erklärt. Im Winter haben sie sich auf dem Urnerboden getroffen, um sich gegenseitig kennen zu lernen. «Wir waren sicher, dass es mit ihr klappt», erinnert sich Silvia Muheim.

Der Final inmitten von Schweizern

Einmal auf einer Alp mit Kühen zu arbeiten und beim Käsen zuzusehen, das sei schon immer einer ihrer grossen Wünsche gewesen, erzählt Lydia Weissschuh. Nach dem Abitur im Sommer 2013 war sie zuerst auf dem Jakobsweg unterwegs, dann reiste sie in Indien und Nepal herum, und schliesslich arbeitete sie als Postbotin in ihrer Heimat. Dass sie ausgerechnet auf einer Schweizer Alp gelandet sei, spiele keine Rolle. «Auch wenn ich weiss, dass wir Deutschen in der Schweiz nicht nur Freunde haben», merkt sie mit einem vielsagenden Augenaufschlag an. Das habe sie spätestens am 13. Juli gespürt, als sie im Bergbeizli auf der Alp Wannelen den Final der Fussball-WM inmitten von Schweizern live mitverfolgt habe ... Im Grossen und Ganzen erlebe sie die Schweizer aber als offen, nett und kontaktfreudig.

«Am Anfang hatte ich etwas Mühe mit dem Urner Dialekt, und zwar vor allem mit einigen lustigen Begriffen», erzählt sie. «Gang dü ga d Chind aleggä» habe sie etwa genauso wenig verstanden wie «d Chääs ga reisä» oder «d Schnudernaasä butzä». Aber mittlerweile müsse sie nur noch selten fragen. «Ich nehme sogar Urner Ausdrücke in meinen eigenen Wortschatz auf», sagt sie. Und darauf sei sie sogar ein bisschen stolz. Auch die dreijährige Sarina und der eineinhalbjährige Sämi, die beiden Kinder von Fredi und Silvia Muheim, haben offensichtlich keine Mühe mit dem Schwarzwälder Dialekt von Lydia Weissschuh. «Sie folget ihrä tipptopp», meint Silvia Muheim. Derweil schmiegt sich Sämi liebevoll an die junge Deutsche. Die Chemie stimmt unverkennbar.

Die Berge haben es ihr angetan

So richtig ins Schwärmen gerät die junge Deutsche aber, wenn ihr Blick zu den nahen Bergen schweift. Jetzt sprudelt es so richtig aus ihr heraus: «Nein, die Berge erdrücken mich überhaupt nicht, ich liebe sie wahnsinnig. Diese mächtigen, steilen und schroffen Felsen, die riesigen Schneefelder und Gletscher, die idyllisch gelegenen Alpen, das ist echt faszinierend. Es gibt doch nichts Schöneres. Ein paar Minuten hinauflaufen, und schon kann man eine atemberaubende Aussicht geniessen. Einfach super, ich hab das total gern.» Dass sie in den vergangenen Tagen wegen des Nebels und des regnerischen Wetters nicht viel vom wunderschönen Panorama mitbekam, stört sie kaum: «Natürlich war es ein bisschen deprimierend, wenn man rausschaute. Aber ändern kann man das nicht, und das gehört eben auch zu einem Sommer. Dafür hat man Stiefel und Regenkleider. Und zudem kann es auch in einer geheizten Stube richtig schön sein.»

Die junge Magd blickt hinunter zu den friedlich weidenden Tieren. «Das mit den Kühen finde ich einfach genial», sagt sie. «Anfangs hatte ich schon ein bisschen Angst oder zumindest Respekt, gerade beim Lösen der Ketten im Stall. Aber mittlerweile weiss ich, was ich in ihrer Nähe tun darf und was nicht», erklärt sie mit einem Lachen. Auch das Melken mit der Maschine bereite ihr absolut keine Mühe mehr. «Am Anfang sahen für mich alle Kühe genau gleich aus», erzählt die junge Frau aus dem Schwarzwald. «Doch das ist wirklich nicht so. Sie haben unterschiedliche Augen, die Gesichtsformen sind nicht gleich, die eine hat ’nen dicken Hintern, eine andere erkenne ich am Laufen.» Allerdings müsse sie die Tiere aus der Nähe sehen, um sie effektiv auseinanderzuhalten. Diesbezüglich bewundert sie die Muheims: «Die brauchen nur ins Fernrohr zu schauen und können sofort sagen, welches die eigenen und welches die Kühe des Nachbarn sind.»

Ohne Computer und Internet

Lydia Weissschuh erledigt alle anfallenden Arbeiten gern, sei es Kinderhüten, die Kühe auf die Weide treiben, das Milchgeschirr waschen, Käse pflegen oder beim Kochen helfen. Doch sie geniesst auch ihre Freizeit in vollen Zügen – ohne Computer und Internet. Lydia Weissschuh lacht herzerfrischend: «Ich habe gemerkt, dass man dieses Zeug nicht unbedingt braucht, man lebt trotzdem! Nein, im Ernst: Es geht erstaunlich gut», betont sie. «Hie und da bin ich sogar froh, dass ich keinen Empfang habe. Hier oben komme ich viel mehr zur Ruhe, ich habe viel mehr Zeit für mich selber respektive ich nehme mir wohl einfach viel mehr Zeit für mich, weil ich weniger abgelenkt werde.»

In Ruhe nachdenken und es so richtig geniessen, mal richtig abschalten zu können, das habe sie in dieser Art bisher kaum erlebt. Und vor allem etwas sei ihr dabei bewusst geworden: Zu Hause sei sie in den Supermarkt gegangen, habe eine Tüte Milch oder ein Stück Käse gekauft und immer wieder gedacht: «Mein Gott, wie teuer!» Auf der Alp habe sie nun aber erkennen können, wie viel Arbeit dahinterstecke. «Jetzt weiss ich, dass der Preis für die Produkte absolut gerechtfertigt ist.»

«Ich find’ das voll stark»

«Ich bewundere die Muheims», sagt Lydia Weissschuh. «Wie die alles unter einen Hut bringen: die tägliche Arbeit auf der Alp, den Bau der neuen Alphütte, die Erziehung der Kinder und noch viel mehr. Ich find’ das voll stark.»

Silvia Muheim bedauert es, dass Lydia Weissschuh Mitte August schon wieder nach Hause geht. «Wir verlieren wirklich mehr als nur ein Kindermädchen.» Und auch Silvias Schwiegervater Karl Muheim, ein erfahrener Älpler, ist des Lobes voll über die junge Hilfskraft. «Momoll, sie macht das super», meint er mehrmals. «Firnä Diitschi isch sie eigentlich choogä-n-ä gleerigi», sagt er – mit einem fast spitzbübischen Lächeln und nicht ganz ernst gemeint. «Aber wir Schweizer meinen ja sowieso, nur wir könnten alles am besten ...»