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ALPSEGEN: Marco Arnold singt den Betruf schon, seit er 10-jährig ist

Seit Marco Arnold zehn Jahre alt ist, befasst er sich mit dem Betruf. Der heute 15-jährige Schächentaler sagt, was ihm und den 1000 Schafen, 250 Rindern, 50 Geissen und 15 Kühen das abendliche Ritual gibt.
Christof Hirtler
Marco Arnold (damals 12-jährig) ist mit Begeisterung auf der Alp tätig. (Bild: Christof Hirtler (Alplen, Sommer 2014))

Marco Arnold (damals 12-jährig) ist mit Begeisterung auf der Alp tätig. (Bild: Christof Hirtler (Alplen, Sommer 2014))

Christof Hirtler

redaktion@urnerzeitung.ch

Es gehört fest zu seinem Jahresplan. «Ich bin schon acht Sommer auf Alplen, vom ersten bis zum letzten Ferientag, sechs bis acht Wochen jedes Jahr», sagt Marco Arnold. Vor einer Woche ist der 15-Jährige über die Ruos­alper Chulm nach Alplen gestiegen, wo sich zurzeit 1000 Schafe, 250 Rinder, 50 Geissen und 15 Kühe befinden. «Ich bin für die Schafe zuständig und helfe beim Melken der fünfzig Geissen mit. Selber bin ich stolzer Besitzer von zwei Ziegen und zehn Schafen.»

Auf Alplen hat er zusammen mit dem Hirten Alois Gisler die Verantwortung für die rund tausend Schafe. Es sei nicht selbstverständlich, dass er alle Tiere im Herbst den Besitzern gesund zurückgeben könne. Manchmal findet er auf seinen Kontrollgängen verletzte oder gar tote Schafe. Das stimmt ihn traurig und hinterlässt bei ihm «eine grosse Lücke». Im Juni 2016 verlor er auf Äsch ein eigenes Schaf durch einen Wolfsriss. «Es war für mich wie der Weltuntergang.» Die Kontrollgänge auf der Alp seien danach ganz schwierig gewesen: Besonders bei schlechtem Wetter befürchtete er plötzlich, den Wolf anzutreffen oder ein «Massaker mit toten und halblebenden Tieren vorzufinden».

Betruf als Höhepunkt des Älpler-Tages

«Der Tagesablauf auf der Alp ist grundsätzlich immer gleich. Meist stehe ich um 6 Uhr auf und melke anschliessend die Kühe oder die Ziegen», erzählt Marco Arnold. «Um 8.30 Uhr gehe ich jeden Tag zur Kontrolle der Schafe und der Zäune.» Er repariert defekte Stellen, zählt die Tiere der einzelnen Bauern, die er leicht an den verschieden farbigen Fellmarkierungen und Zeichen erkennt. Es wird Mittag, bis er mit dem Hirten Alois Gisler zur Hütte zurückkehrt.

«Nach den Alparbeiten am Nachmittag und dem Melken am Abend muss ich das Melkgeschirr waschen und nach dem Abendessen die Kühe auf die Weide treiben und den Stall putzen», erzählt der junge Alpgänger. «Dann kommt für mich die schönste Aufgabe des Tages: Ich darf ‹z Bättä riäffä›. Anschliessend sitze ich mit Ida, meinem Gotti, dem Älpler Wisu und allen, die auf der Alp arbeiten, beisammen und geniesse den Abend.»

Mit dem schönen Wetter klappt es nicht immer

Als Marco Arnold zehn Jahre alt war, fragte er den Hirten Alois Gisler, ob er den Betruf machen dürfe. «Es muss aber schön klingen», mahnte ihn Alois Gisler. «Du darfst den Betruf nicht sprechen, du musst ihn singen.»

Der Bub lernte lange, bis er den Schächentaler Betruf auswendig konnte: «Ich bin nicht heilig», sagt Marco Arnold heute. «Ich bin aber überzeugt vom Betruf. Er bringt uns beispielsweise schönes Wetter, was leider nicht immer klappt.» Etwas Schwierigkeiten mache ihm aber noch der «Jütz» am Schluss des Betrufs. «Da bin ich noch am Feilen», so der 15-Jährige.

Die ersten paar Sommer sang Marco Arnold den Schächentaler Betruf, bis ihn Alois Gisler auf den Schwyzer Betruf aufmerksam machte. Dieser sei auch ganz schön. Marco Arnold machte sich im Internet schlau, wurde fündig und druckte den Betruf aus. «Ich habe meinen Betruf im Winter geübt, damit ich ihn jetzt bestimmt auswendig kann.»

Folle wird nur für den Betruf hergestellt

Der Betruf ist ein eindrücklicher Brauch aus dem magisch-religiösen Bereich. Vor allem in den katholischen Bergkantonen der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein ist dieser Ruf noch stark verbreitet. Allabendlich beim Einnachten, nach getaner Arbeit, ruft der Senn beim Hüttenkreuz durch die Folle, einen Holztrichter, ein Gebet über die Alp und bittet Gott und die Heiligen um Schutz.

Die Folle dient als Schalltrichter und wird eigens für den Betruf hergestellt. Der Form nach entspricht sie dem früher verwendeten Milchtrichter. Kein Älpler würde jedoch die Folle zur Milchverarbeitung benutzen. Ganz nach der alten Auffassung, dass Kultgeräte nicht zu Alltagszwecken verwendet werden dürfen. Der Betruf ist aber kein gewöhnliches Gebet. Einer der Ersten, die über den Betruf berichteten, war Renwart Cysat, Chronist und Stadtschreiber von Luzern. Er schrieb 1565 in seiner «Lucernensia»: «Und wenn das Ave-Maria nicht gerufen wird, wird ir Vych uff der Statt von den gespenstern in Lüfften hinweg gefürt ...». Dieses unerklärliche – aus den Sinnen – Verschwinden der Kühe geht auf magische Vorstellungen zurück und wird als «Rücken der Kühe» bezeichnet. In den Sagen ist dieses «Ent-Rücken» ein häufiges Motiv. Da half einzig das «Ave-Maria Schreyen» als Bann. Staat und Kirche hatten mit dem Betruf allerdings Mühe – sie befürchteten Aberglauben. So schickte der Rat von Luzern 1591 seine Kundschafter auf die Alpen, «um zu erfahren, was es doch syge von des Ave-Maria rüffens der Sennen uf den hohen Alpen und Bergen ...».

Die Appenzeller Regierung verbot 1609 in einem Landmandat das «abgöttische Ave-Maria-Rufen». Dieses Verbot bezog sich auf den protestantischen Teil des Kantons, also Ausserrhoden, wo sich noch Reste des alten Glaubens erhalten hatten.

Maria als Helferin in der Not angerufen

Die Älpler bringen dem Betruf Achtung und Ehrfurcht entgegen. Er beinhaltet mehrere Teile des magisch-religiösen Brauchtums. Zum unabänderlichen Bestandteil gehört Maria mit ihrem Kind. Das verwundert nicht. Maria genoss in der Volksüberlieferung die grösste Verehrung. Sie ist die Universalheilige und Helferin in aller Not und Gefahr. Das Ave-Maria-Gebet wird auch Englischer Gruss genannt, was als Gruss des Engels zu verstehen ist.

In einigen Betrufen wird das ganze Gebet gerufen. Meistens aber sind nur noch die zwei Anfangsworte Ave Maria aus der lateinischen Fassung erhalten. In der magisch-religiösen Überlieferung heisst es: «Diese zwei Worte allein genügen gegen böse Geister. Im Betruf erfährt Maria eine besondere Wertung. Sie hat die Heilige Dreifaltigkeit, das sind Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist, unter ihrem Herzen verschlossen.»

Im Betruf beschränkt sich das Gebet an den meisten Orten auf den Prolog des Johannesevangeliums: «Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.» Dieses geheimnisvolle Gebet fand schon sehr früh Eingang in verschiedene Beschwörungsformeln.

Im Mittelalter schrieb man ihm sakramentale Kraft zu. Es war Bestandteil in Vieh-, Weid- und Wettersegen. Zeichen des Johannesevangeliums wurden als Amulett getragen und bei Krankheiten aufgelegt. Es schützte gegen Zauberei und Hexerei, gegen Spuk, schwere Gewitter und dämonische Anfechtungen. Man übertrug dem «Wort» eine magische Macht.

Die wichtigste Zahl des Bet­rufs ist die Drei, die bei fast allen Völkern als heilig gilt. Die meisten Religionen sind auf der göttlichen Dreiheit aufgebaut. Im Betruf wird das «Lobe», «Ave» oder «Jesus» dreimal gerufen. Dazu kommt oft die steigernde Dreiteiligkeit: «Lobä! Zuä Lobä! I Gotts Namä Lobä!» Durch die dreimalige Wiederholung wird eine suggestive Wirkung erzielt, welche die Kraft und Eindringlichkeit in hohem Masse verstärkt.

Der Ring schirmt gegen Böses ab

Besungen wird ausserdem der Ring, die alte Bezeichnung des Zauberkreises. Unter «Ring» wird im magischen Denken alles in sich Geschlossene verstanden. In dieser Geschlossenheit und damit auch Abgeschlossenheit liegt die Hauptkraft des magischen Rings. Die Kreislinie, die gezogen wird, bewirkt eine Zweiteilung des Raums in ein Drinnen und ein Draussen.

Der Ring-Gedanke findet sich auch in vielen Umwandlungsbräuchen wieder, bei denen die Menschen um Gebäude, Grundstücke, Felder und Äcker und früher auch um Kirchen zogen, um das «Umschlossene» den bösen Einflüssen zu entziehen. Dabei übertrug sich die Schutzkraft des Rings auch auf die Beteiligten. Als Symbol des Schutzes wurde der Ring selber zum Segen.

Für Marco Arnold wird der diesjährige Alpsommer vorläufig der letzte sein. Er freut sich auf seine Maurerlehre und möchte später eine Ausbildung zum Landwirt machen. Ziemlich sicher werde er wieder «z Alp» gehen, sagt er. Doch er nehme alles «vorä wäg».

Hinweis: In loser Folge stellt Autor und Fotograf Christof Hirtler in unserer Zeitung Brauchtümer der Region vor. Die Hintergrundinformationen stammen aus dem Buch «Geister, Bann und Herrgottswinkel», bei dem Hirtler als Co-Autor mitschrieb und das im September in einer überarbeiteten Zweitauflage erscheint.

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