Kanton Uri
Als der Pöstler noch dreimal täglich kam

Grüsse aus den Ferien werden heute wie gestern gerne verschickt. Den Glanz von früher geniessen Postkarten heute allerdings nicht mehr.

Karl Horat
Merken
Drucken
Teilen

Die Jahre von 1897 bis etwa 1918 gelten als das goldene Zeitalter der Postkarte. Es begann mit der Lancierung der ersten Ansichtskarten parallel zum aufkommenden Tourismus. Allein in der Schweiz sollen im Jahr 1900 bereits 55 Millionen Post- und Ansichtskarten verschickt worden sein, wie in einem Aufsatz in der Stadtbibliothek Winterthur nachzulesen ist.

Diese Postkarte zeigt eindrücklich, wie Andermatt noch vor Autos und Sawiris aussah.

Diese Postkarte zeigt eindrücklich, wie Andermatt noch vor Autos und Sawiris aussah.

Bild: LOC Archiv

Die Postkarte war das SMS, das Whatsapp und Instagram der dama­ligen Zeit. Und sie war viel weniger Schneckenpost, als wir heute annehmen. In grösseren Orten brachten die Briefträger dreimal täglich die Post, in Grossstädten sogar noch häufiger. So war es gar möglich, sich mit einer am Morgen abgeschickten Postkarte auf ein Feierabendbier zu verabreden.

Die noch erhaltenen Postkarten aus dieser Zeit erzählen viel direkter und unvermittelter vom Leben als manch gestelztes Geschichtsbuch. Das Massenkommunikationsmittel von anno dazumal lässt einen teilhaben an den Wünschen, Vorstellungen und Vorlieben der Menschen jener Epoche.

Für Historiker sind diese Karten eine unverfälschte kulturhistorische Quelle. Allerdings: Nicht immer sind die Botschaften auf den 14auf 9 Zentimeter grossen Halbkartons sehr gesprächig – oftmals steht da nur «Viele liebe Grüsse aus...». Denn noch bis 1991 bezahlte man 5 Rappen weniger Porto, wenn auf der Postkarte aus den Ferien höchstens fünf Wörter geschrieben waren. Sparen beim Geschriebenen nach dem Motto «Wegen Urlaub nur wenig Text» oder «Ein Bild sagt mehr als tausend Worte».

Urner Fotografiepioniere profitierten vom Tourismus

Frühe Fotopioniere im Kanton Uri profitierten vom Gotthardtourismus, etwa Michael Aschwanden, der in den Sommermonaten an der Axenstrasse Reisende fotografierte, die Bilder flugs entwickelte und mit deren Verkauf ein Auskommen fand.

Das neue Geschäft mit vervielfältigten Abbildungen witterte auch Jakob von Matt. Der gelernte Buchbinder war 1893 als 45-Jähriger von Stans nach Altdorf gezogen und hatte da die Pape­terie Gisler-Imfeld an der Schmiedgasse übernommen. Ende der 1890er-Jahre erweiterte er sein Geschäft um einen Postkartenverlag.

Erste Postkarten aus Andermatt zeigten vor allem die pferdebespannte Gotthardpost und das Urnerloch, das in der ganzen Schweiz ein Begriff war. Es war 200 Jahre zuvor vom Baugeschäft des Tessiner Ingenieurs Pietro Morettini unter Zuhilfenahme von reichlich Schwarzpulver aus dem Granit gesprengt worden. Dieser erste Alpentunnel Europas ersetzte die Twärrenbrücke, einen an der Wand des Chilchbergfelsens in der Schöllenenschlucht hängenden Holzsteg, den «stiebenden Steg», der zuvor eine Passage entlang der wilden Reuss stets zur Mutprobe gemacht hatte.

Seit 1897 hatte ein Fotograf im Dorf seinen Wohnsitz: Gottfried Gassler (1859–1933). Der zunehmende Tourismus zur Zeit der Belle Epoque verschaffte ihm Aufträge. Der Gotthardtunnel zwischen Göschenen und Ai­rolo war schon ein gutes Jahrzehnt im Betrieb und hatte im Ort den Passverkehr Nord–Süd reduziert. Der Talort und die ihn umgebende Bergwelt wurden jetzt vom europäischen Adel als «Sommerfrische» geschätzt. So kamen Gassler viele noble Gästen vor die Linse, aber auch Einheimische liessen sich ablichten. Offiziere und Soldaten waren überdies eine zahlreiche Kundschaft. Es kam immer mehr Militär ins Dorf, denn die «Zitadelle» war gerade im Bau, die militärische Befestigungsanlage am Gotthard, welche im Kriegsfall als Festung die Alpenpässe schützen und diese nur für schweizerische Truppenbewegungen freihalten sollte. Die meisten Militär-Porträtaufnahmen entstanden in Gasslers Atelier, einem einfachen Holzschuppen gegenüber seines Geschäfts. Da waren Requisiten wie Holzgewehre, Holz­kanonen und Holzkanonenkugeln vorhanden und gemalte Landschaftshintergründe drapiert. Die Fotografien produzierte er vorwiegend als Silberhalogenid-Abzüge selbst. Grössere Auflagen, die als Drucke reproduziert wurden, gab er an den Künzli-Postkartenverlag in Zürich weiter.

Das Dorf an der Gotthardpassstrasse war gerade eine «Boomtown»: Der Glaube an die neuen Techniken war euphorisch. Es wurden die ersten Elektrizitätswerke im Kanton Uri gebaut: in Hospental, Realp und Andermatt. Und es waren Pläne auf dem Tisch, das Rhone- mit dem Rheintal per Eisenbahn zu verbinden, via Furka- und Oberalppass, trotz des ausgesprochen schwierigen Geländes, das die Planung eines Bahntrassees zur Herausforderung machte.

Dem Individualverkehr per Automobil stand der Kanton Uri noch ablehnend gegenüber. Er verhängte erst gar ein striktes Verbot für die «Benzinkutschen» – um das traditionsreiche Geschäft der Fuhrhalter mit ihren Pferdekutschen zu schützen. Aber der Fortschritt und die neuen Zeiten liessen sich nicht aufhalten; der Autoverkehr drängte auch auf die Passstrassen. Ab 1909 fuhren offiziell Autos über den Gotthard. Immerhin konnte von den wagemutigen ersten Automobilisten noch bis in die 20er-Jahre eine «Gebirgsabgabe» für die Passnutzung erhoben werden.

Gassler fotografierte auch gerne im Freien, nahm die schwere Platten­kamera auf dem Dreibein mit in die Landschaften im Urserntal. Er dokumentierte die Entwicklung der Dörfer und machte unzählige Aufnahmen von militärischen Übungen. Diese bot er dann als Postkarten an: Train-Kolonnen, Gebirgsinfanterie, die sich über Schneefelder kämpfte, Schneehänge hinabrutschte und im unwegsamen Gelän­de schweres Geschütz verschob. Ausserordentlich beliebt waren die vom Fotografen organisierten Gruppenaufnahmen von Soldaten, welche diese dann, mit Grüssen versehen, als Andenken nach Hause schickten.

Offenbar eine grosse Leidenschaft von Gottfried Gassler war nebenbei auch das Theaterspielen. Eine von ihm arrangierte fotografische Collage von 1900 zeigt die Theatergruppe Frohsinn Ursern mit allen Akteuren bei der Aufführung «Ein Schweizer in Neapel». Der Fotograf selbst scheint eine der Hauptrollen verkörpert zu haben.

Stirbt das Kulturgut Postkarte jetzt den digitalen Tod?

Verschwindet die gute alte Post- und Ansichtskarte – kaum 150 Jahre nach ihrer Erfindung – aus unserem Leben, weil junge Leute nur noch auf ihren Smartphones herumwischen, statt einmal einen Kugelschreiber zur Hand zu nehmen? Die digitale und oft vollkommen beliebige Bilderflut kann doch nicht der Ersatz für das Kartenerlebnis sein. Doch: «Acht von zehn Reisenden senden ihre Urlaubsgrüsse heutzutage auf digitalem Weg», vermelden die Lobbyisten der Internetindustrie. Am beliebtesten seien Whatsapp und der Threema-Messenger, gefolgt von Facebook, Instagram und Twitter. Wer noch etwas im Kartenformat versenden wolle, könne ja bei «MyPostcard» online ein Fotomotiv auf dem Handy bereitstellen, einen Text dazu tippen – und nach wenigen Tagen finden die Adressaten dann eine reale Karte mit einer echten Briefmarke in ihrem Briefkasten – aufgeladenes Guthaben vorausgesetzt.

Aber vereinzelt verteidigen echte Postkarten, von Hand gekritzelt – nicht selten mit Kaffee- oder Glacéfleck – immer noch hartnäckig ihren Platz in der Gruss- und Ferienkultur. Schliesslich lassen sich auch nur solche daheim mag­netisch an den Kühlschrank heften.

Léa Wertheimer, Leiterin Media Relations Post AG, sagt, dass die Post natürlich spüre, dass ihre Kunden immer mobiler und immer digitaler werden. Aber Postkarten machten nach wie vor Freude. «Die Stärken des Briefs oder einer Postkarte gegenüber digitalen Kommunikationsmitteln liegen eben in der Wirkung beim Empfänger», sagt sie. «Eine von Hand geschriebene Postkarte drückt weit mehr Wertschätzung aus als eine SMS.» In einer Zeit, in der vieles zwar gestylt, aber konfektioniert und etwas unpersönlich daherkommt, wird Authentizität wieder und immer mehr geschätzt.