Als Mediziner in Uri noch Dämonen austrieben

In einer Sonderausstellung lässt das Historische Museum Uri in Altdorf Besucher auf die Urner Medizingeschichte zurückblicken.

Walter Bär-Vetsch
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Das Kurhaus und Hotel Moosbad in Altdorf.

Das Kurhaus und Hotel Moosbad in Altdorf.

Bild: Staatsarchiv Uri 

Inspiriert vom hundertjährigen Bestehen der Urner Ärztegesellschaft im 2020 widmet sich die Sommerausstellung im Historischen Museum Uri der Urner Medizingeschichte. Die Ausstellung geht sowohl auf die Schul- und die Volksmedizin ein. Neben vielen alten medizinischen Instrumenten und Fotos zeigt das Museum auch Zeugnisse aus der Volksheilkunde.

Bis ins 20. Jahrhundert bezog sich die Gesundheit nicht nur auf den Körper, sondern umfasste auch die Seele. Die hiesige Bevölkerung führte Krankheiten nicht auf physisch und damit behandelbare Ursachen zurück, sondern auf das Wirken von Krankheitsdämonen und Zauberhandlungen feindlich gesinnter Menschen und Mächte, ja sogar auf die Strafe Gottes. Die kirchliche Literatur lehrte, dass Krankheit, Armut und Not Strafen für Vergehen und Sünden waren.

Medizin und Religion waren kaum zu trennen

Dementsprechend verbreitet waren auch magische Heilkonzepte: War die Krankheit etwa auf einen Dämon zurückzuführen, war die Heilung darauf ausgerichtet, diesen wieder aus dem Körper des Kranken oder seiner Umgebung zu vertreiben. Damals erfolgte die Behandlung in erster Linie durch das Einwirken auf die Seele. Besonders befähigte Heiler, Meditation, Gebete, magische Handlungen und die Anrufung mystischer Ahnen sollten das seelische Gleichgewicht wiederherstellen. Man suchte daher Wirkungsstätten mystischer Ahnen auf, um so gegen Schadenzauber gefeit zu sein. In der früheren Volksmedizin waren deshalb Magie und Religion kaum zu trennen. Die Ausstellung zeigt mit ausgewählten Beispielen, wie man im alten Uri mit religiösen Schutz- und Heilritualen Krankheiten bekämpft hat.

Der Ausstellungsteil der wissenschaftlichen Medizin, also der Schulmedizin, erzählt auch von Plagen und Epidemien, beschreibt die Entwicklung vom Armen- zum Krankenhaus oder wirft einen Blick in die damaligen Badestuben mit ihren Lustbarkeiten sowie auf den Tagesablauf bei einem Kuraufenthalt. Geschildert werden auch damalige Praktiken vor, während und nach der Geburt.

Der erste eidgenössisch geprüfte Arzt (1888) in Uri war Karl Gisler, Altdorf. Karl Zgraggen (1822–1874), der eine Praxis als Wundarzt in der Altdorfer Vorstadt führte, war der letzte Scherer in Uri. Er behandelte äussere Krankheiten, Unfälle, Bein- und Armbrüche. Die Nonnen im Altdorfer Frauenkloster schätzten ihn auch als Zahnzieher.

Die Erkenntnis über den Zusammenhang der allgemeinen Reinlichkeit und der Verschleppung epidemischer Krankheiten verhalf auch in Uri zu Verbesserungen in der öffentlichen Hygiene. Dennoch wurde die geordnete Beseitigung der Fäkalien und des Kehrichts noch weit im 20. Jahrhundert vernachlässigt. Beherrschten in den zurückliegenden Phasen zunächst Infektionskrankheiten und Epidemien das Krankheitsbild des Menschen, so traten im 20. Jahrhundert Erkrankungen des Herz-Kreislauf-, des Atmungssystems und des Bewegungsapparates sowie zunehmend psychosoziale Störungen in den Mittelpunkt.

Auch Göschenen und Wassen besassen ein Spital

In Uri standen die Spittel vorerst als Herbergen für fremde Gäste, später als Armen- oder Krankenhäuser offen. Neben dem Lazariterkloster in Seedorf konnten die Wallfahrer auch in Altdorf, Andermatt, Erstfeld, Flüelen, Hospental, Silenen, Wassen, auf dem Gotthardpass und auf dem Urnerboden mit einer Unterkunft rechnen.

Der Bau des Kantonsspitals Uri wurde am 10. März 1872 vollendet. Das Spital war für die Aufnahme von 30 Kranken eingerichtet. Epidemien oder ausserordentliche Ereignisse, wie etwa der Bau der Gotthard-Bahnlinie mit Tausenden von Fremdarbeitern, verursachten Engpässe. Für Kranke und Verunfallte stellte die Eisenbahngesellschaft in Göschenen ein Werkspital, und in Wassen, in der Rütti nördlich der Kirche, ein Werkspital und ein Siechenhaus auf. Das Spitalpersonal nähte nach Schlägereien im Arbeiterdorf meterweise Wunden. Amputationen mussten noch mit der Handsäge gemacht werden.

Auch in Uri schrieb man Quellen und Brunnen Heilwirkung zu. Es war Brauch, sich bei allerlei Leiden, wie etwa Krankheiten oder Kinderlosigkeit, mit dem Wasser zu waschen oder es zu trinken. Im 16. Jahrhundert kamen eigentliche Badestuben auf, in denen die Leute ihre Körperhygiene verbesserten und Krankheiten vorbeugten. In Altdorf befand sich die Badstube an der Tellsgasse (etwa bei der heutigen Abzweigung von der Tellsgasse in den Rosenberg). 1414 wurde am Eingang ins Brunnital eine warme Mineralquelle entdeckt, die in den folgenden Jahrhunderten als Heilbad diente.

Seit dem 17. Jahrhundert suchten Erkrankte die schwefelhaltige Quelle im Moosbad in Altdorf auf. Die eigentliche Blüte erlebte das Bad erst, als 1894 das Kurhaus Moosbad die bisherige Badeanstalt ablöste. Doch von Jahr zu Jahr schlitterte der Betrieb mehr in die roten Zahlen. Am 21. März 1913, morgens um 4 Uhr, brannten Badehaus und Hotel lichterloh ab.

Das damalige Kurhaus und Hotel Moosbad in Altdorf brannte 1913 ab.

Das damalige Kurhaus und Hotel Moosbad in Altdorf brannte 1913 ab.

Bild: Staatsarchiv Uri

Kriege machten Kurorte Strich durch die Rechnung

Wer kein Heilbad vorzuweisen hatte, erklärte sich zum Luftkurort. Im Urseren-, Maderaner-, und Schächental sowie in Seelisberg priesen innovative Leute ihre Kuren in der frischen Alpenluft an. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs blieben die Kurgäste aus. Der Zweite Weltkrieg brachte das endgültige Aus und Uri vermochte sich als Kurort nicht mehr zu etablieren.

Hinweis: Das Historische Museum Uri öffnet die Sonderausstellung am Samstag, 16. Mai. Sie ist mittwochs, samstags und sonntags von 13 bis 17 Uhr geöffnet.