ALTDORF: 17-Jähriger setzt teuflischen Plan um

Nikolaus Inderkum wurde auf dem Heimweg von seiner Verlobung Opfer eines Raubüberfalls. Ein Hinweis führte die Polizei ins Isenthal, wo man den Täter auf der Strasse verhaften konnte.

Alois Furrer-Truttmann
Drucken
Teilen
Der Tatort an der Altdorfer Bahnhofstrasse (am rechten Bildrand), wie er sich zur damaligen Zeit präsentierte. (Bilder Staatsarchiv Uri)

Der Tatort an der Altdorfer Bahnhofstrasse (am rechten Bildrand), wie er sich zur damaligen Zeit präsentierte. (Bilder Staatsarchiv Uri)

Alois Furrer-Truttmann

In den frühen Morgenstunden des 7. Februar 1916 benachrichtigte der Altdorfer Bahnhofvorstand die Polizei und das Kantonsspital mittels telefonischer Anzeige, dass ein junger Mann von einem Unbekannten auf der Bahnhofstrasse angeschossen worden sei. Ein Polizist begab sich unverzüglich zum Tatort. Das Opfer, der 24-jährige Nikolaus Inderkum aus Schattdorf, musste mit einer stark blutenden Schusswunde im Rücken notfallmässig ins Kantonsspital Uri überführt werden. Als Täter wurde noch am selben Tag der erst 17-jährige Paul Niedermann aus Arbon im Kanton Thurgau festgenommen.

An Bauchfellentzündung gestorben

Im Kantonsspital Uri stellten die Ärzte fest, dass eine Revolverkugel des Kalibers 7 Millimeter auf Inderkum abgefeuert worden war. Das Projektil war von hinten links in der Gegend der linken Niere in den Körper eingedrungen, hatte die Rückenmuskulatur durchbohrt und war in der Bauchhöhle stecken geblieben. Es konnte in einer Notoperation entfernt werden. Trotz des sofortigen ärztlichen Eingriffs und der anschliessenden sorgfältigen Pflege verstarb Nikolaus Inderkum aber am 13. Februar vormittags um 10 Uhr an den erlittenen Verletzungen. Die Obduktion der Leiche, die von Chefarzt Dr. Kesselbach in Altdorf durchgeführt wurde, ergab schliesslich, dass eine Bauchfellentzündung zu Inderkums Tod geführt hatte. Ausgelöst worden war die Entzündung durch die Schusswunde.

Zuerst Serviertochter überfallen

Dank mehrerer Zeugen konnte Paul Niedermann noch am selben Tag gefasst werden. Der erste Zeuge gab bei seiner Befragung zu Protokoll: «Ich war gerade in der Küche und bereitete das Frühstück zu. Da ein Schuss um diese Zeit etwas Ungewöhnliches war, öffnete ich das Fenster, um nachzuschauen, was da los sei. Ich sah einen jungen Mann mit schwarzem Mantel und Sportkappe Richtung Attinghauserstrasse fluchtartig davonrennen.» Am Nachmittag des 7. Februar meldete sich die Kellnerin Anna Zurfluh vom Restaurant Bahnhof als Zeugin, nachdem sie von ihrem Arbeitgeber, dem Wirt Gamma, vom Raubüberfall erfahren hatte. Der Untersuchungsbehörde gegenüber sagte sie unter Tränen aus, dass sie am 7. Februar um 0.15 Uhr von einem jungen, nicht allzu grossen Mann mit schwarzem Mantel und Sportkappe angefallen worden sei. Der Mann habe versucht, ihr die Handtasche zu entreissen. Sie habe sich gewehrt und laut geschrien, dann sei der Mann weggerannt. Den entscheidenden Tipp bekam die Polizei schliesslich aus dem Isenthal: Eine Frau meldete, es schleiche ein fremder Mann im Dorf herum, der ihr sehr verdächtig vorkomme. Er habe sehr nervös nach dem kürzesten Weg nach Luzern gefragt. Das Signalement passte zu demjenigen, das die beiden Altdorfer Zeugen angegeben hatten. In der «Gotthardpost» vom 12. Februar 1916 wurde die Verhaftung wie folgt beschrieben: «Die Polizei sandte ihren Geheimpolizisten nach Isenthal. Kaum daselbst angekommen, sah er einen jungen Burschen, auf den das ihm angegebene Signalement zu passen schien, auf der Strasse mit einer Frau im Gespräch. Auf ihn zugehend, ihm den Revolver unter die Nase haltend, erklärte er ihn als verhaftet. Ohne Weigern gestand der Unglückliche die Tat sofort ein, wurde gefesselt und mit dem nächsten Schiffe nach Flüelen und per Tram nach Altdorf ins Untersuchungsgefängnis überführt.»

Zuerst im Tessin auf Arbeitssuche

Niedermann wurde am 9. Februar verhört. Dabei erwähnte er, dass er eine schöne Jugendzeit verbracht und in der Schule zu den Besten gehört habe. Die Schulzeugnisse, die den Akten beigelegt sind, bezeugen diese Aussage. Nach der Schulzeit fand Niedermann Arbeit als Maschinenbohrer bei der Firma Sulzer in Arbon. Sein Monatslohn für die 55-Stunden-Woche betrug 45 Franken.

In den Akten ist auch ein Abschiedsbrief zu finden, den Niedermann am 2. Februar seinen Eltern geschrieben hatte. «Liebe Eltern, seid mir nicht böse, dass ich in die Fremde ziehe», ist dort zu lesen. «Ich gehe nach Deutschland, dort sind Arbeitskräfte gesucht, und sie werden gut bezahlt. Wenn ich dann über genug Geld verfüge, reise ich weiter nach England, um dort die englische Sprache zu erlernen.»

Doch Niedermanns Weg führte in eine andere Richtung. Mit 45 Franken «Startgeld» fuhr er mit dem Zug nach Zürich und weiter nach Lugano. Im Tessin bemühte er sich, eine Arbeit zu finden. Da er aber der italienischen Sprache nicht mächtig war, gab es nur Absagen. Er entschloss sich deshalb, die Heimreise anzutreten. Das Geld reichte aber nur noch für eine Bahnfahrkarte nach Flüelen, wo er am 6. Februar mit dem 12.45-Uhr-Zug ankam. Niedermann hatte nur noch 40 Rappen in der Tasche. Ihm war bewusst, dass er aufgrund seines jugendlichen und gepflegten Aussehens sowie der guten Kleidung beim Almosenbetteln keinen Erfolg haben würde. Weit weg von zu Hause, fand er zudem niemanden, der ihm in dieser misslichen Situation helfen konnte. Deshalb fasste er den teuflischen Plan, «den Ersten und Besten, der mir in die Quere kommt, rücklings zu erschiessen. Das Opfer muss eine Person sein, dessen Äusseres auf Geld und Besitz schliessen lässt», gab Niedermann zu Protokoll.

Revolver zum «Selbstschutz»

Auf die Frage, weshalb er den Revolver seines Vaters mitgeführt habe, gab Niedermann bei der Einvernahme den begriff «Selbstschutz» als Begründung an. Der Revolver habe sich in einer alten Kiste im Estrich des Hauses seiner Eltern befunden. Er habe nur drei Patronen mitgenommen, obwohl über zwanzig Stück in der alten Kiste aufbewahrt gewesen seien.

Und so soll sich das Verbrechen gemäss Aussagen des Täters abgespielt haben: Am Abend des 6. Februar, als es dunkel wurde, kundschaftete er auf der Bahnhofstrasse eine für den Raubüberfall geeignete Stelle aus. Er fand sie 200 Meter von der Bahnstation entfernt – zwischen zwei Strassenlaternen. Im Wartsaal der dritten Klasse studierte Niedermann den Fahrplan, denn er hatte vor, nach der Tat sofort nach Zürich zu flüchten. Er legte sich im geheizten Wartsaal auf eine Bank und schlief ein. Um Mitternacht wachte er auf und ging an den vorher ausgesuchten Ort, wo er sich hinter einer Mauer versteckte. Der Versuch, der Kellnerin Anna Zurfluh die Handtasche zu entreissen, scheiterte kläglich. Um 2 Uhr morgens kam ein älterer Mann mit drei Kindern vorbei. Diese liess er ohne Raubversuch passieren. Ratlosigkeit und Hunger liessen Niedermann aber ausharren, um den Stunden zuvor gefassten Plan in die Tat umzusetzen.

Opfer konnte noch aussagen

Um 3.15 Uhr kam Nikolaus Inderkum vom Dorf her Richtung Bahnhof und wurde in der Folge «meuchlings angeschossen», wie die «Gotthardpost» den Vorfall damals beschrieb. Und so schilderte Inderkum selber nach der schwierigen Notoperation und unter Aufsicht von Dr. Kesselbach die Umstände und den Tatverlauf: «Ich bin ein gebürtiger Schattdorfer und arbeite schon seit längerer Zeit in Zürich als Tramangestellter der städtischen Bahn. Am 5. Februar fuhr ich mit dem Nachtzug nach Altdorf, um am darauf folgenden Tag mit meiner langjährigen Geliebten Rosa Bissig von Bürglen die Verlobung zu feiern. Ich war stolz und glücklich über die Verlobung, die wir mit einem kleinen Fest in Hartolfingen gefeiert hatten», sagte Inderkum. «Ich marschierte in Gedanken versunken dem Bahnhof Altdorf zu und wollte den Zug Nr. 332 nehmen, um pünktlich an meinem Arbeitsplatz in Zürich zu erscheinen.Etwa 200 Meter vom Bahnhof entfernt kam mir ein junger Mann entgegen. Der Mann hatte eine Sportkappe auf dem Kopf, die er tief ins Gesicht gezogen hatte. Aufgefallen ist mir der lange schwarze Mantel, der in Uri zu dieser Zeit noch nicht Mode war. Der Kragen war hochgestellt, und ich konnte das Gesicht nur spärlich wahrnehmen. Er grüsste mich freundlich, und ich erwiderte seinen Gruss, bemerkte aber, dass er meinen Schritten folgte. Dann fiel ein Schuss und ich fiel zu Boden. Ich richtete mich trotz grosser Schmerzen sofort wieder auf, um mich gegen diesen Angreifer zur Wehr zu setzen. Ohne ein Wort von sich zu geben, flüchtete der Täter in Richtung Altdorfer Dorf. Mit grossen Schmerzen schleppte ich mich der Station zu, wo ich noch einen kurzen Blick auf die Bahnhofuhr warf. Sie zeigte die Zeit 3.15 Uhr. Ich bat den Bahnhofvorstand um Hilfe. Dieser informierte das Kantonsspital und die Polizei.»

Mit Inderkums Tod war aus dem geplanten Raubüberfall ein Mord geworden. Niedermann bereute seine Tat, die er nach eigenen Angaben «in einem teuflischen Wahn» ausgeführt habe. Im Vorfeld der Gerichtsverhandlung wurden in Uri Stimmen laut, die eine Enthauptung des Mörders forderten. Das Kriminalgericht verurteilte den 17-jährigen Täter aber zu einer Zuchthausstrafe von 13 Jahren, zum Entzug der bürgerlichen Rechte für die Dauer von 15 Jahren und zu einer Geldbusse von 200 Franken. Die Gerichtskosten betrugen 166 Franken und 40 Rappen.

Geständig, kooperativ, reumütig

Für dieses relativ milde Urteil war wohl massgebend, dass Paul Niedermann erst 17 Jahre alt war und einen bis dahin unbescholtenen Leumund vorweisen konnte. Zudem war er von Anfang an geständig und kooperativ gewesen. Zudem bereute er seine Tat stets. Bei seinem Schlusswort vor dem Kriminalgericht Uri sagte der Thurgauer «mit weinerlicher Stimme» zu den Richtern: «An der Schuld von mir gibt es nichts zu beschönigen. Trotzdem trifft es mich hart, dass ich bei der Urteilsbegründung als Versager und gewissenloser Vagabund bezeichnet werde. Ich weiss es selber, es ist furchtbar, und ich kann es nicht mehr gutmachen, was ich getan habe. Ich lebe, aber ich habe Nikolaus Inderkum diese Chance nicht gegeben. Sein Tod ist meine Schuld, mit der ich leben muss. Ich bitte die Angehörigen des Opfers um Verzeihung und das Gericht um ein mildes Urteil.»

«Auf dem Todbette verziehen»

Nach der Haftentlassung fand Niedermann sofort Arbeit. Er blieb seinem Arbeitgeber bis zur Pensionierung treu, heiratete nie und wurde an seinem Wohnort als zurückgezogener Einzelgänger wahrgenommen. Nur einmal äusserte er sich öffentlich zum Raubmord in Uri. Er sagte damals, er habe in Uri eine schwere Tat begangen und dort milde Richter gefunden. Er hoffe, dass der liebe Gott ihn auch milde richte. Und die «Gotthardpost» hielt in ihrer Ausgabe vom 19. Februar 1916 zum Tod von Nikolaus Inderkum fest: «Seinem Mörder hat er auf dem Todbette verziehen. Gewiss hat Inderkum im Jenseits einen gnädigen Richter gefunden.»

Hinweis

Die Neue UZ veröffentlicht in loser Folge Beiträge zum Thema «Uri damals». Geschildert werden Ereignisse, die in Uri für Gesprächsstoff gesorgt haben, mittlerweile aber fast ganz in Vergessenheit geraten sind. Alois Furrer-Truttmann, freier Mitarbeiter der Neuen UZ, rollt in seinem Beitrag einen Mordfall an der Altdorfer Bahnhofstrasse auf, der sich morgen zum 100. Mal jährt.