Altdorf
95-jährige Künstlerin besucht «ihre» Ausstellung im Haus für Kunst Uri

Die in Genf lebende Aimée Moreau entdeckt bei einem Rundgang die eigenen in ihrem langen Leben gemalten Bilder neu.

Markus Zwyssig
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Aimée Moreau freut sich über die grosse Ausstellung im Haus für Kunst Uri mit zahlreichen Malereien von ihr.

Aimée Moreau freut sich über die grosse Ausstellung im Haus für Kunst Uri mit zahlreichen Malereien von ihr.

Bild: Urs Hanhart (Altdorf, 17. April 2021)

Aimée Moreau ist trotz ihres hohen Alters vor allem auch geistig erstaunlich fit geblieben. Beim Gehen stützt sich die zierliche, elegante Frau auf einen Stock. Aber sie begibt sich mühelos und bestimmt, mit sichtlicher Freude und auch ein wenig stolz durch die Ausstellungsräume im Haus für Kunst Uri. Mit 95 Jahren erhält sie, die nur Französisch und Englisch spricht, ausgerechnet im Kanton Uri eine grosse Ausstellung. Bisher waren ihre Arbeiten in kleinerem Rahmen vor allem in der Westschweiz und in Frankreich zu sehen.

Direktorin Barbara Zürcher hat die Bilder von Aimée Moreau erstmals vor rund vier Jahren bei der Ausstellung «Peinture en promo» mit Ian Anüll im Haus für Kunst Uri gesehen. Dieser zeigte 2017 in Altdorf Fundstücke aus seiner eigenen reichhaltigen Sammlung. Barbara Zürcher war beeindruckt von den Arbeiten der Künstlerin. Nun hat sie die aktuelle Ausstellung mit dem sehr passenden Titel «Poesie des Alltäglichen» zusammen mit Ian Anüll kuratiert und Aimée Moreau viel Raum gegeben.

Angereist nach Altdorf ist Aimée Moreau zusammen mit ihren beiden Töchtern. Übernachtet hat sie in einem Hotel in der Nähe. Sie zeigt sich beeindruckt vom Kanton Uri: «Die Landschaft, der See und die imposanten Berge faszinieren mich.»

Die in Genf lebende Künstlerin ist trotz ihres hohen Alters geistig erstaunlich fit.

Die in Genf lebende Künstlerin ist trotz ihres hohen Alters geistig erstaunlich fit.

Bild: Urs Hanhart (Altdorf, 17. April 2021)

Mit Malen begonnen habe sie im Alter von 16 Jahren. «Dann habe ich eigentlich mein ganzes Leben lang gemalt», sagt sie im Gespräch. Vor zehn Jahren habe sie aufgrund des fortgeschrittenen Alters mit der Malerei aufgehört. Aber so ganz beendet hat sie ihr künstlerisches Schaffen trotzdem noch nicht: «Mit Farbstiften zeichne ich heute noch gerne.»

Ein besonderes Wiederentdecken in Selbstporträts, in denen sie als junge Frau zu sehen ist

Aimée Moreau ist beeindruckt, wie viel Platz ihre Bilder im Haus für Kunst Uri erhalten. «Ich entdecke meine Bilder neu», sagt sie. Es sei so lange her, dass diese Malereien entstanden seien. Speziell findet sie etwa, wenn sie die Bilder betrachtet, die sie in Selbstporträts in jungen Jahren zeigen. Aimée Moreau kam 1926 in Paris zur Welt, wo sie auch Malerei studierte. Heute wohnt sie in Le Lignon bei Genf. Früher war sie mit ihrer Familie viel unterwegs. Das Atelier der Künstlerin reiste immer mit. Mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann, dem international tätigen Mathematiker Michel Kervaire, und den beiden Töchtern pendelte Aimée Moreau zwischen Frankreich, der Schweiz und den Vereinigten Staaten. Immer wieder hat sie in ihren Malereien auch Eindrücke ihrer Umgebung festgehalten. So wie jenes Bild, das in New York entstanden ist. Es zeigt den Blick aus Aimée Moreaus Atelier in einem Hochhaus im 29. Stockwerk in Greenwich Village, wo die Familie damals wohnte.

Bilder entstanden oft in mehrmonatiger Arbeit in ihrem Atelier

Die Bilder von Aimée Moreau überraschen mit ihrer Detailtreue und halten im Stil der neuen Sachlichkeit ganz Alltägliches fest. Licht und Schatten, die Spiegelungen in den Gegenständen, alles hat sie exakt auf die Leinwand gebracht. «Ich habe die unterschiedlichsten Dinge, die ich in meiner Umgebung fand, im Studio so arrangiert, bis es mir passte.» Da sind die zu einem Stillleben arrangierten Stiefel, ein Gummihandschuh neben einem eleganten weissen Frauenhandschuh, eine Puppe und eine blühende Rose oder der Plattenspieler, der Klapptisch, das Schaukelpferd. Später kamen vermehrt Objekte aus Plastik dazu. «Ich habe manchmal einen oder zwei Monate an einem Bild gemalt», erinnert sie sich. «Es kam auch vor, dass ich an zwei Bildern gleichzeitig gemalt habe.»

Auch die Vergänglichkeit des Alltags hat die Künstlerin festgehalten. Halbleere oder leere Weinflaschen, zerbrochenes Glas und kopfüber hängende tote Tiere. «Da musste ich schnell vorwärts machen mit dem Malen», sagt Aimée Moreau und schmunzelt. Schliesslich sei sie auch zuständig gewesen für die Zubereitung des Essens. Ihr Mann habe das, was er gekauft und fürs Malen als Vorlage gedient habe, auch sehr gerne gegessen.

Die Ausstellung im Haus für Kunst Uri dauert noch bis zum 16. Mai. Neben den Malereien von Aimée Moreau sind Installationen und Objekte des Argentiniers Martín Mele sowie die Malerei und die miniaturartigen Texte des Schaffhausers Ulrich Meister zu sehen.

Weitere Informationen auf der Website des Hauses für Kunst.