ALTDORF: Auf Gedeih und Verderb mit Uri verbunden

Der Dokumentarfilm «Danioth - der Teufelsmaler» von Felice Zenoni erzählt das Leben des Urner Malers und Schriftstellers Heinrich Danioth (1896-1953). Briefe, Tagebücher, Fotos, Filme, vor allem aber die Zeugnisse seiner beiden Töchter zeichnen ein intimes Porträt.

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Das Hotel Edelweiss im Meiental. Hier wurde für den Film Teufelsmaler gedreht. (Bild: Felice Zenoni)

Das Hotel Edelweiss im Meiental. Hier wurde für den Film Teufelsmaler gedreht. (Bild: Felice Zenoni)

Immer wieder fährt die Kamera über wunderbare Landschaften - über rauschende Bäche, Seen, satte Wiesen, Täler, schroffe Berge - und macht so deutlich, dass das Urnerland für Heinrich Danioth lebenswichtig war. Er fühle sich «einem Pakt» verbunden, den er «auf Gedeih und Verderben mit Menschen und Landschaft seiner engeren Heimat» eingegangen sei, schrieb er 1948 in einem Beitrag der Zeitschrift «Das Werk».

Schmauchen wie zu Grossvaters Zeiten. Für eine Reenactment-Szene machten Karin und Stefan Truschner vom Hotel Posthaus Urigen eine Ausnahme für den «Danioth»-Film. Unsere Statisten durften im Wirtshaus rauchen. Die Dreharbeiten zogen sich bis weit nach Mitternacht hin. Es war der aufwendigste Dreh des Films. Wir mussten zuerst in einem Tonstudio in Winterthur ein Playback erstellen. Auf dem Set waren dann rund vierzig Urner Statistinnen und Statisten unentgeltlich im Einsatz. (Bild: Frank Messmer)
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Er macht das «Margritli» frisch: Restaurator Andreas Lohri reinigt und restauriert in seinem Atelier in Zug seit einiger Zeit Originale von Heinrich Danioth aus den Beständen der Dätwyler-Stiftung. Wir mussten uns sputen, um das «Margritli», Danioths wohl berühmtestes Bild, nicht zu verpassen. Der Einblick in die Welt des Restaurators war für uns faszinierend. Gibt es einen Beruf, bei dem noch mehr Geduld gefragt ist? Der Dreh mit Andreas Lohri war einer unserer ersten Drehtage überhaupt. Der neben der Kamera versteckte Mann mit dem Messband ist der Focus Puller. Ohne ihn gäbs keine scharfen Bilder. Links im Bild: Andreas Lohri; rechts: Frank Messmer; versteckt: Tobias Buchmann. (Bild: Felice Zenoni)
Wie zu Joders Zeiten. Zuhinterst im Meiental filmen wir in Färnigen. Am Drehtag herrschte Lawinengefahr, und wir waren froh, dass zwei Strassenwärter uns zu unserem Schutz im Auge behielten. Heinrich Danioth wurde hier Ende Oktober 1944 eingeschneit. Dabei kam ihm die Idee zum ‹Urner Krippenspiel›. Im Hotel Edelweiss, in dem er die Rückkehr nach Flüelen abwarten musste, schrieb er Tag und Nacht am Stück. Das Hotel sieht heute noch fast genau so aus wie damals. Rechts im Bild ist Kameramann Frank Messmer. (Bild: Felice Zenoni)
Diese Szene ist nur für die Zeitung und Online, denn: Diese Szene hat es nicht in den Danioth-Film geschafft. Hans Jakob Burkhardt (vorne, beim See) wuchs an der Isleten auf und musste mit dem Schiff zur Schule nach Flüelen fahren. Ich wollte ihn ursprünglich am Danioth-Sgraffito der Heiligen Barbara bei der Sprengstofffabrik Cheddite vorbeilaufen lassen. Aus Zeitgründen mussten wir diese Szene dann allerdings herausschneiden. Immerhin kommt das Sgraffito jetzt wenigstens in der «Neuen Urner Zeitung» und auf Urnerzeitung.ch wieder einmal zur Geltung. (Bild: Felice Zenoni)
Zentimetergenaue Kranarbeit fürs Urner Wappen: Ein Kran für Uri. Heinrich Danioth malte kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs das Urner Wappen im Auftrag des Verkehrsvereins an die Felswand der Axenstrasse. Lange wussten wir nicht, ob die Aufnahme gelingen würde, so wie wir sie geplant hatten. Kranfahrer Johann Thomas musste auf alle Fälle zentimetergenau arbeiten, um den fast 50 Meter hohen Kran in die richtige Position bringen zu können. Zu meinem Glück war im Krankorb nur Platz für zwei Personen. (Bild: Felice Zenoni)
Detektivarbeit führt auf richtige Spur. Das waren noch Zeiten: der Wartsaal beim Bahnhof in Flüelen, der mittlerweile zu einem Kiosk umfunktioniert worden ist, mit dem berühmten Föhnwachtfresko von Heinrich Danioth aus dem Jahr 1944. Hier sind wir bei den Dreharbeiten mit den beiden Danioth-Modellen Jakob Lüchinger und Ida Fischer-Poletti (vorne links und rechts). Zuerst war es bloss eine Vermutung, doch mit einem Schuss detektivischem Gespür fand ich die Spur der beiden Danioth-Modelle nach langer Suche dann doch noch. Beide standen zum ersten Mal vor einer Filmkamera. Sie nahmen es gelassen und agierten wie Profis. (Bild: Felice Zenoni)
Die Töchter helfen tatkräftig mit. Die Brückenpfeiler des Films. Ohne die konstante Mitarbeit und Offenheit der beiden Töchter Heinrich Danioths, Madeleine und Cilli, wäre der Film in dieser Form nicht möglich gewesen. Hier besuchen wir das ehemalige Atelier von Heinrich Danioth in seinem Wohnhaus in Flüelen. Vorne rechts Cilli und Madeleine Danioth, dahinter Christine Stahel, die ehemalige Besitzerin des Danioth-Hauses. Leider erlebt sie die Filmpremiere nicht mehr, sie verstarb 2014. Im Hintergrund sieht man den Entwurf des Auferstehungsengels für ein Grabmal auf dem Friedhof in Altdorf. (Bild: Felice Zenoni)
Polizei stösst auf filmreife Szene Filmklappe für Max Dätwyler. Man sieht es ihm an: Die Filmaufnahmen bereiteten Dätwyler sichtlichen Spass. Im anschliessenden nächtlichen Dreh in der heutigen Musikschule Uri, dem früheren Wohnhaus der Familie Dätwyler, verging der Filmcrew allerdings für einen Moment das Lachen. Unsere Rauchmaschine löste einen Feueralarm aus. Überall schrillten Sirenen, und im Nu stand eine Patrouille der Urner Kantonspolizei vor uns. Immerhin stiessen die beiden Polizisten im wahrsten Sinne des Wortes auf eine filmreife Szene. (Bild: Felice Zenoni)

Schmauchen wie zu Grossvaters Zeiten. Für eine Reenactment-Szene machten Karin und Stefan Truschner vom Hotel Posthaus Urigen eine Ausnahme für den «Danioth»-Film. Unsere Statisten durften im Wirtshaus rauchen. Die Dreharbeiten zogen sich bis weit nach Mitternacht hin. Es war der aufwendigste Dreh des Films. Wir mussten zuerst in einem Tonstudio in Winterthur ein Playback erstellen. Auf dem Set waren dann rund vierzig Urner Statistinnen und Statisten unentgeltlich im Einsatz. (Bild: Frank Messmer)

Prägender Vater-Sohn-Konflikt

Heinrich Danioth kam am 1. Mai 1896 in Altdorf zur Welt. Mit der Geburt setzt der Film ein und erzählt in vorwiegend chronologischer Reihenfolge von Wirkungsorten, künstlerischen Ereignissen und Beziehungen, von seinem zeichnerischen Engagement gegen den Nationalsozialismus, von Freundschaften und familiären Vorkommnissen.

Prägend war das überaus schlechte Verhältnis des Malers zu seinem Vater, wie die beiden Töchter Madeleine und Cilli Danioth berichten. In seinem Tagebuch, aus dem Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart immer wieder Auszüge liest, beklagt Danioth die «geistige Unfreiheit», die von seinem Vater ausgegangen sei. Dieser entzog er sich mit 16 Jahren, schmiss die Schule und begann ein Kunstpraktikum in Basel.

Zusammen mit den beiden Frauen folgt Felice Zenoni Danioths Spur. Er filmt im Maderanertal, in der Schöllenenschlucht, wo Danioths Teufelsbild entsteht, in Rom, wo sich der Künstler in seinem Tagebuch schwärmerisch über die Schönheit der dortigen Frauen äussert, in Karlsruhe, auf dem Klausenpass, in Altdorf und Flüelen.

Vielfalt der Perspektiven

Seine Szenen ergänzt der Regisseur mit Archivfilmen und historischen Fotografien. Zu Wort kommen auch Experten, insbesondere der Kunsthistoriker Beat Stutzer, der Danioths expressionistisches Frühwerk würdigt oder aber sein Wandbild «Fundamentum» am Bundesbriefmuseum in Schwyz kommentiert.

Das Mikrofon leiht Zenoni schliesslich Menschen, die sich mit dem 1953 verstorbenen Danioth auf die eine oder andere Art persönlich verbunden fühlen. Dank dieser Quellenvielfalt gelingt es dem Film, die Facetten des schillernden Menschen und Künstlers Heinrich Danioth auf unterhaltsame Art auszuleuchten. Und möglicherweise kann das Porträt gar dazu beitragen, den in Vergessenheit geratenen Künstler über das Urnerland hinaus in Erinnerung zu rufen.

Hinweis: Welturaufführung am 14. Januar um 20.15 im Kino Leuzinger in Altdorf in Anwesenheit des Regisseurs. Ab dem 15. Januar in verschiedenen Schweizer Kinos.

Karl Wüst, sda