ALTDORF: Barbara Zürcher: «Ich bin immer noch eine Exotin»

Barbara Zürcher leitet seit zehn Jahren die Geschicke im Haus für Kunst. Sie hat viel erreicht. Doch noch immer möchte sie zahlreiche Pläne verwirklichen und vor allem neugierig bleiben.

Markus Zwyssig
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Barbara Zürcher hat viele Pläne und Ideen für künftige Ausstellungen im Haus für Kunst Uri. (Bild: Markus Zwyssig (Altdorf, 20. Januar 2017))

Barbara Zürcher hat viele Pläne und Ideen für künftige Ausstellungen im Haus für Kunst Uri. (Bild: Markus Zwyssig (Altdorf, 20. Januar 2017))

Markus Zwyssig

 

Barbara Zürcher war erstaunt, als unsere Zeitung sie kontaktierte, um über ihr 10-Jahr-Jubiläum als Direktorin im Haus für Kunst Uri zu sprechen. «Ich kann es kaum glauben», so Zürcher. «Die zehn Jahre vergingen wie im Flug.» 2007 wurde Barbara Zürcher als neue Kuratorin im Haus für Kunst Uri gewählt. Sie trat die Nachfolge des damaligen Kurators Peter Stohler an, der nach Genf in ein Haus für neue Medien gewählt worden war.

Vor mittlerweile zwölf Jahren lernte Zürcher das Haus für Kunst Uri kennen. «Es war Liebe auf den ersten Blick», schwärmte sie bereits damals. «Ich war fast ein bisschen neidisch auf Peter Stohler.» Inzwischen ist sie selber seit zehn Jahren Direktorin. Barbara Zürcher hat das Haus für Kunst Uri zu einem Ort gemacht, an dem zeitgenössische Kunst in einem breiten Spektrum gezeigt wird.

Ausstellungsmacherin geniesst in Uri Freiheiten

«Kulturinstitutionen in Randgebieten sind einfach spannend, denn man geniesst dort viel mehr Narrenfreiheit», sagte sie bei ihrer Anstellung. Zehn Jahre später sieht es Zürcher immer noch ähnlich, wenn auch mit Einschränkungen. «Narrenfreiheit ist vielleicht nicht das richtige Wort», sagt die 53-jährige Baslerin heute. «In einem kleinen Kanton wie Uri hat man sicherlich mehr Freiheiten», so die Direktorin. Doch für sie gibt es auch Grenzen, denn letztendlich gehe es darum, Besucher ins Haus zu bringen. Sie denkt dabei an Urner, aber auch an Auswärtige. Denn für sie ist wie damals klar: «Man findet in diesen oft zu Unrecht als Provinz verschmähten Gebieten viel mehr Beachtung als in den grossen Metropolen. Dort führt man ein Haus dieser Grössenordnung als eines unter sehr vielen.»

Finanziell musste sich Barbara Zürcher vor allem zu Beginn nach der Decke strecken. Langsam, aber stetig gab es mehr Unterstützung, mehr Subventionen. Der Vorstand des Kunstvereins habe sich stark für einen Ausbau des Ausstellungsbetriebs eingesetzt. Grosse Unterstützung für den Miteinbezug von Danioth erhielt sie von der Dätwyler-Stiftung. Selber trug sie aber auch ihren Teil bei: «Es ist uns gelungen, immer wieder Sponsoren für die verschiedenen Projekte zu finden.»

Zürcher war zum richtigen Zeitpunkt in den Kanton Uri gekommen. Zwei Jahre nach ihrem Arbeitsbeginn wurde das Haus für Kunst um einen Anbau erweitert: 2009 kam der Danioth-Pavillon dazu. Das Pensum der Direktorin wurde von 50 auf 70 Prozent erhöht. «Es ist eine Bereicherung, mit Danioths Werken zu arbeiten und sein Schaffen immer wieder neu in die Ausstellungen zu integrieren.»

Positiv findet Zürcher, dass die Kunstvermittlung aufgestockt wurde. Lotti Etter bringe mit ihrer Arbeit Kinder zum Staunen. Senioren kommen vermehrt ins Haus. Asylbewerber lernen im Rahmen des Projekts Kulturbrücke die Ausstellungen kennen. «Das Haus soll Welten öffnen», sagt Zürcher.

Durch Reise erhält sie neuen Blickwinkel

Dank einem Stipendium von Landis+Gyr durfte Zürcher vor zwei Jahren für sechs Monate nach London. Das sei wohl mit ein Grund, weshalb die Zeit so schnell verflogen sei. «Das war eine unglaubliche Bereicherung.» Es gebe einem den nötigen Abstand und einen neuen Blick auf die Arbeit. London hat Spuren hinterlassen. Im Herbst findet eine Ausstellung mit dem Arbeitstitel «London meets Altdorf» statt.

Als sie in Altdorf begann, sei es ein Abtasten gewesen. Zürcher musste herausfinden, was sie machen darf und wo klare Grenzen gesteckt sind. Und siehe da: In den vergangenen Jahren war einiges möglich. Das Künstlerduo Sabina Lang und Daniel Baumann baute die begehbare Holzkonstruktion «Beautiful Tube # 4», die sich durch das ganze Haus schlängelte. Für Peter Regli, den Künstler mit Urner Wurzeln, wurde im Haus sogar eine Wand entfernt.

Barbara Zürcher fühlt sich wohl und akzeptiert im Gotthardkanton. «Die Urner sind sehr offen, schauen aber, mit wem sie es zu tun haben.» Mit der Offenheit müsse man sensibel umgehen. Der Kanton Uri habe eine starke Musik- und Theaterszene, findet Zürcher. Alpentöne sei für sie das tollste Festival überhaupt. Mehrmals kamen bereits Zusammenarbeiten zwischen dem Musikfestival und dem Haus für Kunst zu Stande.

Der Kontakt mit anderen Institutionen wurde aber auch sonst mehrmals gepflegt. So wurde im vergangenen Sommer beispielsweise die Ausstellung «dall’ altra parte» nicht nur im Haus für Kunst in Altdorf, sondern auch in Göschenen im Kunstdepot von Sammler Christoph Hürlimann und in der Fondazione im Sasso San Gottardo realisiert.

Trotz allem, was sie erreicht hat, bleibt Barbara Zürcher realistisch: «Ich bin immer noch eine Exotin.» Ihr Ziel, im Kanton Uri mit den Ausstellungen auch regelmässig Bergbauern anzusprechen, hat sie noch lange nicht erreicht. «Es kommen vor allem Menschen ins Haus, die an zeitgenössischer Kunst interessiert sind.» Erste Ansätze aber gibt es: Bei der Ausstellung der Fotografin Vanessa Püntener «Berge versetzen», die Bilder der Alpenwelt zeigte, machte Zürcher sogar Bergbauern unter den Besuchern aus. Und so auch beim holländischen Künstler Kees Hensen, denn dieser arbeitete wochenweise bei einer Urner Familie auf der Alp. Ein weiterer Anziehungspunkt sei Danioth, für den sich auch kunstfernere Menschen interessierten, so Zürcher.

Das Haus für Kunst bietet neben den drei eigenen jährlichen Ausstellungen sowie zur Jahresausstellung für Urner Künstler ein reiches Begleitprogramm. Dazu gehören Lesungen, Musik und Performances. «Das Angebot darf man aber auch nicht überladen», weiss Zürcher. «Die Urner werden sehr verwöhnt», sagt sie und meint damit das reiche Programm Musik, Theater und Kino. Zudem biete die Natur grosse Spektakel.

Eine Bleibe in Altdorf gefunden

Auch Zürcher hat den Lebensraum Kanton Uri für sich entdeckt. Pendelte sie früher praktisch täglich zwischen Uri und Zürich hin und her, so hat sie heute eine «kleine Bleibe in Altdorf», wie sie sagt. «Aufhören muss ich dann, wenn ich nicht mehr neugierig bin», sagt die 53-jährige Basler Kuratorin überzeugt. So weit sei es aber noch lange nicht: So hat sie denn viele Ideen und Pläne für künftige Ausstellungen. Ihr Ziel sei es, den Freunden zeitgenössischer Kunst zahlreiche weitere Überraschungen bieten zu können.

Mit Mut und Hingabe packe sie Veränderungen an. Unterstützt wird Barbara Zürcher dabei von einem engagierten Team und einem vielseitig begabten Techniker und von Künstlern, die bei ihren Ausstellungen etwas wagen wollen.

Hinweis

In der Rubrik Uri damals blickt unsere Zeitung zurück, was den Kanton einst beschäftigt hat. Sie spricht mit Zeitzeugen, besucht die Original-Schauplätze, analysiert die Entwicklung und beleuchtet, was aus den Schlagzeilen von damals geworden ist.

Ein Zeitungsausschnitt von Januar 2007, als bekannt wurde, dass Barbara Zürcher Direktorin des Hauses für Kunst Uri wird.

Ein Zeitungsausschnitt von Januar 2007, als bekannt wurde, dass Barbara Zürcher Direktorin des Hauses für Kunst Uri wird.