Altdorf
Beim Prügeln hört der Spass auf

Ab wann sollte bei Konflikten unter Kindern interveniert werden? Diese Frage erörterten Fachleute an einer Tagung der Stiftung Papilio.

Urs Hanhart
Drucken
Teilen

Ursprünglich wollte die Stiftung Papilio die Fachtagung zum Thema «balgen, raufen und prügeln» bereits Ende Oktober 2020 durchführen. Allerdings warf die Coronapandemie die Planung über den Haufen. Am vergangenen Freitag wurde diese Veranstaltung im Beisein von rund 30 Fachpersonen in den Räumlichkeiten der Stiftung Papilio in Altdorf nun mit einjähriger Verzögerung nachgeholt.

Primarlehrer und Schulpsychologe David Britschgi bei seinem Inputreferat.

Primarlehrer und Schulpsychologe David Britschgi bei seinem Inputreferat.

Bild: Urs Hanhart (Altdorf, 29. Oktober 2021)

«Dieses Thema ist eine echte Herausforderung», meinte Martin Huber, Geschäftsführer der Stiftung Papilio, in seiner Begrüssung. Dann fügte er noch an: «Wir fragen uns immer wieder, was für die Entwicklung notwendig ist, was noch gesund ist und ab wann wir die Kinder schützen müssen. Es geht darum, die Kinder zu konfliktfähigen Menschen zu entwickeln. Das ist ein ständiges Herantasten und man weiss nie so richtig, ob man zu früh oder zu spät interveniert hat.» Bei dieser Fachtagung gehe es darum, voneinander zu lernen und zu erkennen, was aus der Entwicklungsperspektive wichtig sei sowie die Einschätzungen zu schärfen, sich eine gewisse Gelassenheit anzueignen und das Handlungsrepertoire zu Gunsten der Kinder zu erweitern. «Der Alltag stellt an uns ständig Anforderungen, für die es keine einfachen und klare Antworten gibt. Darum ist es der gegenseitige Austausch unserer Erfahrungen wichtig und wertvoll», so Huber überzeugt.

Ein natürliches Bedürfnis und ein Lernfeld

Primarlehrer und Schulpsychologe David Britschgi, der als Lehrer und pädagogischer Leiter in Baar arbeitet, knüpfte in seinem Inputreferat mit grossen, auf Karton aufgezogenen Bildern eine Art Perlenkette. Nach und nach hängte er die Bilder an einer Leine auf und formte so im Verlaufe seiner Ausführungen ein Gesamtbild. «Balgen, raufen und prügeln ist ein natürliches Bedürfnis und ein Lernfeld bezüglich der Sprachentwicklung, Motorik und Sensorik. Alle komplexen Abläufe im Hirn werden stimuliert. Aber selbstverständlich muss man schauen, wo die Grenzen zu ziehen sind», betonte Britschgi, und er ergänzte: «Dazu gibt es keine Literatur, die besagt, dass balgen, raufen und miteinander spielen nicht empfohlen werden kann. Zumindest habe ich keine Literatur gefunden, die nahelegt, das alles tunlichst zu vermeiden. Im Gegenteil, es gibt viele Aspekte in der Entwicklung, die förderliche Anteile beinhalten.»

Britschgi verwies auf eine Studie zur gewaltfreien Erziehung und betonte: «Wenn ein Kind in einem familiären Umfeld aufwächst, in dem auf Gewalt verzichtet wird, dann ist die Chance als Jugendlicher oder junger Erwachsener aggressiv zu werden, um die Hälfte reduziert. Das Wohlbefinden ist dreimal tiefer, wenn im familiären Umfeld Gewalt stattfindet.»

Umschlagen in Gewalt als Grenze

Wo sind die Grenzen und was für Handlungsmöglichkeiten gibt es? Diese Frage beantwortete der Referent wie folgt: «Die Grenze ist dort, wo die Aggression in Gewalt umschlägt oder aus balgen und raufen ein Prügeln wird. Letzteres ist nicht entwicklungsfördernd.» Britschgi riet den Tagungsteilnehmenden, für die Lösung von Konflikten stets genügend Zeit einzuplanen: «Die normalen Schulpausen reichen in der Regel, um einen Streit anzufangen, aber nicht um einen solchen zu beenden.» Sobald es Richtung Prügeln und Gewalt gehe, solle man intervenieren und für einen Stopp sorgen. Zum Schluss komplettierte Britschgi seine Perlenkette mit folgendem Zitat von Jan-Uwe Rogge, ein deutscher Autor, Erziehungsberater und Kolumnist: «Wer versucht, Aggression aus der Kindheit zu verbannen, legt die Entwicklung still.»

Im Anschluss wurde das Thema im Rahmen von verschiedenen Workshops noch vertieft behandelt.

Aktuelle Nachrichten