ALTDORF: Bilder begleiten in die Rente

Michaela Bissig hat ein Bilderbuch für Menschen mit einer geistigen Behinderung gezeichnet. So will ihnen die Maturandin Angst vor der Pensionierung nehmen.

Markus Zwyssig
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Die Altdorferin Michaela Bissig hat ein Bilderbuch für Menschen mit einer geistigen Behinderung gezeichnet. (Bild: Markus Zwissig / Neue UZ)

Die Altdorferin Michaela Bissig hat ein Bilderbuch für Menschen mit einer geistigen Behinderung gezeichnet. (Bild: Markus Zwissig / Neue UZ)

Peter hat bald seinen letzten Arbeitstag. Er kommt ins Grübeln: Werde ich noch Geld bekommen, wenn ich nicht mehr zur Arbeit gehe? Was soll ich dann tun? Bin ich nach der Pensionierung alt und muss bald sterben? Peter ist geistig behindert und lebt im Wohnhaus. Die 17-jährige Mittelschülerin Michaela Bissig hat die Sorgen und Ängste ernst genommen. Sie hat für ihre Maturaarbeit an der kantonalen Mittelschule in Altdorf ein Bilderbuch gezeichnet. Dieses richtet sich explizit an erwachsene Menschen mit einer geistigen Behinderung.

Inspiration aus dem Alltag

Grundlage für das Bilderbuch waren Besuche im Wohnhaus der Stiftung Behindertenbetriebe Uri (SBU). Michaela Bissig liess sich dadurch zu den Aquarell- und Farbzeichnungen inspirieren. Fiktive Hauptfigur des Buchs ist Peter, der im Rollstuhl sitzt und kurz vor der Pensionierung steht. «Peter ist auf allen Bildern gut erkennbar. Der Rollstuhl zeigt, dass er behindert ist. Sein Hilfsmittel ist auch ein Symbol für das fortgeschrittene Alter.»

Angeregt wurde die Maturandin von Susanne Odermatt, die in der SBU in Schattdorf in einer Wohngruppe für ältere Menschen mit einer geistigen Behinderung arbeitet. «Die Lebenserwartung steigt – auch Menschen mit einer geistigen Behinderung werden immer älter», sagt Odermatt. Rund 20 Personen im Wohnhaus befinden sich bereits im Ruhestand. Bei weiteren steht der Übertritt in die neue Lebensphase bevor. Für diese Personen ist das leicht verständliche Bilderbuch gedacht. Es soll als Hilfsmittel in der Vorbereitung auf die Pensionierung eingesetzt werden können. «Erwachsene Menschen mit einer geistigen Behinderung betrachten gerne Bilderbücher. Es gab aber bisher kaum welche, die speziell für sie gemacht sind.»

Vorteile werden aufgezeigt

Michaela Bissig nahm die Anregungen aus der Praxis gerne auf. Ihr ist es ein Anliegen, dass ihre Maturaarbeit auch im Alltag genutzt werden kann. Die junge Altdorferin hat zu Pinsel und Stiften gegriffen. Michaela Bissig malte Aquarellbilder und Zeichnungen mit Farbstiften. Darauf sieht man, was nach der Feier zur Pensionierung passiert. Dargestellt werden verschiedene Vorteile, die der frisch Pensionierte geniesst: Er kann ausschlafen, wenn er will. Nun hat er mehr Zeit für die Hobbys. In der Geschichte trifft er sich mit Freunden zum Memory-Spielen, besucht ein Café oder geniesst im Freien die Natur.

Michaela Bissig war mehrmals im Wohnhaus der Stiftung Behindertenbetriebe Uri in Schattdorf zu Besuch. Das half ihr, das Bilderbuch den Bedürfnissen der Menschen mit einer Behinderung entsprechend zu gestalten.

Für alle leicht lesbar

Die junge Künstlerin achtete insbesondere darauf, dass das Buch gut lesbar ist. Dabei musste sie Zugeständnisse an die Grafik machen. Eigentlich hätte sie den Text gerne handschriftlich aufgeschrieben. Doch das stellte sich für Menschen mit einer Behinderung als zu schwer lesbar heraus. «Ich habe den Menschen im Wohnheim verschiedene Schriftarten vorgestellt.» Schliesslich entschied sie sich für diejenige, die bei den Menschen mit Behinderung am besten ankam. Die Mittelschülerin hat aber auch darauf geachtet, dass das Buch leicht verständlich geschrieben ist. «Ich habe pro Bild nicht mehr als zwei Sätze mit einfachen Wörtern verwendet.»

Für ihre Maturaarbeit erhielt Michaela Bissig gestern von der Mittelschule einen Anerkennungspreis. Ihre Arbeit ist allerdings noch nicht beendet. Die Mittelschülerin gestaltet ein zusätzliches Arbeitsheft. Die Menschen mit einer geistigen Behinderung können darin ihren Alltag, ihre Hoffnungen, Sorgen und Wünsche festhalten: mit eingeklebten Bildern oder eigenen Zeichnungen.

Hinweis

Mehr zu den Maturaarbeitspreisen lesen Sie auf Seite 22.