Altdorf
Ein Buch beleuchtet die medizinische Versorgung in Uri vor hundert Jahren

Früher hat sich der Staat kaum für die Gesundheit der Menschen interessiert, kommen die Buchautoren zum Fazit. Erst ansteckende Krankheiten führten zu einem Umdenken.

Urs Hanhart
Merken
Drucken
Teilen
Die Referenten und Buchautoren: Hans Arnold-Bonetti, Walter Bär-Vetsch und Stefan Fryberg (v.l.n.r.).

Die Referenten und Buchautoren: Hans Arnold-Bonetti, Walter Bär-Vetsch und Stefan Fryberg (v.l.n.r.).

Bild: Urs Hanhart (Altdorf, 20. Mai 2021)

Die Coronapandemie hält die Welt seit anderthalb Jahren in Atem. Allein in Uri sind bereits 49 Tote zu beklagen. Das Thema Gesundheit beschäftigt alle mehr denn je. Wie aber sah die gesundheitliche Versorgung im Urnerland früher aus? Mit dieser interessanten Frage beschäftigte sich die 37. Ausgabe der vom Staatsarchiv Uri organisierten Veranstaltungsreihe «Runder Tisch». Aufhänger war nicht die Pandemie an sich, sondern ein im Herbst 2020 aus Anlass des hundertjährigen Bestehens der Ärztegesellschaft Uri herausgegebenes Buch mit dem Titel «Wo fählt’s». Die Autoren Hans Arnold-Bonetti, Walter Bär-Vetsch und Stefan Fryberg bieten darin einen spannenden Einblick in die bisher kaum erforschte Geschichte der Urner Gesundheitsversorgung. Abgehalten wurde der runde Tisch für einmal im Mehrzweckgebäude Winkel in Altdorf, wobei die rund 50 zur Verfügung stehenden Plätze voll besetzt waren.

Die drei Buchautoren hielten jeweils ein Kurzreferat und beantworteten anschliessend Fragen. Arnold-Bonetti, Theologe und Philosoph sowie ehemaliger Kleinklassen- und Werkschullehrer, befasst sich in seinem Buchteil mit der bewegten Geschichte der Urner Ärztinnen und Ärzte. Neben Tariffragen beschäftige den Verband immer wieder die Frage, wie die Bevölkerung am besten medizinisch versorgt werden kann. «Als historischer Laie habe ich im Buch eher Geschichten und weniger Geschichte geschrieben. Mein Erzählen liegt näher beim Journalismus als bei der professionellen Geschichtsschreibung», verriet Arnold-Bonetti, der für seine Recherchen die Verbandsprotokolle eingehend studierte. Dabei stach ihm unter anderen ins Auge, dass die im Gründungsjahr 1920 zehn Mitglieder (aktuell sind es deren 65) zählende Ärztegesellschaft unter einem «Sparsamkeitsspleen» gelitten habe. «Früher mussten die Hausärzte immer wieder stundenlange Fussmärsche zu ihren Patienten absolvieren. Und sie kamen häufig zu spät, um ihnen noch helfen zu können», so Arnold-Bonetti, der zudem herausfand, dass die Verteilung der Ärzte im Kanton in früheren Zeiten besser war. Inzwischen sei es zu einer Zentralisierung gekommen.

Gesundheit als «Geschenk Gottes»

Fryberg, Historiker und alt Regierungsrat, zeigt in seinem Buchbeitrag, wie grundlegend sich die Rolle des Staates im Gesundheitswesen in den letzten 200 Jahren veränderte.

«Um 1800 hat sich der Staat überhaupt nicht für die Gesundheit der Leute interessiert»,

so der Referent. Gesundheit sei bis Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts als Geschenk Gottes betrachtet worden. Krankheit habe man damals fatalistisch angenommen. Immer mehr habe sich der Staat im Verlaufe der Zeit in der Verantwortung gesehen, die Bevölkerung vor Epidemien und ansteckenden Krankheiten zu schützen, indem er etwa den miserablen hygienischen Zuständen den Kampf ansagte und Impfkampagnen lancierte. Grundsätzlich sagte der frühere Urner Gesundheitsdirektor: «Die Geschichte des Gesundheitswesens in der Schweiz ist ganz schlecht erforscht. Man findet kaum etwas über die medizinische Versorgung, was ich sehr erstaunlich finde. Obwohl die Gesundheit als höchstes Gut gilt, gibt es fast keine Bücher zur Rolle des Staates und der Kantone.»

Vom Handwerkschirurgen zum akademischen Arzt

Bär-Vetsch befasst sich in seinem Buchbeitrag mit volkskundlichen Aspekten der medizinischen Versorgung. Er betonte in seinem Referat: «Im Gegensatz zu meinen Mitautoren konnte ich meine Themen selber wählen. Einzig der zeitliche und örtliche Rahmen war vorgegeben.» Bär-Vetsch beschäftigte sich unter anderem mit dem beruflichen Wandel vom damaligen Handwerkschirurgen zum heutigen akademischen Arzt. Erstere hätten ihre Ausbildung im Rahmen einer Lehre erworben und seien noch richtige Handwerker gewesen. Der letzte dieser Handwerkschirurgen war bis 1874 in Uri tätig. Bär-Vetsch fand heraus, dass früher bei psychischen Krankheiten eher magisch-religiöse Heilmittel angewendet wurden, und bei physischen Leiden habe man mehr auf die Schulmedizin gesetzt. «Das Forschen für dieses Buch hat mich stark gefordert und mir aber zugleich viel Freude bereitet», so Betriebswirtschafter Bär-Vetsch, der bis zu seiner Pensionierung als Personalchef im Kantonsspital Uri arbeitete.