ALTDORF: Claudio Fäh: «Ein Filmdreh ist wie ein Pfadilager»

Claudio Fäh hat gestern seinen Film «North­men» im Cinéma Leuzinger vorgestellt. Der Altdorfer über Hollywood, Action und seine Beziehung zum Kanton Uri.

Interview Florian Arnold
Drucken
Teilen
Mit Anatole Taubman ist ein Schweizer Star im Team der Schauspieler. (Bild: Screenshot Ascot Elite Entertainment Group)

Mit Anatole Taubman ist ein Schweizer Star im Team der Schauspieler. (Bild: Screenshot Ascot Elite Entertainment Group)

Wilde Schlachten und starke Männer: «Northmen» ist kein typischer Schweizer Film. Am 23. Oktober kommt der Actionstreifen in die Kinos. Bereits gestern war das Wikinger-Epos in Altdorf als Vorpremiere zu sehen. Mit dabei war auch Regisseur Claudio Fäh. Unsere Zeitung hat mit dem Altdorfer vor der Aufführung gesprochen.

«Claudio Fäh ist einer, der es geschafft hat.» Trifft diese Aussage zu?

Claudio Fäh: Ich habe es zumindest geschafft, dass wir meinen Film heute Abend in Altdorf sehen können. Das ist schmeichelhaft. Es ist eindeutig der beste Film, den ich je gemacht habe.

Sie konnten sich Ihren Bubentraum erfüllen und arbeiten heute in Hollywood. Wie traumhaft ist der Job in Wirklichkeit?

Fäh: Einen Film zu machen, ist ein riesiges Privileg. Nicht nur deswegen, weil es schwierig ist, ein Projekt zu bekommen, sondern auch wegen der künstlerischen Befriedigung. Im Optimalfall arbeitet man mit inspirierenden, kreativen Menschen zusammen. Gemeinsam eine Vision zu entwickeln, ist gigantisch.

Es gibt aber auch Schattenseiten.

Fäh: Am schwierigsten ist es, mit der Ungewissheit umzugehen, ob ein Projekt am Schluss zu Stande kommt. Aber das geht auch einem Architekten so. Wie er muss auch ich zuerst zeigen, wie mein Projekt aussehen soll, bis ich es realisieren kann. Und diese Vorbereitung dauert bei einem Film mindestens ein Jahr.

Sie sind als kleiner Schweizer ins grosse Hollywood gezogen. Wie haben Sie es geschafft, in die Maschinerie der Filmbranche hineinzukommen?

Fäh: Es ist nicht so dramatisch, wie man sich das vorstellt. Die Leute in Kalifornien sind offen gegenüber neuen Ideen und Leuten. Sie glauben an das Positive. Der Start war also gar nicht so schwer. Dann hatte ich noch das Glück, dass ich in meiner Jugend Filme gedreht hatte. Ich musste also nicht beweisen, dass ich weiss, wie man eine Szene inszeniert. Ein Investor hat meine Filme gesehen und mir Unterstützung für meinen ersten Spielfilm zugesichert.

Vermissen Sie den Kanton Uri?

Fäh: Hier sind meine Wurzeln, und mit Uri verbinde ich ganz viele Erinnerungen. Aber meinen Job kann ich eben nur in Hollywood in dem Ausmass verfolgen, wie ich will.

Dann besteht also keine Chance, dass Sie je zurückkommen?

Fäh: Vielleicht ergibt sich einmal die Möglichkeit, in Uri einen Film zu drehen. Denn von den sechs Filmen, die ich bisher gemacht habe, wurde nur ein halber in LA selber gedreht.

«Northmen» ist eine Schweizer Produktion. Aber wie schweizerisch kann ein Wikingerfilm sein?

Fäh: Es stecken Schweizer Ideen und Schweizer Geld drin. Produzent, Sounddesigner und ich als Regisseur sind Schweizer, und mit Anatole Taubman ist auch ein Schweizer Star im Cast. Der Film spricht aber ein breites Publikum an. Bisher wurde er in 43 Länder verkauft.

Trotzdem, wie kommen Sie dazu, einen Wikingerfilm zu drehen?

Fäh: Man muss kein Wikinger sein, um einen Wikingerfilm zu machen. Ich habe mal einen Film über einen unsichtbaren Mann gedreht. Davon gibt es in Uri auch keinen. Man versetzt sich einfach in einen Stoff, der Themen wie Mut, Heldentum, Loyalität und Verbrüderung anspricht. Zudem lässt sich das Genre vermarkten.

Einige Produktionen über Wikinger haben zurzeit Erfolg. Haben Sie sich am bereits Vorhandenen orientiert?

Fäh: Ich habe mir zu Beginn der Produktion alles angeschaut, was mit Wikingern zu tun hat. Dann aber habe ich gemerkt, dass mich das einschränkt. Von der Ästhetik her habe ich mich eher an den Spaghettiwestern aus den 70er-Jahren orientiert. Ich habe begonnen, viele andere Filme zu schauen. So hatten auch die Produktionen meines ewigen Vorbilds Steven Spielberg einen grossen Einfluss. Einige Zitate konnte ich auch einbauen. Diese Einflüsse heben dann meinen Film etwas davon ab, was man über Wikinger schon gesehen hat.

«Northmen» ist wie Ihre ersten Filme wiederum ein Actionfilm. Woher kommt das Faible für dieses Genre?

Fäh: Schon mein erster Playmobil-Film, den ich mit zwölf gedreht habe, hat von einem Autounfall gehandelt. Gewisse Dinge ändern sich offenbar nie. Ich fühle mich einfach wohl.

Was macht für Sie eine gute Schlachtszene aus?

Fäh: Sie ist dann gut, wenn die Geschichte von Schlag zu Schlag weitererzählt wird und wenn man es schafft, die Schlacht emotional aufzuladen. In «Northmen» stranden die Wikinger in Schottland und werden von Kriegern angegriffen. Sie haben also keine Waffen. So müssen sie sich kreative Wege überlegen, wie sie trotzdem gewinnen können. Einer hat seinen Bogen noch, wartet, bis ein Gegner auf ihn schiesst, hebt den Pfeil auf, schiesst zurück und trifft. Das sind alles kleine Geschichten. So wird eine Actionsequenz interessant.

An Actionfilmen wird oft bemängelt, sie hätten keinen Tiefsinn.

Fäh: Jetzt gehen wir aufs Glatteis (lacht). Es ist die Konvention des Genres, dass die filmische Zeit, die sich mit den Charakteren befasst, begrenzt ist. Damit die Action aber wirklich cool wird, muss man aus der Zeit, die sich mit den Charakteren auseinandersetzt, das Beste herausholen. Es ist deshalb ein Trugschluss, dass man einfach möglichst viel in die Spezialeffekte hineinbuttern muss und dann die Charakterszenen im Schnellverfahren drehen kann.

Wie war es denn bei «Northmen»?

Fäh: Es war ein sehr grosser Aufwand, allen Figuren eine Seele zu geben. Die Arbeit der Schauspieler war einzigartig.

Hat Sie der Film verändert?

Fäh: Ja, wesentlich. Ein Filmdreh ist wie ein grosses Pfadilager. Es ist eine intensive Zeit, die einen prägenden Eindruck hinterlässt. Man schliesst neue Freundschaften, geht durch Hochs und Tiefs.

Welches sind die Träume, die Sie als Nächstes verwirklichen möchten?

Fäh: Mein Wunsch ist vorerst, dass «North­men» am 23. Oktober einen erfolgreichen Kinostart hinlegt. Schön wäre es natürlich, wenn ich dann – im Gegensatz zu früher – selber einmal einen zweiten Teil von einem Film von mir drehen könnte.