ALTDORF: Daniel Krieg: «Pfarrer kann man überall sein»

Daniel Krieg wurde vor zehn Jahren als neuer Altdorfer Pfarrer gewählt. Der Schwyzer schätzt die Sinnlichkeit der katholischen Rituale und sieht seine grösste Aufgabe darin, in jeder Situation für die Menschen da zu sein.

Interview Salome Infanger
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Daniel Krieg wurde vor zehn Jahren als Altdorfer Pfarrer gewählt. (Bild: urh (Altdorf, 2. März 2017))

Daniel Krieg wurde vor zehn Jahren als Altdorfer Pfarrer gewählt. (Bild: urh (Altdorf, 2. März 2017))

Interview Salome Infanger

salome.infanger@urnerzeitung.ch

Daniel Krieg, Sie sind seit zehn Jahren Pfarrer im Seelsorgeraum Altdorf, was hält Sie hier?

Pfarrer kann man überall sein. Es geht immer um die Menschen und den Glauben. Aber es ist sehr spannend in Altdorf, auch weil kein Jahr wie das andere ist. Und mit dem Seelsorgeteam stimmt es super zusammen.

War das seit Beginn so?

Die Leute waren von Beginn weg offen und wohlwollend mir gegenüber.

2007 haben Sie gesagt, besonders die Jugendarbeit und die enge Zusammenarbeit der Pfarreien Sankt Martin und Bruder Klaus seien für Sie wichtig. Was haben Sie in diesen Bereichen umsetzen können?

Ich durfte die Firmung 18+ aufbauen. Ein Ziel davon ist, dass sich junge Erwachsene noch einmal mit dem Glauben auseinandersetzen. Mit dem vorgängigen System war dieser Prozess meist am Ende der Primarschule abgeschlossen. 2017 lassen sich gegen 80 Prozent des Jahrgangs freiwillig und ausserschulisch firmen. Das freut uns sehr. Daraus ist das Projekt «Chumm äu» entstanden. In dessen Rahmen organisieren wir für Jugendliche vielfältige Anlässe, wie Jugendgottesdienste, Fotografiekurse oder Velotouren. Die Kirche unterstützt aber auch die Jugendvereine, Pfadi, Blauring und Jungwacht mit einem Präses, Räumlichkeiten und Material.

Und in der Zusammenarbeit der beiden Pfarreien?

Heute versuchen wir als Einheit zu arbeiten. Ich habe mit Bruno Tresch, Diakon und Gemeindeleiter der Pfarrei Bruder Klaus, eine Co-Leitung. Die Liturgien, die ich plane, feiere ich in beiden Pfarreien. Ausserdem haben wir die Gottesdienstzeiten so angepasst, dass sie sich nicht überschneiden. Auch dass wir die Mitarbeiter für den ganzen Seelsorgeraum anstellen, führte dazu, dass die beiden Pfarreien sehr gut zusammengewachsen sind.

Welche wichtigen Aufgaben übernehmen die beiden Pfarreien in der Dorfgemeinschaft?

Eine Pfarrei sollte Orte schaffen, an denen sich Menschen begegnen können. Auch das Feiern der Gottesdienste und das Beten sind ein wichtiger Teil. Die Menschen zünden auch heute noch Kerzen für ihre Liebsten an. Zum anderen bieten wir auch Kultur, indem wir unsere historischen Gebäude pflegen und die Räume zur Verfügung stellen – zum Beispiel für Konzerte.

Inwiefern fühlen Sie sich für die Altdorfer Gläubigen verantwortlich?

«Verantwortlich» ist ein zu starkes Wort. Wenn ich in schwierigen Situationen Seelsorge leiste, bin ich einfach da für die Leute, und den einen hilft es manchmal. Meine Aufgabe ist es, die Menschen zu begleiten, wenn sie Probleme haben – auch Andersgläubige oder Konfessionslose, das spielt für mich keine Rolle.

Bereitet Ihnen als Dekan des Dekanats Uri die Personalsituation Schwierigkeiten?

Im Moment sind wir relativ gut aufgestellt. Für die 24 Pfarreien gibt es immer noch 14 Pfarrer, Pfarradministratoren oder Pfarreibeauftragte. Weitere Seelsorger wie Pastoralassistentinnen, Religionspädagogen, Katechetinnen und Katecheten oder pensionierte Priester und Ordensleute leisten einen wichtigen Beitrag in der Seelsorge und übernehmen einen grossen Teil der Arbeit. Eine grosse Stütze für uns sind natürlich auch die unzähligen freiwilligen Helferinnen und Helfer.

Sie machen selber auch Bemerkungen über ihren Nachnamen. Gab es in den Jahren in Altdorf etwas, gegen das Sie Krieg führen mussten?

Dann wäre ich wohl nicht mehr hier. Natürlich ist man nicht immer gleicher Meinung, aber in solchen Situationen setze ich auf den Dialog. Zum Beispiel die Firmung 18+. Da regte sich zu Beginn Widerstand von einigen Seiten.

Als Pfarrer sind Sie immer auch ein Beobachter der Gesellschaft. Was kritisieren Sie an der heutigen Zeit?

Vieles ist oberflächlich. Wir können uns alles leisten. Wir krampfen den ganzen Tag, was ja auch von uns verlangt wird. Doch das Leben hat noch einen tieferen Sinn. Heute ist die Selbstverwirklichung des einzelnen das höchste Ziel. Diese Ansicht unterstütze ich nicht. Die Individualgesellschaft führt dazu, dass sich niemand mehr für eine Gemeinschaft einsetzen will. Das ist auch ein Grund für Vereins- und Kirchenaustritte. Solange jemand die Glaubensgemeinschaft nicht zu seinem persönlichen Nutzen gebrauchen kann, sieht er keinen Sinn, weiterhin Teil der Gemeinschaft zu sein.

Was sind konkrete Ideen, um Kirchenaustritte zu verhindern?

Was wir tun können, ist informieren, den Leuten klarmachen, dass die Kirche neben dem Feiern von Gottesdiensten auch soziale Aufgaben wahrnimmt. Wir spenden Beiträge an gemeinnützige Projekte, unterstützen Vereine und leisten Seelsorge. Wenn die Menschen merken, in wie vielen Bereichen wir uns engagieren, sind sie eher bereit, diese Gemeinschaft solidarisch mitzutragen.

Sie gelten als moderner und offener Priester. Welche Veränderungen erhoffen Sie sich von der römisch-katholischen Kirche?

Die Kirche ist eine riesige Institution, die den Gläubigen in aller Welt gerecht werden muss. Wichtig ist, dass die Kirche und ihre Vertreter, wie ich als Pfarrer, versuchen, gegenüber den Menschen und ihren Freuden und Problemen offen zu sein. Wenn wir das machen, wirkt das auf die Kirche zurück, und dadurch verändert sie sich.

Sollten nicht von offizieller Seite Änderungen kommen?

Die Kirche kann nicht von einem auf den anderen Tag ihre Lehre ändern. Nehmen wir den Zölibat, der übrigens kein Dogma innerhalb der Lehre ist. Vielleicht wird man den Pflichtzölibat einmal abschaffen. Aber solche Themen werden kontro­vers diskutiert. Die Meinungen gehen weit auseinander, und es gilt, in der Diskussion alle Meinungen zu respektieren.

Geht es nicht einfach zu langsam?

Das ist ein Prozess, dessen Dauer wir nicht voraussehen können. Aber vielleicht sind wir mit unserer Bedächtigkeit manchmal zu langsam für die Schnelligkeit der heutigen Welt.

Vor allem für die Jungen ist das Festhalten an alten Traditionen vielfach unverständlich. Können Sie als junger Pfarrer die jungen Leute besser ansprechen?

So jung bin ich mit meinen 43 Jahren auch nicht mehr. Aber in der Kirche bleibt man wohl ewig jung, weil keine Jüngeren nachkommen. Klar könnten wir partymässige Events veranstalten. Aber ich bin überzeugt, solche Anlässe bringen die Jungen nicht zum Glauben. Ich stelle mir häufig die Frage, wann ich an die Jungen herankomme. In die Kirche kommen sie an Weihnachten, bei Sakramenten oder wenn Angehörige oder Bekannte gestorben sind. Diese Momente, wenn die jungen Menschen auch in einer persönlichen Betroffenheit und einer Offenheit hier sitzen, wollen wir nutzen. Dann versuche ich eine Sprache zu finden, die sie auf irgendeine Weise berührt. Ich kann mir vorstellen, dass ich zum Teil einen besseren Zugang zu den Jugendlichen habe als ältere Priester, da ich bereits nicht mehr in einem geschlossenen katholischen Milieu aufgewachsen bin und darum eher Verständnis für die Welt der Jugendlichen habe. Meine Geschwister und ich wurden nicht zum Gottesdienstbesuch gezwungen, wir gingen freiwillig hin. Obwohl schon damals nicht mehr viele andere Familien in die Kirche gingen.

Was ist für Sie das Schönste am katholischen Glauben?

Dass unser Glaube mit seinen ganz alten Riten und Ritualen sehr sinnlich ist und nicht nur über das Wort vermittelt wird. Zum Beispiel die Salbung bei der Taufe. Und all diese Rituale haben immer eine gewisse Ästhetik. Auch die Vorstellung, dass die katholische Kirche eine weltumspannende Gemeinschaft ist. Ich könnte überall auf der Welt in eine katholische Kirche sitzen und würde mich zu Hause fühlen.

Wie haben Sie sich in den vergangenen zehn Jahren verändert?

Ich hoffe, dass ich als Mensch derselbe geblieben bin. Aber das müssen andere beantworten. Wahrscheinlich bin ich gelassener geworden.

Streben Sie ein höheres Amt an?

Vor zehn Jahren wurde ich auf unbestimmte Zeit gewählt. Ich bin nach wie vor glücklich hier in Altdorf. Mehr als Pfarrer möchte ich gar nicht werden.

 

Hinweis

In der Rubrik «Uri damals» blickt unsere Zeitung zurück auf Ereignisse, die in Uri vor Jahren zu reden gaben. Die Redaktion spricht mit Zeitzeugen, besucht Originalschauplätze, analysiert Entwicklungen oder zeigt auf, was aus Personen, die damals für Schlagzeilen gesorgt haben, geworden ist oder was sie heute tun.