ALTDORF: Dank London ist sie gelassener

Barbara Zürcher hat extra für die Danioth-Premiere ihren London-Aufenthalt früher beendet. Sie sagt, wie die Eindrücke der Grossstadt ihre Arbeit als Kuratorin prägen.

Interview Markus Zwyssig
Drucken
Teilen
Barbara Zürcher ist nach einem Londonaufenthalt motiviert, eine spannende Ausstellung über Heinrich Danioth zu inszenieren. (Bild Florian Arnold)

Barbara Zürcher ist nach einem Londonaufenthalt motiviert, eine spannende Ausstellung über Heinrich Danioth zu inszenieren. (Bild Florian Arnold)

Barbara Zürcher, der Danioth-Film ist vor allem im Kanton Uri ein wahrer Publikumsrenner. Verhilft das Heinrich Danioth zu einer späten Anerkennung ausserhalb des Kantons?

Barbara Zürcher: Der Dokumentarfilm von Felice Zenoni bietet die Chance, dass Heinrich Danioths Kunst die Urner Grenzen verlassen kann. Der Künstler wird dadurch endlich national wahrgenommen. Das ist eine wunderbare Synergie für das Haus für Kunst Uri, das im angrenzenden Danioth-Pavillon sein Werk vermittelt.

Weshalb ist Danioth für den Kanton Uri so wichtig?

Zürcher: Die Urner sind sehr begabt in den Bereichen Theater und Musik. Es gab zur Zeit Heinrich Danioths aber in Uri noch kein Haus für Kunst. Da ist es ein grosser Vorteil, dass man einen Künstler hat, der derart prominent im öffentlichen Raum vertreten ist. Die Danioth-Stiftung und der Danioth-Pavillon sind wichtig für den Kanton. Die Sammlung des Künstlers ist ein bedeutender Nährboden. Er war eine tragende Figur für die Urner in vielen Belangen. Er hat ja nicht nur gemalt, sondern war auch Schriftsteller. Zudem ist die nach ihm benannte Danioth-Stiftung mit den Förderpreisen wichtig für die nachfolgenden Kulturschaffenden. Den Danioth-Film sollten sich vor allem auch all jene anschauen, die sein Werk bisher nicht oder kaum kannten.

Weshalb?

Zürcher: Der Dokumentarfilm weckt Verständnis dafür, wie schwierig es immer noch ist, als Künstlerin oder Künstler ein Leben lang zu bestehen. Das hilft auch, zeitgenössische Künstler zu begreifen. Sie sind oft kritische Zeitgenossen und nicht immer einfach zu verstehen. Der Film sensibilisiert für ein Künstlerdasein mit all seinen finanziellen Schwierigkeiten und dem Ringen um Anerkennung.

Fünf Monate durften Sie dank einem Stipendium der Landis & Gyr Stiftung in der englischen Hauptstadt leben und arbeiten. War es ein grosser Schock, nach ihrem langen Aufenthalt in der Metropole London ins beschauliche Uri zurückzukehren?

Zürcher: Extra zur Filmpremiere bin ich etwas früher zurückgekommen. So war ich einerseits beeindruckt, wie das Cinema Leuzinger zur Uraufführung voll besetzt war und wie der Film auf Begeisterung gestossen ist. Es ist aber schon ein extremer Gegensatz. In London ist die Weite faszinierend. Das Häusermeer der Millionenstadt bildet den Horizont. Im Kanton Uri sind die Berge schon sehr nahe. Auf den Kopf gefallen sind sie mir aber nicht, denn ich habe die Berge sehr gerne.

Was macht eine Kuratorin fast sechs Monate lang in London?

Zürcher: Ich durfte das Privileg geniessen, endlich einmal Zeit zu haben. Von der Landis & Gyr Stiftung bekam ich ein Häuschen zur Verfügung gestellt. Das ist ein Riesengeschenk, vor allem wenn man bedenkt, dass London eine sehr teure Stadt ist. Ich konnte meinen Tagesablauf von früh bis spät selbst bestimmen, viel lesen und vor allem die Grossstadt London erkunden.

Wo genau befand sich Ihre Wohnung?

Zürcher: Ich lebte im East End. In unmittelbarer Nähe sind viele Menschen aus Bangladesch und Pakistan zu Hause. Bereits am Morgen roch es nach Curry. Es ist ein lebendiges, sinnliches Quartier. Ganz in der Nähe befindet sich die White Chapel Gallery, die älteste Institution in London für zeitgenössische Kunst. Ich hatte das Glück, dass auch mein Partner viel Zeit in London verbrachte. So waren wir oft gemeinsam unterwegs. Wir fuhren mit dem Velo an den zahlreichen Kanälen entlang. Das getraue ich mich in Zürich wegen des Verkehrs nicht. London ist sehr dynamisch, aber nie so hektisch wie Zürich. Jedenfalls, wenn man nicht im Zentrum dieser Riesenstadt wohnt.

Haben Sie in dieser Zeit die Musse gefunden, selber Bilder zu malen?

Zürcher: Nein, ich denke nicht, dass ich irgendwann mit Malen beginne. Wenn ich länger geblieben wäre, hätte ich eher mit dem Schreiben angefangen. Dazu kam es aber nicht. Vielmehr wollte ich einfach möglichst viele Eindrücke sammeln. Es ging darum zu sehen, wie die Engländer Ausstellungen inszenieren und vermitteln. Erstaunlich ist, dass man für viele Ausstellungen, in denen es Spitzenwerke aus den Sammlungen zu sehen gibt, keinen Eintritt bezahlen muss. Das finde ich grossartig. Das Angebot wird deshalb besonders von Familien rege genutzt. Bezahlen muss man hingegen für Wechselausstellungen. Ein Besuch ist sogar recht teuer. Die Rembrandt-Ausstellung beispielsweise kostete 16 Pfund, zeitgenössische Wechselausstellungen in der Tate Modern ebenso.

Einmal abgesehen von den Ausstellungen, was hat Sie in London sonst noch alles beeindruckt?

Zürcher: Ich war fasziniert von der Architektur. Spannend zu sehen war, wie sich das Bild einer Gegend schnell wieder verändert. In ein paar Monaten sieht vieles anders aus. Beeindruckt hat mich auch die Pub-Kultur. Kaum zu glauben, dass man in einer Grossstadt derart schnell mit Einheimischen ins Gespräch kommt. Überrascht hat mich auch das gute Essen. Chinesisch, japanisch, indisch, aber auch die englische Küche war wunderbar. Da hat Jamie Oliver Spuren hinterlassen. Eine Oase zum Ausspannen und sehr kinderfreundlich sind die Pärke, die es überall in der riesigen City gibt.

Wie beeinflusst die Zeit in England Ihre zukünftige Arbeit als Kuratorin im Haus für Kunst Uri?

Zürcher: Ich bin nach meinem London-Aufenthalt vielleicht ein bisschen gelassener. Trotzdem bin ich nicht weniger kämpferisch, wenn es um die Sache geht. Wichtig war für mich die Erkenntnis, dass es im Haus für Kunst Uri auch ohne mich funktioniert. Ich durfte auf ein wunderbar eingespieltes Team zählen. Ich habe ja auch erst nach sieben Jahren gewagt, mich für dieses Stipendium zu bewerben.

Werden nun viele Künstler aus England zu sehen sein?

Zürcher: Nein, das war auch nicht meine Absicht. Da sind wir in der Schweiz in der selben Liga wie die Engländer. Wir haben sehr gute Kunstschulen. Die Kunst bewegt sich bei uns ebenfalls auf hervorragendem Niveau. Ich habe in London Arbeiten von Künstlern gesehen, die mich fasziniert haben oder Themen, die mich für Ausstellungen inspirieren könnten. Ich habe nun dazu die Kontakte und weiss, wo ich anfragen muss, wenn ich etwas brauche. Ich bin motiviert und freue mich auf unser Ausstellungsprogramm.

Danioth lässt Sie nicht los. In der nächsten Ausstellung im Haus für Kunst Uri steht er im Zentrum.

Zürcher: Wie im Film von Felice Zenoni wird der Urner Künstler auch in der Ausstellung im Haus für Kunst Uri in einem nationalen Kontext beleuchtet. Zudem gibt es einen zeitgenössischen Aspekt mit Installationen von Heidi Arnold und Andreas Wegmann.

Interview Markus Zwyssig