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ALTDORF: «Das Oktoberfest ist wie eine Hochzeit»

Gestern haben Tausende Urner das Oktoberfest zelebriert. Kulturforscher Mischa Gallati sagt, weshalb er Weissbier als Gegentrend zur Globalisierung versteht.
Interview Anian Heierli
Dass man hier eigentlich einem deutschen Brauch frönt, hat gestern am Oktoberfest in Altdorf niemanden gestört. (Bild Nadia Schärli)

Dass man hier eigentlich einem deutschen Brauch frönt, hat gestern am Oktoberfest in Altdorf niemanden gestört. (Bild Nadia Schärli)

Die Damen tragen Dirndl, die Herren enge Lederhosen. Das Partyvolk stemmt Bierkrüge, schlemmt Weisswürste und schunkelt zu Schlagermusik. Diese Szenen spielten sich gestern nicht in München ab, sondern mitten in Altdorf. Auf dem Winkelplatz wurde bis ins Detail das bayrische Oktoberfest kopiert. Und Uri ist kein Sonderfall – momentan schiessen die Oktoberfeste schweizweit wie Pilze aus dem Boden. So feiern zurzeit auch die Luzerner im regionalen Eiszentrum über eine Woche Oktoberfest. Doch weshalb kopieren die Schweizer die deutsche Tradition derart erfolgreich? Mischa Gallati, Dozent am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft der Universität Zürich, liefert Antworten.

Mischa Gallati, warum feiern immer mehr Schweizer das Oktoberfest?

Mischa Gallati: Es ist üblich, dass eine Kultur bestimmte Phänomene von anderen übernimmt. Beim Oktoberfest tragen verschiedene Aspekte dazu bei. Dazu zähle ich Gemütlichkeit, Ausgelassenheit und das Feiern an sich. Jeder weiss, wie ein Oktoberfest aussehen muss und wie es abläuft. Es braucht einen grossen Raum, in dem lange Tische stehen, an denen es Bier und Essen gibt. Zum Auftakt wird ein Fass angestochen. «O’zapft is.» Im Hintergrund spielt Blasmusik, und die Leute sind einheitlich gekleidet. Das Grundschema ist immer gleich, egal wo ein Oktoberfest stattfindet. Durch den klaren Ablauf wird der Zugang zum Fest erleichtert, und es entsteht ein Gefühl der Sicherheit. Diese Sicherheit spielt eine entscheidende Rolle beim Oktoberfest-Boom.

Wie meinen Sie das?

Gallati: Heute bewegen wir uns in einem schnelllebigen, sehr komplexen Alltag. Ganz vieles ist unsicher geworden. Die private oder berufliche Situation kann sich rasch ändern. Einzelne biografische Gewissheiten sind in den vergangenen Jahrzehnten verloren gegangen. Einen klaren, genormten Lebenslauf gibt es immer weniger. Die wenigsten lernen einen Beruf, treten eine Stelle an und bleiben dort bis 65. Umso verlockender ist es nun, diese Unsicherheit in einem anderen Gebiet wenigstens kurzzeitig zu kompensieren.

Es wird also literweise Weissbier gekippt, um sich sicher zu fühlen?

Gallati: Genau. In der modernen Welt entsteht ein Gegentrend zur Globalisierung, der Regionalismus. Anders gesagt: Volkstümlichkeit wird wieder in. Dazu gehört auch das Oktoberfest.

Es wäre als Schweizer doch naheliegender, in eigener Tracht eine «Ländler-Stubete» zu besuchen?

Gallati: Der Hype ums Oktoberfest hängt stark mit den Medien zusammen. Wir kennen das Oktoberfest aus dem Fernsehen, von People-Storys, von Auftritten des FC Bayern München oder aus Filmen. Viele Teenager wissen vermutlich früher, schneller und eingehender, wie das Oktoberfest funktioniert, als was eine Stubete ist. Ausgenommen natürlich, sie besuchten von klein auf typische Schweizer Volksfeste.

Ist es nicht auch die Konsumindustrie, die das Oktoberfest geschaffen hat?

Gallati: Wir leben in einer marktwirtschaftlich geprägten Gesellschaft. Der Konsum spielt überall eine zentrale Rolle. Man darf aber nicht einfach sagen, der «böse» Markt hat das Oktoberfest erschaffen, und wir alle seien dem verfallen und tanzten wie die Ratten dem Flötenspieler hinterher.

Weshalb kaufen dann einige extra für einen Abend im Jahr Lederhosen oder ein Dirndl?

Gallati: Das gehört in den Bereich des klaren Schemas. Gewisse Punkte müssen vorhanden sein, sonst funktioniert das Oktoberfest als solches nicht. Man will dem Skript folgen. Das ist wie auf einer Hochzeit. Dort braucht es einen Anzug, eine weisse Braut, einen Priester und eine Torte.

Manche Schweizer spotten über die Deutschen. Weshalb wird das Oktoberfest dennoch zelebriert?

Gallati: Das Oktoberfest ist typisch bayrisch. Bayern ist nicht Deutschland, und die Bayern wollen es auch nicht sein. Letztlich spielt es aber keine Rolle, woher etwas kommt, wenn die kulturellen Codes passen. Gemütlichkeit und Bier kommen unserer Vorstellung einer Party sehr nahe. Vermutlich wäre es schwieriger, ein Fest mit einem thailändischen Hahnenkampf zu adaptieren, da dort möglicherweise andere Codes vorherrschend sind. Zudem ist vom Osterhasen bis hin zum Samichlaus irgendwann alles eine Übernahme gewesen.

Also wird sich das Oktoberfest genauso wie Ostern fest etablieren?

Gallati: Das ist schwierig zu sagen. Momentan gibt es viele schnelllebige Trends. Ich kann mir vorstellen, dass der Oktoberfest-Boom bis zu einem gewissen Grad wieder abflaut. Einzelne Rituale des Oktoberfests könnten aber auch in andere Feste wie beispielsweise die Fasnacht überschwappen. Dass einzelne Bestandteile erhalten bleiben, aber an einem neuen Ort wieder auftauchen, erlebt man in der Brauchtumsforschung immer wieder.

Interview Anian Heierli

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