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ALTDORF: Der Jutz – ein akustisches Ausrufezeichen

«Der Jutz ist die urtümlichste Form von Musik in den Bergen», sagt Christian Zehnder. «Er ist eine emotionale Verlautbarung von Freude.» Und diese drücke sich bei jedem Menschen anders aus.
Stimmkünstler Christian Zehnder stellt an den Alpentönen 2017 eine Jutz-Rufstation auf. (Bild: Florian Arnold / UZ)

Stimmkünstler Christian Zehnder stellt an den Alpentönen 2017 eine Jutz-Rufstation auf. (Bild: Florian Arnold / UZ)

«Jollorojuuhuu!», tönt es die Treppe vom Kellergeschoss des alten Herrenhauses hoch, in dem sich die Kleingalerie Niedervolta in Altdorf befindet. Christian Zehnder ist verantwortlich für die heimatlichen Klänge. Doch es ist nicht seine Stimme, die ertönt. Der Stimmkünstler hat hier für das Festival Alpentöne eine «Jutz-Station» eingerichtet. Festivalbesucher und -künstler können ihren persönlichen Jutz in Bild und Ton festhalten. Im Foyer des Theaters Uri, wo Hauptkonzerte stattfinden, werden diese gezeigt. Und später soll es ein Jutz-Archiv geben.

«Der Jutz ist die urtümlichste Form von Musik in den Bergen», sagt der Initiant. «Er ist eine emotionale Verlautbarung von Freude.» Und diese drücke sich bei jedem Menschen anders aus. «Ein Jutz ist wie ein Fingerabdruck.» Ein Augenschein zeigt: Während sich die einen stark am Jodel orientieren, erinnern andere Aufnahmen der Sammlung, die bereits gestern Nachmittag Gestalt annahm, ein wenig an Schlachtrufe oder Brunstgesang. Die einen bauen sich mit den Händen einen Trichter, andere halten sich ein Ohr zu. Mal fängt der Jutzer tief an und endet mit hohen Tönen, mal geht es umgekehrt. Wieder andere folgen einer krummen Stimmführung. Und die gewählten Worte reichen vom einfachen «Juu» bis hin zu den verrücktesten Lautverbindungen.

Mut, den Emotionen freien Lauf zu lassen

«Ich habe mir vorgestellt, dass ich auf der Spitze eines Berges stehe», erzählt eine Zürcherin, die soeben ihren Beitrag an das Jutz-Archiv geleistet hat. Ein Urner Besucher versucht es mit einem «Judihui». «Ich bin kein Jutzer», erklärt er. «Ich musste all meinen Mut zusammennehmen und habe wahrscheinlich etwas zu viel gepresst.» So getrauen sich denn auch nicht alle Besucher, einen eigenen Jutz abzugeben. Christian Zehnder kann das verstehen: «Im Alltag der meisten gibt es kaum eine Gelegenheit, um zu jutzen. Es kostet Überwindung, die eigenen Emotionen preiszugeben.»

Die Jutz-Station ist eine Erweiterung von Zehnders Langzeitprojekt Echotopos. Dabei sammelt er Echos in den Bergen und vermisst die Schweiz somit akustisch. «Obwohl das Gehör das sensibelste Organ des Menschen ist, hat sich die Kultur dafür entschieden, die Welt visuell zu vermessen.» Mittels einer App für Smartphones erweitert Zehnder nun die Schweizer Karte mit Punkten, wo es besondere Echos zu hören gibt. Wanderer können auf der App neue Echo-Tipps abgeben, die Zehnder dann verifiziert. Und dies tut er eben mittels eines Jutzes.

Als erste Jutzerin in seiner Station konnte der Künstler die Stimmakrobatin Erika Stucky gewinnen. Nach ihrem Eröffnungskonzert des Festivals im Theater Uri entführte Zehnder sie in die Kleingalerie. «Mach einen richtigen Walliser Jutz», so die Anweisung von ihm, den Stucky zugleich in die Tat umsetzte. «Mit etwas Fluchen am Anfang geht es besser», sagt die Künstlerin und beginnt zunächst ein unverständliches Gemurmel, ehe sie zum Jutz ansetzt. «Ein Jutz ist dann gut, wenn er nicht im Hals brennt, aber trotzdem befreit», sagt Stucky. Man müsse ihn vor sich hinschmettern können. Sie selber nutze einen Jutz als Abschluss eines Jodels. «Das ist wie ein akustisches Ausrufezeichen.» Und es funktioniere auch zum Start. Als Zuhörerin liebt sie die Jutzer alter Männer, wie etwa von Appenzeller Bauern. «Für einen guten Jutz muss man den Hals öffnen und das Zwerchfell brauchen», verrät die Stimmkünstlerin. «Aber wenn ich von Technik beim Jutzen spreche, lacht jeder Bauer.» Es sei ein Loswerden von überschüssiger Energie. Und so gesehen würden auch Rocksänger auf der Bühne nichts anderes machen als zu jutzen.


Florian Arnold
florian.arnold@urnerzeitung.ch

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