ALTDORF: Dieses Theater lässt niemanden kalt

Das Kollegitheater spielt harte Kost und erreicht mit einfachen Mitteln grosse Wirkung. Und dabei fliesst kaum ein Tropfen Blut.

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Die Kollegischüler mimen eine Schauspielgruppe, die das Hörspiel von Heinrich Danioth einstudieren. (Bild: Urs Hanhart / Neue UZ)

Die Kollegischüler mimen eine Schauspielgruppe, die das Hörspiel von Heinrich Danioth einstudieren. (Bild: Urs Hanhart / Neue UZ)

«Übler Shit» würde man in Jugendsprache sagen oder «das geht unter die Haut», wenn man sich zu den älteren Semestern zählt. Was das Kollegitheater dieses Jahr veranstaltet, kann zur Sparte Psychothriller gezählt werden. Und dabei zeigen die Mittelschüler, dass man dieses Feld auch ohne blutrünstige Special Effects bedienen kann. Gerade mal einen einzigen Tropfen Theaterblut bekommt das Publikum zu sehen. Und auch dieser Tropfen hätte guten Gewissens wegrationalisiert werden können.

Tragisches Erlebnis

Stattdessen regen die jungen Schauspieler mit «6 von 7 eine Annäherung an Heinrich Danioths Bericht vom Winter in den Bergen» die Vorstellungskraft der Zuschauer an. Im Zentrum steht das Hörspiel «Der sechste von den sieben Tagen» des bekannten Urner Künstlers. Dieses wurde Anfang der 50er-Jahre produziert. Heinrich Danioth schrieb das Stück als Reaktion auf einen tragischen Lawinenwinter. Er zeichnet im Hörspiel die letzten Stunden einer Bergfamilie nach, die, bedroht von den Schneemassen, um ihr Leben bangt: «Ein zentnerschwerer Stoff», wie es Regisseur Matteo Schenardi bezeichnete. Wahrlich.

Die Kollegischüler spielen eine Theatergruppe, die das Hörspiel aufführen will. Um das Stück einzustudieren, ziehen sie sich für eine Woche auf eine Alphütte zurück. Die jungen Schauspieler freuen sich, neben den Proben im Pulverschnee zu kurven. Doch das Wetter macht nicht mit. Als es am sechsten Tag immer noch regnet, wird es für die Schauspieler ungemütlich.

Gruselige Atmosphäre

Das «Stück im Stück» ist keine neue Erfindung, ja man könnte es fast schon als überholten Theatertrick bezeichnen. Doch die Kollegischüler schaffen es, die Grenzen der beiden Elemente sehr eng zu ziehen, sodass das Publikum zuweilen ins Schwanken kommt, was nun in Danioths Hörspiel geschieht, und was den jungen Schauspielern widerfährt.

Durchbrochen wird das Verwirrspiel immer wieder mit eindeutigen Elementen. Die Kollegischüler sprechen die Originaltexte von Danioth in einem schweizerisch angehauchten Hochdeutsch. Die neuen Elemente sind in Dialekt. Originalaufnahmen des Hörspiels sind ab CD-Spieler zu hören. Die verzerrten Tonspuren verleihen eine gruselige Atmosphäre. Unterstützt wird dies auch mit weiteren Tonelementen. Einfach schaurig, wie der Wind ständig aufheult und die Pendeluhr wie eine Zeitbombe unaufhaltsam tickt. Wenn die Schüler dann noch mit den quadratischen Kunststoffscheiben zu wackeln beginnen, entsteht ein Donnergroll, der einem durch Mark und Bein fährt.

Optische Täuschung

Es sind die einfachen Mittel, die grosse Wirkung zeigen. Die Requisiten beschränken sich auf einige Stühle und einen kleinen Holztisch. Das Bühnenbild ist schlicht gehalten. Doch wird dem Zuschauer, schon ehe die erste Schauspielerin auftritt, eine optische Täuschung geboten. Der Bühnenboden verläuft schräg nach hinten, wodurch mehr Tiefe zu entstehen scheint. In Wirklichkeit haben die 24 Schüler, die praktisch ununterbrochen alle auf der Bühne stehen, also noch weniger Platz.

Diese Masse beeindruckt. Das geht nur, weil die Schüler als Einheit fungieren, was grosse Konzentration abverlangt. Mal wird der Satz eines Mitspielers ergänzt, dann gleichzeitig gesprochen. Die Bewegungen sind synchron.

Dafür rücken die einzelnen Charaktere etwas in den Hintergrund, obwohl auch einige kleinere Nebengeschichten erzählt werden. Die Schüler graben tief und sprechen die «Lawinen» der heutigen Zeit an. Da ist der junge Mann, der die rücksichtslose Vorgehensweise bei der Herstellung von Handys anprangert. Da ist die junge Frau, die überfordert ist mit der zu grossen Auswahl an Joghurtsorten in der Migros. Dies sind auch die Momente, in denen das Publikum zum Lachen gebracht wird, ehe es wieder ernst wird.

Ungeahnte Aktualität

Den passenden Soundtrack zum Stück liefert «It keeps rainin’ and rainin’» von Fats Domino. Und auch dieses Element ist ganz bewusst gewählt, war der amerikanische Soulsänger doch beim Sturm «Katrina» in New Orleans in Gefahr, ehe er mit einem Helikopter gerettet wurde.

Die Produktion wirkt besonnen. Wer sich darauf einlässt, gerät ins Nachdenken. Das jüngste Ereignis im Hinterkopf, der Flugzeugabsturz in Südfrankreich, bei dem auch eine Schulklasse mit 16 Jugendlichen ums Leben kam und die Passagiere zuletzt Todesangst erleiden mussten, gibt dem Theatererlebnis eine ungeahnte Dimension. Das Schülertheater vermag somit ein Tabu anzusprechen, was einige Zuschauer wohl auch schocken wird. Hoffnung geben da die Szenen, in denen der jugendliche Lebensmut durchschimmert sowie ein runder, ungeahnter Schluss.

Florian Arnold

Hinweis

Das Kollegitheater, das gestern Premiere feierte, wird bis am Mittwoch im Theater Uri gezeigt. Tickets: Tel. 041 874 80 09 und Abendkasse.