ALTDORF: Er verkauft Töpfe nach Übersee

Seit gut 30 Jahren stellt Töpfer Erwin Steinemann in seinem Atelier Keramik her. Bislang konnte ihn sogar seine Krankheit nicht daran hindern, den Beruf weiter auszuüben.

Anian Heierli
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Erwin Steinemann stellt in seinem Atelier in Altdorf seit gut 30 Jahren selber Tongeschirr her. (Bild Anian Heierli)

Erwin Steinemann stellt in seinem Atelier in Altdorf seit gut 30 Jahren selber Tongeschirr her. (Bild Anian Heierli)

Erwin Steinemann wollte nie so werden wie sein Vater. «Vielleicht habe ich gerade deshalb Töpfer gelernt», erzählt der 59-Jährige rückblickend. Dennoch machte er zuerst auf Wunsch seiner Eltern die Lehre als Mechaniker. «Zu Hause hat es immer geheissen, du musst zuerst eine Ausbildung abschliessen, die Hand und Fuss hat», sagt Steinemann. Erst danach sei es ihm freigestanden, seinen eigenen beruflichen Wünschen nachzugehen.

Über seine Schwägerin, die ebenfalls Töpferin ist, kam er später zum seltenen Beruf. «Für mich ist es schon immer wichtig gewesen, dass ich beruflich mein eigener Herr bin. Das Töpfern hat mir diese Eigenständigkeit ermöglicht», betont Steinemann, der seit gut drei Jahrzehnten in Altdorf seine Töpferei leitet. «Mein Vater hat als Werkleiter in der heutigen Ruag gearbeitet. Soweit ich mich erinnern kann, hat er immer unter Druck gestanden. Und genau das wollte ich nie.»

Geld ist oft knapp gewesen

So kam es, dass er 1982 in Ebikon die Lehre als Töpfer abschloss. Anschliessend arbeitete er kurze Zeit im Bernbiet. Bereits mit 28 Jahren kam er jedoch wieder zurück nach Altdorf und eröffnete eine eigene Werkstatt. «Von da an war ich sozusagen ein Überlebenskünstler», sagt er ernst. Es gab Zeiten, da musste er sich zweimal überlegen, ob es noch für eine Stange Bier reicht. Denn mit handgefertigtem Geschirr wird in der Regel keiner reich. Zumindest wenn man wie Steinemann humane Preise verlangt. 35 Franken kostet beispielsweise seine Uristier-Tasse. Das ist verhältnismässig wenig, wenn man bedenkt, dass es mindestens zwei Wochen dauert, bis aus einem Klumpen Ton eine fertige Tasse wird. «Ich kenne Kollegen, die das Doppelte verlangen», meint er. Steinemann selber versteht sich aber nicht als brotloser Künstler, sondern als klassischer Handwerker. Noch heute erfüllt ihn sein Beruf mit Freude. Gerade der kreative Teil seiner Tätigkeit hat es ihm angetan. Zwar sind die Arbeitsschritte jeweils die gleichen – aber dennoch werden zum Schluss aus jedem Sack Lehm individuelle Stücke. Das Formen, die Glasur, das Brennen, alles entsteht in Handarbeit. Und zum Schluss werden einige seiner Stücke von seiner Mitarbeiterin Germana Furrer bemalt oder von Prisca Würgler vergoldet. Seine Kreationen liefert Steinemann sogar nach China oder Südamerika.

Schicksal zeichnet ihn

Diese Eigenständigkeit droht nun aber zu zerbrechen. Seit einigen Jahren ist Steinemann bei seiner Arbeit zunehmend auf Hilfe angewiesen. Dazu zwingt ihn die Krankheit Multiple Sklerose (MS), eine Entzündung des Zentralen Nervensystems, die einen auf längere Sicht wortwörtlich lahmlegt. MS ist für einen Mann, der immer wieder betont, dass er sein eigener Herr sein will, besonders hart. Wegen der Krankheit sitzt Steinemann heute sogar im Rollstuhl. Allein das Fortbewegen in seinem Atelier ist mit Mühe verbunden. Damit er überall hinkommt, musste eine Türe entfernt und ein Lift in den oberen Stock eingebaut werden. Zudem hilft ihm jemand regelmässig beim Aufräumen und Putzen.

«Meine Beine und Füsse sind spastisch, und der Rücken schmerzt», sagt er. «Wenn ich wollte, müsste ich schon lange nicht mehr arbeiten.» Bei körperlich strengen Arbeiten, wie dem Anrühren der Glasur, ist er auf Unterstützung angewiesen. «Ohne meine Freunde würde das nicht mehr gehen», meint er. So hilft ihm wöchentlich seine Arbeitskollegin Christa Trachsel-Bau­mann, die seit 1985 als Keramikmalerin in der Töpferei mitarbeitet. Auch sein Freund, der Künstler Mundi Nussbaumer, unterstützt ihn. Er hat extra Regale aus Metall angefertigt, die behindertengerechter sind. Steinemann selber will so lange weiterarbeiten, wie es geht. So lange werde das aber nicht mehr sein, meint er nachdenklich. «Ich vermute so ein bis zwei Jahre. Die Zeit vergeht schneller, als man denkt.»

Hinweis

Morgen Samstag, 15. November, findet von 11 bis 17 Uhr im Atelier von Erwin Steinemann eine Ausstellung mit seinen Arbeiten statt. Am 16. November ist die Ausstellung von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Das Atelier befindet sich in Altdorf an der Mariahilfgasse 3.