ALTDORF: «Es hat mir den Ärmel reingezogen»

Für Musikerin Lea Ziegler geht an der Orgelnacht ein Traum in Erfüllung. Die Altdorferin über Kirchen, ihr Instrument und ihre Wünsche für den grossen Konzertabend.

Interview Florian Arnold
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Organistin Lea Ziegler Tschalèr: «Es fasziniert mich immer wieder, die unterschiedlichen Stimmen zu entwirren.» (Bild Florian Arnold)

Organistin Lea Ziegler Tschalèr: «Es fasziniert mich immer wieder, die unterschiedlichen Stimmen zu entwirren.» (Bild Florian Arnold)

Die Orgelnacht in Altdorf gehört mittlerweile zum festen Bestandteil des Kulturprogramms von Altdorf. Dieses Jahr findet sie am 22. November statt. Während vier Stunden gibt es in der Kirche St. Martin Orgelmusik zu hören. Lea Ziegler Tschalèr hat die Veranstaltung vor zwölf Jahren ins Leben gerufen. Die diesjährige Ausgabe soll etwas ganz Spezielles werden.

Lea Ziegler, die Konzerte dauern vier Stunden, die Kirchenbänke sind hart – und trotzdem ist die Orgelnacht eine beliebte Veranstaltung. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Lea Ziegler: Es ist die spezielle Atmosphäre. Die Kirche ist bis auf die Empore nur mit Kerzen beleuchtet. Man kann seinen Gedanken nachhängen oder sogar meditieren und dabei schöne Musik geniessen. Wenn die Bank zu hart wird, kann man sich auch frei in der Kirche bewegen. Oder man bringt ein Kissen mit. Die Orgelnacht hat da einen unkomplizierten Rahmen.

Die «Königin der Instrumente» steht im Zentrum der Orgelnacht. Gleichzeitig ist aber immer mindestens ein Solist mit einem anderen Instrument dabei. Würde die Orgel selber nicht ausreichen?

Ziegler: Doch. Aber jedem Konzert tut etwas Abwechslung gut. Dass nicht nur die Orgel ertönt, ist für die Zuhörer sicher spannend.

Ist es schwierig, etwas zu finden, das zur «Königin» passt?

Ziegler: Nein, denn die Königin kann eben alles. Eine Orgel kann ein Orchester ersetzen.

Bei der diesjährigen Orgelnacht ist es umgekehrt. Ein Orchester wird die Organisten begleiten.

Ziegler: Wir haben uns etwas Spezielles einfallen lassen, weil die Orgel in diesem Jahr frisch revidiert wurde. Das wollten wir feiern. Durch das Orchester ergibt sich die Möglichkeit, dass wir Orgelkonzerte spielen können, bei denen die Orgel eben als Soloinstrument präsentiert wird.

Das kostet viel Geld.

Ziegler: Das ist so. Mir war es aber wichtig, vor allem einheimische Musiker zu engagieren. Das bedeutet aber, dass wir im Gegensatz zu den anderen Jahren auf Sponsoren angewiesen sind. Glücklicherweise werden wir grosszügig unterstützt.

Geht für Sie ein Traum in Erfüllung?

Ziegler: Für mein Konzertdiplom habe ich vor zwölf Jahren das Orgelkonzert von Francis Poulenc gespielt. Mein Wunsch war es schon damals, dieses Konzert in meinem Leben nochmals aufzuführen. Mit der Setzeranlage, die es gestattet, Registerkombinationen auf der Orgel abzuspeichern, wird die Aufführung nun auch etwas ruhiger sein als noch vor zwölf Jahren.

Sie investieren viel Zeit für Proben, verdienen aber an der Orgelnacht praktisch nichts. Was treibt sie an?

Ziegler: Ich habe ganz tolle Leute um mich, denen es gleich geht wie mir: Ihnen gefällt es, grosse Werke zu spielen. Sie können Stücke spielen, die für den Gottesdienst meist zu lange sind. Sie nehmen es in Kauf, dass sie nicht so viel verdienen, wie sie eigentlich verlangen könnten.

Wann haben Sie gemerkt, dass die Orgel das richtige Instrument für Sie ist?

Ziegler: Ich hatte immer schon gerne Orgelmusik. Und im Lehrerseminar wurde schliesslich angeboten, Orgelunterricht zu nehmen. Mir hat es sofort den Ärmel reingezogen.

Was hat Sie speziell fasziniert?

Ziegler: Das Instrument ist sehr interessant zu spielen, eben weil es nicht gleich sofort funktioniert. Mich fasziniert es immer wieder, die unterschiedlichen Stimmen, die in den beiden Händen und dem Pedal gesetzt sind, zu entwirren. Das Zweite ist die Atmosphäre, die sich in einer Kirche beim Üben ergibt. In einem wunderschönen Raum an einem Abend alleine mit dem Instrument zu sein, hat etwas Besonderes.

Als Organistin sind Sie an die Kirche gebunden. Braucht es einen Hang zur Religion?

Ziegler: Nicht zwingend. Man muss aber mit Sicherheit Kirchenmusik gerne haben, da kommt man nicht drum herum. Aber natürlich kann man jegliche Art von Musik auf der Orgel spielen.

Ist es nicht hinderlich, wenn Sie zum Üben in eine Kirche gehen müssen?

Ziegler: Klar macht es mir nicht immer Spass, den Weg auf mich zu nehmen. Andererseits ist es aber für den Lerneffekt gut. Es sich lohnt, nach dem Üben etwas Ruhe zu haben.

Sie spielen als Gegenleistung für den Gebrauch der Orgel in Gottesdiensten. Ist es für Sie ein Müssen?

Ziegler: Nein. Es gibt wahrscheinlich wenig Musiker, die so viele Auftrittsmöglichkeiten haben wie wir Organisten. Man kann vielen Leuten eine Freude machen. Und wenn es nur einer ist, der sich über mein Orgelspiel während einer Messe freut, hat es sich schon gelohnt.

Auch Beerdigungen begleiten Sie an der Orgel. Wie schwierig ist es, mit den schmerzlichen Momenten von Familien in Verbindung zu kommen?

Ziegler: Wenn man mit der Musik etwas Trost spenden kann, und davon bin ich überzeugt, ist das etwas sehr Schönes. Aber ich gebe zu: Auch ich muss manchmal nach einem Lebenslauf weinen, selbst wenn ich die Leute nicht einmal persönlich gekannt habe.

Welchen Wunsch haben Sie für die Orgelnacht?

Ziegler: Ich erhoffe mir einen Abend mit vielen Begegnungen. Die Musik soll zu einem meditativen Abend beitragen, der den Besuchern guttut.