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ALTDORF: «Es ist meine Aufgabe, das Ganze im Fluss zu halten»

Daniel Tinner ist seit einem Monat Rektor am Kollegi. Der 56-Jährige sagt, wie er den Start nach einer turbulenten Wahl erlebt hat.
Interview Florian Arnold
Seine erste Uhr erhielt das Türmli im frühen 16. Jahrhundert. (Bild Anian Heierli)

Seine erste Uhr erhielt das Türmli im frühen 16. Jahrhundert. (Bild Anian Heierli)

Der Mittelschulrat hat im Mai Daniel Tinner zum neuen Rektor gewählt. Für Aufruhr hatte die Wahl gesorgt, weil bekannt wurde, dass die Lehrerschaft die Dossiers der Kandidaten einsehen konnte. Aufgrund von Internetrecherchen kam es zu grosser Missstimmung gegenüber dem zunächst favorisierten Anwärter, sodass dieser seine Kandidatur zurückzog.

Der Mittelschulrat kam schliesslich auf die Bewerbung des 56-jährigen Daniel Tinner zurück und wählte ihn im Mai offiziell. Er ist seit dem 10. August im Amt. Einen Monat nach Schulbeginn spricht der in Zürich Wohnhafte nun über erste Erfahrungen.

Daniel Tinner, bei Ihrer Wahl sagte Bildungsdirektor Beat Jörg, die Schule solle modern in die Zukunft geführt werden. Ist ein reformierter Pfarrer der Richtige dafür?

Daniel Tinner: Wenn die Modernisierung die einzige Ausgangslage wäre, müsste man vielleicht ein anderes Profil suchen. Wer Theologie studiert hat, geht anders mit Geschichte, Traditionen und Werten um als etwa ein Ingenieur oder Marketingfachmann. Vielleicht besteht da ein Widerspruch.

Und wenn man Ihren Titel ausklammert?

Tinner: «Modern» ist eine Chiffre für ganz Verschiedenes. Man kann darunter verstehen, dass man alles umkrempelt und mit neuen Inhalten füllt, dass man das Marketing vorantreibt oder die Professionalisierung fördert. Ich bin sicher kein Ultra-Erneuerer und suche sicher nicht nach ultimativen Trends. Die Schule ist gut positioniert. Für die Zukunft bestehen aber sicher Chancen, die wir im Team angehen werden.

Wie führen Sie dieses Team?

Tinner: Ich halte mich an ein Bild, das ich einmal gesehen habe: Wenn alles im Fluss ist und in die richtige Richtung läuft, muss die Führungsperson nicht meinen, steuern zu müssen. Und wenn etwas falsch läuft, muss man die Richtung nicht komplett ändern, sondern schauen, dass man den Kanal leicht verschieben kann. Hier arbeiten ganz gute Leute, die ihre Sache verstehen. Jetzt ist es meine Aufgabe, das Ganze im Fluss zu halten und gegebenenfalls Korrekturen anzubringen, immer im Dialog mit den Schülern, den Lehrpersonen und dem Mittelschulrat.

Sie haben sich sicher Ziele gesetzt.

Tinner: Ich habe mich noch nicht festgelegt. Denn als Erstes muss ich genau hinschauen. Sonst tönt man dann schon schnell wie der Auswärtige, der sagt, wo es langgeht.

Sie haben Angst, dass die Urner mit Ihnen als Zürcher ein Problem haben?

Tinner: Ich habe keine Angst vor meiner Wirkung, aber ich habe grossen Respekt vor dem, was sich in Uri entwickelt hat. Als fremder Fötzel möchte ich nicht den Anspruch haben, alles besser zu wissen und kontrollieren zu müssen.

Werden Sie noch immer als Fremder gesehen?

Tinner: Ja, aber auf eine sympathische Weise. Ich habe überall offene Türen gefunden und eine hohe Bereitschaft, Informationen zu geben. Das Zusammenleben im Bergkanton ist einfach ganz anders als jenes, das ich während 25 Jahren in Zürich erfahren habe.

Wie äussert sich das?

Tinner: In Zürich ist die Gefahr der Anonymität sehr gross. In Uri hängt alles viel mehr miteinander zusammen. Wenn von jemandem die Rede ist, sagt man häufig nicht einfach seinen Namen, sondern mit wem er verwandt ist. Und eine Eigenheit ist mir besonders aufgefallen: Wenn Leute vorgestellt werden, nennt man den Nachnamen vor dem Vornamen. Ich bin also plötzlich der Tinner Daniel. Ich interpretiere diese Eigenheit so, dass die Familienzugehörigkeit hohe Bedeutung hat und man sich nicht völlig entkoppelt. Aber etwas verwirrt war ich schon, als sich Bildungsdirektor Beat Jörg als Jörg Beat vorstellte.

Um die Rektorwahl gab es viel Wirbel. Die Lehrerschaft hat den favorisierten Kandidaten abgeschossen. Wie ging es Ihnen während dieser Zeit?

Tinner: Ich habe dies nur schrittweise mitbekommen. Nach der ersten Runde gab es für mich einen Unterbruch im Bewerbungsprozess, und man setzte auf den anderen Kandidaten. Meiner Qualität tat dies aber keinen Abbruch. Das wurde mir auch klargemacht. Der Mittelschulrat hatte einfach eine andere Richtung eingeschlagen und sich deswegen für das andere Profil entschieden. Später wurde die Richtung wieder korrigiert. Ein Unikum für mich war, dass die ganze Lehrerschaft mein Dossier anschauen konnte. Mit dieser Spielregel konnte ich aber leben.

Gab es Ihnen nicht zu denken, dass sich die Lehrerschaft gegen einen Kandidaten auflehnte?

Tinner: Ich habe von Anfang an gewusst, dass es hier eine starke Lehrerschaft gibt, die mitdenkt und auch gehört werden will. Sie haben die Befürchtung offen ausgesprochen, dass der andere Kandidat womöglich nicht zu ihnen passen könnte. Im Nachhinein kommt mir das entgegen.

Inwiefern?

Tinner: Der Mittelschulrat hat meiner Meinung nach mit der Favorisierung des anderen Kandidaten mehr Veränderungsbereitschaft als die Lehrpersonen gezeigt. Wenn ich nun Veränderungen plane, kann ich davon ausgehen, dass der Mittelschulrat dafür bereit ist und nicht mauert. Besser könnte es für mich nicht sein.

Es scheint, als ob Sie bei allem immer das Positive sähen.

Tinner: Das ist sicher ein Charakterzug von mir. Es gibt Leute, die diese Optik als Naivität bezeichnen. Aber ich habe gemerkt, dass ich mit meiner positiven Einstellung meistens gut fahre.

Dann freuen Sie sich sicher wahnsinnig auf den neuen Lehrplan 21?

Tinner: Jetzt machen Sie einen Schlenker. Mit dem Fokus auf die Kompetenzen, der hinter dem neuen Lehrplan steht, habe ich bereits an anderen Schulen gute Erfahrungen gemacht. Die konkreten Auswirkungen auf die Kantonale Mittelschule Uri kann ich noch nicht beurteilen. Im Team ist sicher noch Skepsis vorhanden. Aber wir stehen am Anfang, und ich glaube, dass wir mit der Zeit eine gute Lösung haben werden.

Die Bildung ist im Fokus der ganzen Gesellschaft, und an Sie werden immer wieder Ratschläge herangetragen. Wie gehen Sie damit um?

Tinner: Grundsätzlich höre ich mir alles an. Ich werde allerdings hellhörig, wenn es heisst, man müsse dringend etwas ändern. In solchen Situationen überlege ich mir dann, wieso es keinen Anlass geben soll, sich das zuerst in Ruhe anzuschauen. Denn mein Lieblingstier ist nicht der Hase, der Haken schlägt. In der Regel gewinnt man mehr, wenn man gemach an etwas herangehen kann.

Welches Tier ist es dann, das Ihnen gefällt?

Tinner: Am ehesten der Steinbock. Der überstürzt nichts, sondern sieht sich die Situation an und geht rechtzeitig auf Distanz. Zudem ist der Steinbock ein geselliges Tier, das keine Angst vor Steigungen und schwierigen Situationen hat.

Bis jetzt mussten Sie keine schwierigen Entscheide fällen. Fürchten Sie sich davor?

Tinner: Fürchten nicht. Denn ich habe Erfahrungen mit schwierigen Situationen. Wenn man sorgfältig und gut kommuniziert und im Hinterkopf hat, dass man auch eine andere Haltung haben kann, sind solche Konstellationen zu meistern. Mir ist aber bewusst, dass man nicht immer harmonisch auseinandergehen wird.

Aus welchem Antrieb haben Sie die Rektorstelle angenommen?

Tinner: Bei der Stadt Zürich war ich im Sekundar-II-Bereich tätig. Ich war in einem Gebilde, das sehr stark auch mit Ämtern vernetzt war. Das Wissen, das ich dort gesammelt habe, wollte ich mitnehmen in eine Institution, die nochmals eine Herausforderung für mich darstellt. Die andere Schulstufe und die Überschaubarkeit sind für mich solche Herausforderungen. Hinzu kommt, dass ich eine Region suchte, die mir nicht so gut vertraut ist wie etwa die Ostschweiz. Ich wollte an einen Ort, den ich nicht kenne, aber der mir sympathisch ist.

Und was motiviert Sie, mit Jugendlichen zu arbeiten?

Tinner: Ich habe Theologie studiert, um Leute zu begleiten. Und das ist an einer Schule bestens möglich. Allein schon im Alter der Schüler ist Zukunft drin. Wenn ich im Zug pendle, steigen viele Kantonsschüler ein. Wenn man sich deren Gespräche und Ideen anhört, dann ist diese Energie ansteckend.

Mit Theologie können aber die wenigsten Schüler etwas anfangen.

Tinner: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die heutigen Jugendlichen im städtischen Umfeld so akirchlich leben, dass die Kirche schon wieder eine gewisse Faszination darstellt. Beispielsweise bat mich einmal meine Tochter, einen Theologieabend für sie und ihre Kollegen zu organisieren, einfach weil man heute nicht mehr so viel darüber weiss.

Und wie reagieren die Urner Schüler auf Sie?

Tinner: Dass ich Theologie studiert habe, spielt für sie keine Rolle. Für sie bin ich zuerst mal eine Respektsperson. Und nach einer Zeit merken sie, dass ich auch nur ein Mensch bin. Auf alle Fälle gibt es da keine Hürden.

Interview Florian Arnold

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