ALTDORF / FLÜELEN: Gemeinden ziehen positive Bilanz

Das Projekt Mobile Jugendarbeit ist von den Jugendlichen positiv aufgenommen worden. Der Altdorfer Gemeinderat Kilian Gasser schliesst eine Weiterführung nicht aus.

Jessica Bamford
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Die beiden Jugendarbeiterinnen Angela Quiroz (Zweite von links) und Verena Koch unterhalten sich mit zwei Jugendlichen. (Bild: Urs Hanhart (Altdorf, 9. Dezember 2016))

Die beiden Jugendarbeiterinnen Angela Quiroz (Zweite von links) und Verena Koch unterhalten sich mit zwei Jugendlichen. (Bild: Urs Hanhart (Altdorf, 9. Dezember 2016))

Jessica Bamford

jessica.bamford@urnerzeitung.ch

Manchmal jagen die Jugendarbeiter den Jugendlichen einen Schrecken ein, ohne es zu wollen. Das kennt Angela Quiroz, die in Altdorf und Flüelen mobile Jugendarbeit leistet, aus Erfahrung: «Wir waren im Dunkeln unterwegs, und einige Jugendliche sassen auf einer Parkbank. Als sie uns von weitem kommen sahen, waren sie verunsichert, weil sie dachten, wir seien vom Sicherheitsdienst und würden sie wegschicken. Als wir näherkamen, waren sie erleichtert.»

Solche Situationen seien schön für Leute in der mobilen Jugendarbeit. «Es zeigt uns, dass die Jugendlichen wissen, dass wir nicht für den Sicherheitsdienst zuständig sind, sondern mit ihnen reden wollen. So ergeben sich dann auch sehr oft gute Gespräche», so die Jugendarbeiterin.

Und auch Christine Herrscher, Sozialarbeiterin der Gemeinde Altdorf, ist überzeugt: «Die Jugendlichen würden weglaufen, wenn wir eine sicherheitstechnische Rolle hätten.»

Unterschiedliche Erwartungen

Von Mitte 2008 bis Ende 2014 haben dreizehn Urner Gemeinden das Projekt Toleranz, Intervention, Prävention (TIP) geführt. Es kombinierte Elemente der mobilen Jugendarbeit mit ordnungs- und sicherheitspolitischen Elementen. Das Projekt scheiterte letztlich an den unterschiedlichen Erwartungen an das Projekt und an den unterschiedlichen Zielvorstellungen. Es wurde im Einverständnis aller beteiligten Gemeinden per Ende 2014 aufgelöst.

Die Verantwortlichen aus Altdorf und Flüelen waren sich einig, dass mobile Jugendarbeit und Sicherheitsdienst nicht unter einen Hut gebracht werden könnten. Sie entschieden sich deshalb als einzige Urner Gemeinden, das TIP-Projekt weiterzuverfolgen. Altdorf bot die Dienstleistung an, Flüelen war bereit, sich per Leistungsvereinbarung mit 10 Prozent an der mobilen Jugendarbeit zu beteiligen. Das Projekt wird auch vom Kanton massgebend finanziell unterstützt, obwohl nur zwei Gemeinden mobile Jugendarbeit anbieten.

Wichtigste Ausgangsorte werden abgedeckt

Jeweils am Wochenende gehen zwei in diesem Bereich ausgebildete junge Erwachsene auf die Strasse. Sie suchen Jugendliche im öffentlichen Raum, verwickeln sie in Gespräche, um ihnen Unterstützung anbieten zu können und herauszufinden, was sie zurzeit beschäftigt. «Die Zusammenarbeit von Altdorf und Flüelen ist nicht zuletzt deshalb sinnvoll, weil so die wichtigsten Ausgangsorte der Jugendlichen abgedeckt werden», erklärt Herrscher. Im Sommer würden sie sehr viel Zeit am See in Flüelen verbringen, während im Winter Altdorf beliebter sei. Ausserdem sind die Fahrwege von einer Gemeinde zur andern sehr kurz.

Trotz der klaren Trennung von Jugendarbeit und Sicherheitsdienst wird mit der Polizei eine enge Zusammenarbeit gepflegt. Die Jugendarbeiter geben Informationen über problematische Punkte weiter, und die Polizei informiert über ihre Handhabung bei Verstössen. So können die Jugendarbeiter den Jugendlichen wichtige Infos zukommen lassen. «Es werden aber keine Informationen zu einzelnen Jugendlichen weitergegeben, das ist uns sehr wichtig», betont Herrscher. Auch Kilian Gasser, der zuständige Altdorfer Gemeinderat, begrüsst dieses Kooperation. «Sie ist für mich sehr positiv.»

Freiraum geniessen, ohne andere zu stören

Bei der mobilen Jugendarbeit verfolgen die beiden Gemeinden zwei Hauptziele: Zum einen möchten sie die Jugendlichen befähigen, den öffentlichen Raum sinnvoll zu nutzen. «Es ist schön, dass die Jungen draussen sind», so Herrscher. «Deshalb müssen wir ihnen dabei helfen, den Freiraum zu geniessen, ohne andere zu stören.» Das zweite Ziel bestehe darin, den Jugendlichen das Gespräch anzubieten und ihnen bewusst zu machen, dass jemand da sei, dem sie ihre Probleme anvertrauen könnten. Bei Bedarf würden Jugendliche mit ihren Anliegen auch an Hilfsstellen verwiesen. «Wir möchten ihnen Vertrauenspersonen zur Seite stellen, die ihnen helfen können, wenn es ihnen schlecht geht», so Gasser.

Fakt ist: Der effektive Erfolg der Jugendarbeit ist nicht messbar. «Gegner sagen oft, dass es nichts bringt, ein wenig mit Jugendlichen zu reden», sagt Kilian Gasser. Er ist aber überzeugt, dass das Projekt für die Jugendlichen extrem hilfreich sein kann. Denn die Jugendlichen würden in einer schwierigen Lebensphase kontaktiert. «Wenn man sie im Teenageralter erreichen und abfedern kann, spart dies der öffentlichen Hand gegebenenfalls viel Geld», erklärt Gasser. Die Kosten, die von «schweren Problemfällen» verursacht würden, seien nämlich viel grösser als diejenigen, die durch die mobile Jugendarbeit entstünden.

Nach einem Jahr mobile Jugendarbeit ziehen die Verantwortlichen eine positive Bilanz: «Wir konnten bereits viele Beziehungen zu den Jugendlichen aufbauen und kennen die Standorte, an denen sie sich aufhalten», bestätigt Angela Quiroz. Auch Marc Hofstetter sieht die Entwicklung positiv: «Die Jugendlichen sind gegenüber den Jugendarbeitern sehr offen und schildern oft bereitwillig ihre Sorgen.» Dies zeige, dass Jugendliche ihre Probleme den Jugendarbeitern auf andere Art und Weise bewusst machen könnten als zu Hause. «Das hilft ihnen sicher», glaubt Hofstetter. «Die Informationen, die wir von den Jugendlichen erhalten, helfen uns, neue Präventionsmassnahmen zu ergreifen.»

Gute Ergänzung zu Konventionellem

Die mobile Jugendarbeit ist für Hofstetter eine sehr gute Ergänzung zur konventionellen offenen Jugendarbeit, da so andere Jugendliche kennen gelernt und andere Informationen erhältlich gemacht werden könnten.

Auch Kilian Gasser ist zufrieden mit dem bisherigen Verlauf: «Es läuft so, wie wir uns das vorgestellt haben. Wenn die weiteren drei Jahre der Probezeit auch so gut verlaufen, kann ich mir durchaus vorstellen, dass das Projekt in dieser Form weitergeführt wird.»