ALTDORF: Ganz ohne Strauss geht es einfach nicht

Die Camerata Schweiz und Töbi Tobler gaben ein sehr buntes Neujahrskonzert. Solist und Dirigent fanden rasch Zugang zum Publikum.

Florian Arnold
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Hackbrettsolist Töbi Tobler hatte alle Hände voll zu tun. (Bild Urs Hanhart)

Hackbrettsolist Töbi Tobler hatte alle Hände voll zu tun. (Bild Urs Hanhart)

Die Camerata Schweiz und Töbi Tobler verzichteten am Neujahrskonzert im Theater Uri auf Wiener Walzer. Stattdessen präsentierten sie ein ausgesprochen abwechslungsreiches Programm von Barock bis Moderne, beziehungsweise von Heinrich Ignaz von Biber (1644 bis 1704) bis Paul Huber (1918 bis 2001).

Höhepunkt des Abends war Hubers Konzert für Hackbrett und Streichorchester. Sphärische Klänge vermischten sich mit groovigen Teilen. Zwischendurch wähnte man sich in einem James-Bond-Film. Aber immer wieder schimmerte das typisch appenzellerische Tonmaterial durch.

«Gut eingerichtet ist halb gespielt»

Hackbrettsolist Töbi Tobler hatte alle Hände voll zu tun, war aber jederzeit Meister über das komplex zu spielende Instrument. Wäre sein Name nicht so bekannt, hätte man dies dem etwas chaotisch wirkenden Künstler gar nicht zugetraut. Fast schon kabarettistisch, wie er sein Instrument und die Verstärkeranlage vor den Augen des Publikums startklar machte. «Chasch no en Witz verzelle», sagte er zu Dirigent Kevin Griffiths. Und nach dem etwas längeren Prozedere sagte er rechtfertigend: «Gut eingerichtet ist halb gespielt.»

Mit einem improvisierten Appenzeller Zäuerli, das er solo vortrug, stimmte Tobler das Publikum auf sein Instrument ein, ehe ohne Unterbruch zum Konzertwerk mit Orchester gewechselt wurde. Der Appenzeller spielte auswendig und hatte dadurch die Möglichkeit, Blickkontakt mit einzelnen Personen aus dem Publikum aufzunehmen. Für Tobler ist das Theater Uri ein gewohntes Terrain, verbrachte er hier doch etliche Stunden, als 2008 die Tellspiele aufgeführt wurden. Der Hackbrettspieler umrahmte das Theater damals musikalisch und hat noch immer einen guten Draht zu den Altdorfern.

Modernes aus dem Barock

Modern klang nicht nur das Werk mit Hackbrett, sondern auch einiges des restlichen Konzertprogramms. Selbst das Barockstück von Heinrich Ignaz von Biber tönte alles andere als veraltet. Die «Sonata La Battalia» ist die musikalische Darstellung einer Schlacht. Das Publikum konnte sich betrunkene Soldaten genau so gut vorstellen wie das Kanonengewitter. Dabei bedienten sich die Musiker solcher Spieltechniken, die man im Barock nicht erwartet hätte: Da wurde auf die Violinen und Celli geklopft und an den Saiten so fest gezupft, dass ein schnippender Klang entstand. Richtig bekannt wurde diese Technik erst durch Béla Bartok (1881 bis 1945), von dem eben dieses «Bartok-Pizzicato» den Namen hat, wie Dirigent Kevin Griffiths das Publikum aufklärte.

Überhaupt hatte der junge Dirigent das Publikum auf seiner Seite. Der gebürtige Londoner, der einen perfekten Zürcher Dialekt spricht, flirtete in Wunsch-Schwiegersohn-Manier mit dem Publikum und gab immer wieder anschauliche Hinweise zum Repertoire.

Publikum steht auf Pizzicato

Ganz ohne Johann Strauss kam das Neujahrskonzert dann doch nicht aus. Allerdings bediente sich die Camerata Schweiz einer Polka statt eines Walzers. Für die «Pizzicato-Polka» formierte sich das Streichorchester zu einem «Zupforchester» und näherte sich damit etwas dem Hackbrettklang vor der Pause an. «Das Pizzicato scheint Ihnen ja richtig gut zu gefallen», bemerkte der Dirigent nach dem letzten Stück «Rodeo Hoe-Down» von Aaron Copland (1900 bis 1990). So legten die Streicher für die beiden Zugaben «Jazz-Pizzicato» und erneut die «Pizzicato-Polka» ihre Bogen definitiv zur Seite. Spätestens nach diesem Konzert dürfte darum jeder im Publikum wissen, was Pizzicato ist.