ALTDORF: Gelungenes Festival der gepflegten Volksmusik

Altdorf stand während dreier Tage im Zentrum der Volksmusik. Mehr als 120 Formationen spielten auf. Nur das Wetter spielte nicht mit.

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Die «Ürner Büäbä» bei ihrem Auftritt in der grossen Festival-Arena. (Bild Angel Sanchez)

Die «Ürner Büäbä» bei ihrem Auftritt in der grossen Festival-Arena. (Bild Angel Sanchez)

Die Lust auf alte Töne liegt im Trend – vermehrt auch bei den Jungen, zu denen auch der 11-jährige Jan Walker aus Altdorf zählt. «Mein grosses Vorbild ist Madlaina Grass», erzählt Jan Walker, der seit vier Jahren Bassgeige-Unterricht nimmt und neben der Ländlermusik auch Pop- und Rockmusik liebt. Er gehört der Schwyzerörgeli-Formation «Ürnerbuäbä» an. Auf seinem Kontrabass spielte der Kleinste wie ein Grosser – beinahe fehlerfrei. Seine zwei Musikkollegen Silvan Arnold und Mario Brand interpretieren auf dem Schwyzerörgeli lüpfige und urchige Tänze.

Auf hohem Niveau
In Altdorf wurde hochstehende, unverkrampfte Volksmusik geboten, locker und frei interpretiert. Altdorf war aber auch ein Mitmach-Festival. Besucher wurden ins musikalische Geschehen mit einbezogen. Man hatte die Möglichkeit, neben dem Konzertprogramm Schweizer Volksmusik aktiv und auf neue Art und Weise kennen zu lernen.

Für jeden Geschmack gabs etwas; Traditionalisten kamen genauso auf ihre Rechnung wie die Freunde der experimentellen Volksmusik. Bezüglich Qualität standen die Volksmusiktage auf einem sehr hohen Niveau. Einige Besucher stuften die Vorträge höher ein als diejenigen eines eidgenössischen Ländlermusikfestes.

Raffiniert, harmonisch
Klar und liebenswürdig, geprägt von einer überraschenden Klangvielfalt, intonierten Frauen und Männer auf den verschiedensten Instrumenten Melodien alter und zeitgenössischer Komponisten. Ein faszinierendes Experiment und ein exklusiver Hörgenuss war der Vortrag der Musikstudenten der Musikhochschule Luzern. Sie nennen sich «Alpini Vernähmlassig». Wenn diese sieben musizieren, wird dem Konzertbesucher bewusst, wie viel kreativen Spielraum die Volksmusik bietet. «Volksmusik gehört nicht ins Museum, sie soll leben», sagte Martin Schüssler, Musikwissenschaftler und Prorektor der Musikhochschule Luzern.

Musikgrüsse vom Nachbarn
Dass es in Österreich auch echte Volksmusik abseits von Herzilein-Gesäusel und Musikantenstadl gibt, bewiesen die Matterhorns, die Citoller Tanzgeiger und die Finklinks. «Obwohl wir hier in Altdorf an geschichtsträchtigem Ort nicht gerade die besten Erinnerungen an die Österreicher haben, sind sie eine grosse Bereicherung für unser Programm», sagt Alois Gabriel, Co-Leiter des Hauses der Volksmusik, und lacht dabei. Die Citoller Tanzgeiger überraschten mit ihren fröhlichen, unkomplizierten und musikalisch hochstehenden Vorträgen. Bei der österreichischen Volksmusik ist eine gewisse Verwandtschaft mit der Appenzeller Musik auszumachen. Einzig beim Jodelgesang ist der Unterschied zum helvetischen Jodel klar erkenntlich.

«Gluscht» auf mehr
Volksmusikalisch sind uns die Österreicher in vielem voraus. Man denke nur an die Musikstadt Wien oder an die Schrammelmusik. Professor Hermann Härtel, Lehrbeauftragter an der Musikuniversität Graz und am Mozarteum Salzburg, verstand es, die Konzertbesucher für sich und seine Musik zu gewinnen. Die Verbindung von instrumentalem Gesang und Klang, ebenso die schmeichelnden Melodiefolgen der Wiener Gesellschaftsmusik machten «Gluscht» auf weitere Begegnungen mit den aufgestellten Musikern aus unserem Nachbarland.

Matterhorn in Österreich
«Weil wir mit unserer Musik unser Konzertpublikum ?martern? (plagen), sind wir auf den Namen Matterhorn gekommen», erzählt Franz Obermüller von den Matterhorns. Die Matterhorns sind eine Quintettformation. Sie entstanden aus der Idee, mit Wiener Hörnern, Es-Trompeten und Wagner-Tuben eine Alternative zum klassischen Hornquartett bieten zu wollen. Die fünf haben klassische Musik in Wien studiert und sind mittlerweile als Berufsmusiker in allen grossen Orchestern Wiens beschäftigt: Wiener Philharmoniker, Wiener Staatsoper und Wiener Symphoniker. «Einen Schweizer Ländler oder Schottisch haben wir noch nicht in unserem Repertoire. Vielleicht nach Altdorf», sagt Martin Grabner von den Matterhorns und lacht.

Den Kirchgängern gefiels
Am Sonntagmorgen trafen sich im Rahmen des Festivals in der bis auf den letzten Platz besetzten Pfarrkirche die Hüüsmüsig Gehrig und die Schola Uriensis. Es war keine der gängigen Ländler- oder Jodlermessen, die landauf und landab immer wieder zu hören sind. Diese Form der Zusammenführung ergab auf den ersten Blick eine etwas seltsame Mischung. Wer aber dabei war, konnte Gemeinsamkeiten feststellen. Beides sind ursprüngliche Musikformen. «Man kann den gregorianischen Choral als den Ursprung der Kirchenmusik und den Naturjodel als den Ursprung der Volksmusik bezeichnen», sagt Gehrig.

«Mir hats sehr gut gefallen. Es passte zum Volksmusikfestival», sagte Kirchenbesucherin Marianne Arnold aus Altdorf. Sie könnte sich diese Art von Gottesdienst als Abwechslung gut vorstellen. Auch Claudia Muff, Mitglied von Willis Wyberkapelle, gefiels. «Ich konnte gewisse Gemeinsamkeiten der Naturmelodien und des gregorianischen Chorals feststellen».

Das Volksmusikfestival in Altdorf klang am Abend mit einem Schlusskonzert aus. Es war ein Konzentrat dessen, was während dreier Tage in Altdorf geboten wurde und viele hundert Besucher zu begeistern vermochte.

Monika van de Giessen/Neue UZ