ALTDORF: «Ich möchte überall Qualität»

Michel Truniger hat am kommenden Wochenende mit «Trievent» einiges vor. Der Altdorfer Musiker und Dirigent plant aber bereits neue grosse Projekte.

Interview Florian Arnold
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«Einmal die 5. Sinfonie von Beethoven dirigieren: Das würde ich sehr gerne machen», sagt Michel Truniger im Theater Uri. (Bild: Florian Arnold / Neue UZ)

«Einmal die 5. Sinfonie von Beethoven dirigieren: Das würde ich sehr gerne machen», sagt Michel Truniger im Theater Uri. (Bild: Florian Arnold / Neue UZ)

«Casanova» mit Cellistin Cécile Grübler im Dezember, das Musical «Der kleine Prinz» im Januar und nun «Tri­event» im Februar: Dirigent Michel Truniger springt von Konzert zu Konzert. Der 35-jährige Altdorfer über Kritik, Erfolg und den Kanton Uri.

Michel Truniger, erinnern Sie sich, wann Sie das letzte Mal Kritik einstecken mussten?

Michel Truniger: Erst kürzlich. Die Musik vom Musical «Der kleine Prinz» sei zu schwer verdaulich.

Trotzdem hat man das Gefühl, Sie seien der unangefochtene Star der Urner Musikszene.

Truniger: Ein Star sicher nicht, denn der Kanton Uri braucht das gar nicht. Es gibt so viele Kulturschaffende, die unser kulturelles Angebot bereichern. Aber keine Angst, es gibt auch genug Kritiker. Ich habe Leute um mich, die mir ehrliche Rückmeldungen geben.

Wie wichtig ist Ihnen das?

Truniger: Sehr wichtig. Es ist sicher auch nicht immer schön, wenn man viel Herzblut in ein Projekt hineinsteckt und dann verrissen wird. Ich bin aber auch sehr selten absolut zufrieden mit mir.

Beim «Casanova»-Konzert aber waren Sie es.

Truniger: Ja, aber nicht nur wegen des Endprodukts, sondern weil ich gesehen habe, wo wir begonnen und wie wir uns entwickelt haben. Bei «Trievent» ist das anders. Wir starten schon auf sehr hohem Niveau, aber das muss so sein, da die Probenzeit sehr kurz und intensiv ist.

Alles, was Sie anfassen, wird sowieso zu Gold, heisst es.

Truniger: Ich kann das schwer beurteilen. Ich versuche einfach immer, alles, was möglich ist, herauszuholen.

Wie machen Sie das?

Truniger: Ich gebe nie nach. Und das ist oftmals schwierig. Ich muss von Leuten, die am Tag hundert Prozent arbeiten, alles fordern. Ich versuche immer, die Leute richtig einzuschätzen und sie dort abzuholen, wo sie ihre Fähigkeiten haben. Ich habe immer Glück, engagierte Leute um mich zu haben, die im Hintergrund agieren. Ohne flexible Vorstände und Arbeitgeber könnte ich meinen Beruf nicht ausüben. Ich rege mich auch nur dann auf, wenn sich Leute unter ihrem Wert verkaufen.

Gibt es das: Sie in Rage?

Truniger: Beim Musikmachen sehr selten, aber es kommt vor. Grundsätzlich haben es die Leute, mit denen ich arbeite, nicht verdient, dass sie nach Feierabend einen Rüffel kassieren. Bei «Trievent» ist das etwas anders. Dort erhalten viele Musiker eine Gage. Dadurch habe ich diesen Leuten gegenüber eine höhere Erwartung.

«Trievent» ist bereits ausverkauft. Wie gehen Sie mit den hohen Erwartungen um?

Truniger: Druck baut sich auf. Allein die auffällige Werbung von Cornel Betschart und seinem Team verspricht einiges. Das müssen wir jetzt einhalten.

Die Werbung ist pompös. Haben Sie so etwas überhaupt nötig?

Truniger: Wir hatten Angst, dass wir das Theater Uri nicht füllen.

Jetzt machen Sie Spässe!

Truniger: Nein. Wir hatten vor, drei Aufführungen zu machen, haben uns dann aber auf zwei festgelegt. Und nun sind wir es eben auch den Sponsoren schuldig, dass wir die Werbung schalten, obwohl wir schon ausverkauft sind. Das sind Luxusprobleme. Offenbar will «Trievent» gesehen und gehört werden.

Was macht den Erfolg aus?

Truniger: Es ist sicher keine schwer zugängliche Literatur. Mit Filmmusik begibt man sich nicht aufs Glatteis. Jeder hat seine Lieblingsfilme. Die Musik schürt Emotionen und verhilft letztlich auch den Filmen zum Erfolg.

Jeder Dorfverein spielt doch heute Filmmusik.

Truniger: Ich habe nie behauptet, es sei wahnsinnig kreativ. Wir machen das aber nicht aus Kommerzgründen, sondern weil uns und den Leuten die Musik gefällt. Keiner verdient sich mit «Trievent» eine goldene Nase. Die Sponsoren werfen uns das Geld nicht nach. Sie investieren in uns, und dem wollen wir gerecht werden.

Wie schwierig ist es heute, Geld für Musikprojekte zu bekommen?

Truniger: Im Kanton Uri haben wir einen sehr guten Nährboden. Ich kenne kaum ein Projekt, das wegen der Finanzen nicht hätte stattfinden können. Die Kantonalbank ist im Kulturbereich ein riesiger und immens wichtiger Sponsor. Ausserdem gibt es viele Stiftungen in Uri, die die Kultur in all ihren Facetten unterstützen.

Ist es das, was Sie in Uri hält?

Truniger: Zusammen mit meiner Familie hier zu leben, ist ein Privileg, und ich kann mir keinen schöneren Ort fürs Aufwachsen meiner Kinder vorstellen. Bei meinem Beruf ist es wichtig, ein starkes Umfeld zu haben, denn ich bin viel weg und auf die Unterstützung zu Hause angewiesen.

Bietet denn Uri genug Herausforderungen für jemanden wie Sie?

Truniger: Qualität ist immer eine Herausforderung. Ob ein Konzert nun im Kulturkloster Altdorf oder im KKL stattfindet, ist dabei egal. Ich möchte überall bestmögliche Qualität hinbekommen.

In Uri müssen Sie aber mit Laien arbeiten. Was bedeutet Ihnen das?

Truniger: Wenn man für viel Geld ein super Orchester engagiert und vorne hinsteht und dirigiert, mag das auch ein Erlebnis sein. Aber mit einem Verein etwas aufzubauen und zu sehen, wie etwas entsteht, ist nachhaltiger für eine Kulturszene und auch für mich selber. Es gibt immer wieder Projekte, in denen ich sehr professionell arbeiten kann. Im Herbst werde ich mit Berufsmusikern den «Klangkanton» aufführen, eine Art musikalische Geografiestunde. Und bei «Tri­event» kann ich auch professionell arbeiten.

Machen Sie es Dorfvereinen nicht schwer, wenn Sie mit Ihren Projekten die Latte derart hoch ansetzen?

Truniger: «Trievent» ist das Produkt vieler Vereine. Ohne die Vorarbeit, die dort geleistet wird, wäre das Projekt gar nicht möglich. «Trievent» muss sich abheben, sonst hätte eine so «grosse Kiste» gar keine Berechtigung.

«Trievent» ist sogar die «grösste Kiste» in Uri. Misst man sich gegenseitig?

Truniger: Ich strebe eher eine aktive Zusammenarbeit mit anderen Kulturschaffenden an, statt mich zu messen. Es war nie unser Ziel, das grösste Musikprojekt zu realisieren, sonst hätte ich Mahlers Schöpfungssinfonie auswählen müssen. Es hat sich einfach dazu entwickelt, weil wir all die verschiedenen Klangfarben zusammenbringen wollten.

Und deswegen müssen Sie nun vor 150 Musikern und Sängern stehen. Ist das nicht eine riesige Last?

Truniger: Ich würde viel lieber im Orchestergraben stehen und fürs Publikum unsichtbar sein. So etwas Grosses ist nach wie vor etwas Spezielles, das auch viele Gefahren birgt. Für mich zählen die Chancen aber mehr.

Keine weitere Chance haben Sie 2013 dem Kammerorchester Uri gegeben. Woran ist das gescheitert?

Truniger: Die Konstellation war schwierig. Es ist zwar schade, dass es das Kammerorchester nicht mehr gibt. Aber man sollte nicht an etwas festhalten, das so nicht mehr funktioniert. Ich hätte mir aber gewünscht, dass man eine Nachfolgeregelung gefunden hätte. Es braucht so ein Orchester in Uri.

Haben Sie noch unerfüllte Träume?

Truniger: Viele. Einmal die 5. Sinfonie von Beethoven dirigieren: Das würde ich sehr gerne machen – und das mit gleich viel Publikum wie «Trievent». Vielleicht packt mich der Grössenwahn, und wir spielen plötzlich Mahler (lacht).

Denken Sie schon daran, was nach «Trievent» kommt?

Truniger: Man spinnt immer neue Ideen. Vieles findet nie statt, aber zum Glück ergeben sich manchmal sogar Projekte, von denen man gar nicht gewusst hat, dass man sie machen will.