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ALTDORF: Integriert dank Design aus Gefängnis

Ein Unternehmer und ein straffällig gewordener Designer machen gemeinsam Sache. Sie stellen Taschen her – und leisten dadurch einen Beitrag zur Integration.
Florian Arnold
Bei der Arbeit: Im Nähatelier von der JLT Company fand Adnan Shekh Muktar aus Somalia eine Anstellung. Vor einem Jahr wurde das Unternehmen gegründet. (Bild Florian Arnold)

Bei der Arbeit: Im Nähatelier von der JLT Company fand Adnan Shekh Muktar aus Somalia eine Anstellung. Vor einem Jahr wurde das Unternehmen gegründet. (Bild Florian Arnold)

Florian Arnold

Es riecht nach Arbeit im Atelier an der Gurtenmundstrasse, nahe dem Bahnhof Altdorf. An der Fensterfront sind die Nähmaschinenstationen hintereinander aufgereiht. Auf dem Tisch liegen die bedruckten Einzelteile bereit zur Verarbeitung. Im Schaufenster sind die fertigen Produkte ausgestellt: trendige Umhängetaschen, Etuis und Necessaires. «Ich wollte immer arbeiten», sagt der junge Mann an der Nähmaschine. «Aber es ist schwierig, einen Job zu finden.»

Adnan Shekh Muktar muss als 21-Jähriger vor dem Krieg in seiner Heimat Somalia fliehen, wo er als Fischer tätig war. In der Schweiz schlägt er sich mit temporären Jobs in Küchen und einem Praktikum in einem von Flüchtlingen geführten Restaurant durch. Vor einem Jahr erhielt der mittlerweile 29-Jährige schliesslich die Gelegenheit, im Taschen-Atelier zu beginnen.

Notlage bringt Kreativität

JLT Company, so heisst das Unternehmen, das die Taschen herstellt. Entstanden ist die Firma aus «Jail-Art», Gefängnis-Kunst. Und dieser Name kommt nicht von ungefähr.

Dani Albisser, heutiger Creative Director des Ateliers, war straffällig geworden. Wofür er ins Gefängnis musste, sagt er nicht. «Mit einem Schlag verliert man alles materielle und begibt sich in die Isolation», so Albisser. Für den gelernten Grafik-Designer bedeutet die Gefangenschaft nicht nur Negatives. Im Beschäftigungsprogramm im Gefängnis Stans wird seine Kreativität angeregt, und er beginnt die ersten Taschen herzustellen. Seine Produkte finden Anklang. In seinem Atelier, das er innerhalb der Gefängnismauern einrichtet, produziert er 6500 Einzelstücke.

Nach der Entlassung steht Albisser wieder vor einer neuen Herausforderung. Über den Kontakt zu einem Sozialarbeiter gelangt er in den Kanton Uri und lernt Franz Huber kennen. Ohne genau zu wissen, was Albisser herstellt, überlässt dieser ihm einen Bastelraum in Schattdorf. «Erst nach ein paar Monaten habe ich das erste Mal vorbeigeschaut», erinnert sich Huber. Bald ist klar, dass man gemeinsam ein grösseres, professionelles Projekt realisieren will – und erst noch eines, das der Integration dienen soll. Vor einem Jahr wurde das entsprechende Unternehmen gegründet.

«Das Ziel ist es, dass sich das Projekt längerfristig selber finanziert», sagt Huber. Zurzeit wird das Unternehmen noch von der gemeinnützigen Organisation Association Equilibre getragen. Deren Ziel ist es, Integrationsprojekte in der Schweiz zu unterstützen sowie in Afrika Entwicklungsprojekte zu verwirklichen. Dem Beirat der Vereinigung gehören unter anderem alt Bundesrätin Ruth Dreifuss und die ehemalige Bundeskanzlerin Annemarie Huber-Hotz an. Vom Bund erhält das Unternehmen jedoch kein Geld, Kanton und Gemeinden haben sich aber daran beteiligt. Sollten die in Uri produzierten Taschen einst Gewinn abwerfen, sollen andere Projekte damit ermöglicht werden.

Vom Unternehmer zum Coach

Eigentlich wollte Franz Huber Psychologie studieren. Doch sein Vater schickt ihn in eine KV-Lehre. Später übernimmt er die Heizöl- und Tankstellenfirma Hubrol in Altdorf und führt diese viele Jahre. «Mit 55 Jahren habe ich mich entschieden, zwar weit über meine Pensionierung hinaus zu arbeiten, aber nur noch das zu tun, was mir wirklich Spass macht.» Seine Geschäftstätigkeit bei der Treibstofffirma gibt er auf. Stattdessen macht er eine Ausbildung zum «systemischen Coach» an einem Institut in München. «Das hat meine Haltung verändert. Statt dass ich überall Probleme sehe, versuche ich mich auf Lösungen zu fokussieren.»

Sein neues Wissen bietet Huber auch dem Schweizerischen Roten Kreuz an. Dort hilft er unter anderem, anerkannte Flüchtlinge in die Arbeitswelt zu vermitteln. «Die Angst vor dem Fremden ist gegenseitig», weiss er aus Erfahrung. Nicht viele Arbeitgeber seien bereit, jemandem einen Job anzubieten, der noch nicht gut Deutsch spreche. Auf der anderen Seite seien die Flüchtlinge, die oftmals traumatisiert sind und Mühe haben, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. «Ohne Beschäftigung dreht man durch», sagt Huber. «Das kann entweder in Depression oder in Aggression enden.»

Sprache und Kultur vermittelt

Die Sprache ist das Tor zur Integration. Deshalb hat das Deutschlernen grossen Stellenwert im Projekt. Jeweils am Mittwoch stellt die Belegschaft die Nähmaschinen ab, lernt dafür aber intensiv Deutsch. Mittags wird zusammen gekocht, einzige gemeinsame Sprache aller Anwesenden ist Deutsch. «Unsere Mitarbeiter lernen vieles über die kulturellen Besonderheiten», sagt Huber. Das fange bei kleinen Dingen an. «Für einige war es neu, dass man sich auf die WC-Brille setzt und nicht mit den Füssen daraufsteht.» Die beiden Initianten sind stolz auf ihr Projekt. «Ich habe noch niemanden getroffen, der das Projekt nicht gut findet», sagt Dani Albisser. «Manchmal ist man fast peinlich berührt von den Komplimenten, die man erhält.» Auch würde er sich über die Kundschaft wundern: «Es kaufen Leute unsere Taschen, von denen ich das nicht erwartet hätte.»

Adnan Shekh Muktar lächelt. Offenbar hat er im Taschen-Atelier seine Erfüllung gefunden – und fühlt sich fast schon etwas daheim in der Schweiz. Er erinnert sich genau: Als er seinen ersten Lohn erhält, lässt er sich das Geld bar auszahlen. In Begleitung einer Mitarbeiterin geht er damit zur Bank. «Ich hatte davor immer Angst, dort hineinzugehen, weil ich dachte, dass ich gleich verhaftet werde.» Und nun besitzt Adnan Shekh Muktar – wie jeder Schweizer – ein eigenes Konto.

Hinweis

Infos unter: www.jltbag.com

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