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ALTDORF: Klosterarbeiten: Künstlerin Trudi Ziegler-Baumann bewahrt ein altes Handwerk vor dem Vergessen

Die Künstlerin Trudi Ziegler-Baumann zeigt im Historischen Museum ihre äusserst filigranen Kunstgegenstände. Das Wissen der Flüelerin über die Klosterarbeiten ist mittlerweile im ganzen Alpenraum bekannt.
Walter Bär-Vetsch
Die Flüeler Künstlerin Trudi Ziegler-Baumann in ihrem Arbeitsreich. (Bild: Christof Hirtler)

Die Flüeler Künstlerin Trudi Ziegler-Baumann in ihrem Arbeitsreich. (Bild: Christof Hirtler)

Walter Bär-Vetsch

redaktion@urnerzeitung.ch

Klosterarbeiten sind religiöse Kunsthandwerke mit einer langen Geschichte. Die geistigen Wurzeln der «Schönen Arbeiten», wie die Klosterarbeiten in alten Schriftstücken auch genannt werden, sind vielfältig. Sie wurden damals mit viel Fleiss und handwerklichem Geschick fast ausschliesslich in Klöstern angefertigt, aber nicht nur von kontemplativen Frauenorden, sondern auch von Männerkonventen, vor allem den Jesuiten. Bis heute haben sich kaum Aufzeichnungen und Anleitungen zur Herstellung von «Schönen Arbeiten» gefunden. Jedes Kloster hatte seine speziellen Verfahren, die nur mündlich weitergegeben wurden. Die Schöpfer der Kunstgegenstände blieben meist anonym. Klosterarbeiten sind seit mehreren hundert Jahren wesentlicher Bestandteil religiösen Brauchtums.

Der Wunsch, Reliquien mit Golddraht zu umwickeln, sie mit kostbar gefassten Glas- oder Edelsteinen zu verzieren, sie in einen Rahmen oder ein Gehäuse einzubetten, entstand im Barock. In stundenlanger Arbeit, oft von Gebeten begleitet, fertigten die Nonnen die kunstvollen Gegenstände an. Klosterarbeiten dienten der Ausstattung der Altäre, wurden als Andachtsbilder aufgestellt, waren Zellenschmuck in den Klöstern, wurden verschenkt und als Wallfahrtsandenken gehandelt. Klosterarbeiten wurden aber nicht nur verkauft, sondern auch unter verschiedenen Klöstern gehandelt. Dadurch kam es zwischen den Klöstern zu einem Austausch von gestalterischen und technischen Ideen. Diese religiöse Kunstform erreichte im 17. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Die Säkularisation brachte um 1803 dann einen grossen Einbruch. Klöster wurden aufgelöst, wertvolle Aufzeichnungen und Unterlagen über diese religiösen Kunstgegenstände verbrannt, Perlen und Steine aus den Arbeiten herausgelöst, Gold- und Silberdrähte eingeschmolzen. Priester und Nonnen brachten aber Arbeiten in Sicherheit. So sind trotz Säkularisation Arbeiten erhalten geblieben. Antiquitäten- und Flohmärkte waren später Fundstellen dafür. Ende des 18. und im frühen 19. Jahrhundert blühte das Kunsthandwerk nochmals auf, vornehmlich in Frauenklöstern. Später wurden diese Arbeiten wegen ihrer grossen Beliebtheit und steigender Nachfrage von Wachspossierern zünftisch organisiert. Diese Arbeiten waren für das einfache Volk unerschwinglich. Deshalb entwickelten sich nebenher im familiären Hausgewerbe von religiösen Laien hergestellte Darstellungen. Sie fanden als Hausiererware zu erschwinglichen Preisen in mancher Stube im Herrgottswinkel ihren Platz.

Auch im Frauenkloster in Seedorf fast verloren

Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) nahm das Verständnis für Klosterarbeiten in den meisten Klöstern stark ab. Bisweilen schämte sich die Generation nach dem Konzil für die «kindliche» religiöse Haltung früherer Klostergenerationen. Bald fertigten deshalb nur noch ältere Schwestern Klosterarbeiten an. Auch im Frauenkloster St. Lazarus in Seedorf ging die Kunst der Klosterarbeiten beinahe verloren. Nur noch eine Schwester, damals weit über achtzig Jahre alt, kannte ein paar wenige Techniken dieses Kunsthandwerks, das früher auch in Seedorf eifrig gepflegt worden war. Darum beschloss die damalige Äbtissin, die jüngste Ordensschwester das Kunsthandwerk der Klosterarbeiten lernen zu lassen, damit sie es dereinst weitergeben könne.

Schwester Benedikta fuhr nicht in ein anderes Kloster, um sich die Handwerkskunst anzueignen, sondern zu ­Trudi Ziegler-Baumann nach Flüelen. Diese widmet sich schon seit mehr als zwanzig Jahren den Klosterarbeiten. Als sie begann, sich mit damit zu beschäftigen, musste sie sich daher vieles selber erarbeiten. Heute lässt sich im Internet viel über die «Schönen Arbeiten» finden. Aber das war damals noch kein Thema. Trudi Ziegler besuchte darum Klöster im In- und Ausland und studierte die ­Werke bis ins letzte Detail. Und sie liess nicht locker. «Seit dem Moment, als ich das erste Mal eine solche Arbeit in den Händen hielt, wusste ich: Das will ich machen. Das ist mein Ding!», so Trudi Ziegler. Sie will alles bis ins kleinste Detail kennen lernen und damit das alte Handwerk vor dem Vergessen bewahren. Denn heute gibt es auch in den Klöstern nur noch wenige Nonnen, die diese Kunst beherrschen. Schriftliche Unterlagen über Klosterarbeiten gibt es kaum.

Die Luft im Kuhstall lässt Kupferfolie älter aussehen

Trudi Zieglers Begeisterung für ihr Hobby ist deutlich spürbar. «Klosterarbeiten vereinen so viele verschiedene Materialien und Techniken: Wachs giessen, Ton modellieren, Stoffe vernähen, Perlen aufsticken, Draht flechten, Papier falten oder Metall stanzen – es ist alles bis ins kleinste Detail Gedulds- und Handarbeit.» Manchmal brauchte sie Monate, sogar Jahre, bis sie etwas ausgetüftelt hatte, an ein bestimmtes Material kam oder jemanden fand, der ihr weiterhelfen konnte. Mittlerweise ist Trudi Zieglers Wissen im ganzen Alpenraum bekannt. Regelmässig trifft sie sich mit einer Gruppe von gleichgesinnten ­Frauen – darunter ist sogar eine Frau, die jedes Mal aus Japan einfliegt. Man tauscht sich aus und erarbeitet gemeinsam neue Techniken. Immer wieder wird sie angefragt, Klosterarbeiten zu restaurieren, von Klöstern und Leuten, die Stücke im Nachlass von Verwandten finden. Bei Restaurationen kommt ihr zugute, dass sie sowieso stets versucht, ihre Arbeiten so wirken zu lassen, als wären sie schon vor vielen Jahren angefertigt worden. Dar­um stellt sie die Kupferfolie, die sie zum Stanzen von Metallblumen braucht, jeweils ein paar Tage in einen Kuhstall. Das Ammoniak in der Luft verleiht dem Kupfer sofort Patina. Und für die Kleidchen ihrer Jesuskinder verwendet sie alte liturgische Gewänder. «Sehe ich irgendwo eine Kiste mit altem Ramsch herumstehen, schlägt mein Herz sofort höher», erzählt sie lachend. Vieles bekomme sie aber auch geschenkt: «Die Leute sagen jeweils zu mir: Dü machsch doch so eppis Fromms!» Als fromm würde sie sich aber nicht bezeichnen. «Gläubig schon. Aber mich fasziniert vor allem die Technik. Was man alles aus einem Stück Draht oder einem Papierstreifen machen kann, ist einfach unglaublich.»

Neben der traditionellen Posamentenstickerei (Stickerei auf textilen Waren wie etwa Messgewändern) und dem kostbaren Schmücken von Andachtsbildern verstand man unter dem Begriff Klosterarbeit die Vereinigung von verschiedenen Objekten unter reichhaltiger Verziehung, vielfach in einem Kastenrahmen. Heiligen- und Andachtsbilder, vollplastische Wachsbossierungen oder Reliquien waren dabei häufige Elemente, oft umgeben von Flechtarbeiten. Im Normalfall stand ein religiöses Thema im Mittelpunkt, so Heiligenbilder, Jesus- und Mariendarstellungen, Nachbildungen eines Kreuznagels. Zum andern waren es nach altem Brauch ausgeschmückte Schächtelchen und Schatullen, sogenannte Eingerichte, reich verzierte Christkindlein-Schreine oder Weihnachts- und Ostereier.

Wachs stand oftmals im Zentrum

Klosterarbeiten umfassten Werke aus Gold- und Silberdraht, aus Textilien, Wachs und Papier, unter Verwendung von bunten Glassteinen, Perlen, Pailletten, Glimmer, Spiegelglas und getrockneten Pflanzen. Die angewandten Techniken waren vor allem Nähen, Sticken, Stechen, Schneiden, Kleben, Kaschieren, Drapieren, Malen, Stanzen, Modeln und Giessen. Für die meisten Klosterarbeiten wurden verschiedene Tech­niken und Materialien einbezogen. Die Arbeiten entstanden mit einfachen technischen Mitteln unter grossem Aufwand von Geduld und Zeit.

Das zentrale Objekt war oftmals aus Wachs, häufig ein Jesulein, eine Madonna, eine Christusfigur oder eine Heiligendarstellung, wobei entweder der ganze Körper oder zumindest das Gesicht und die Gliedmassen aus Wachs geformt waren. Formen von Klosterarbeiten waren beispielsweise die Anna-Hand als Schutzmittel für gebärende Frauen und kranke Mütter, die Nepomukszunge zum Schutz vor übler Nachrede, ein Agnus Dei gegen alles Böse, ein Christ- oder Fatschenkind, den Nonnen als Seelentrösterlein für den Verzicht auf ihre Mutterschaft, ein Oster- oder Weihnachtsei als Symbol des Lebens, ein Brevel als Talisman und Heilmittel gegen bösen Einfluss, Dämonen und Besessenheit, Pest, Feuer oder Ungewitter oder ein Haussegen zum häuslichen Schutz gegen alles Böse.

Hinweis

Die Klosterarbeiten von Trudi Ziegler-Baumann werden vom 29. November 2017 bis am 7. Januar 2018 im Historischen Museum Uri in Altdorf gezeigt. Die Ausstellung ist jeweils am Mittwoch, Samstag und Sonntag von 13 bis 17 Uhr geöffnet (auch am 25. und 26. Dezember sowie am 1. Januar). Für Gruppen sind auf Anfrage (Telefon 041 870 19 06) auch Besichtigungen ausserhalb dieser Öffnungszeiten möglich. Die Ausstellung kann auch – mit oder ohne Führung – für einen Familien- oder Firmenapéro in einem festlichen Rahmen gewählt werden (Auskunft gibt Familie Arnold, Telefon 041 870 19 06).

Das Jesulein dient als Andachtsbild.

Das Jesulein dient als Andachtsbild.

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