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ALTDORF: Kollegi-Theater: Die Welt, in der wir leben

Am 23. März wird das Stück «Das Geräusch von sich auflösendem Zucker» uraufgeführt. Die Schüler des Kollegitheaters zeigen, was sie unter «Heimat» verstehen – ohne aber den Begriff je in den Mund zu nehmen.
Barbara Villiger Heilig*
Die Schauspielerinnen besprechen sich mit Spielleiter Matteo Schenardi. (Bild: Barbara Fässler)

Die Schauspielerinnen besprechen sich mit Spielleiter Matteo Schenardi. (Bild: Barbara Fässler)

Barbara Villiger Heilig*

redaktion@urnerzeitung.ch

Mittwoch, 15.30 Uhr: Der Prüfungssaal des Kollegis darf ausnahmsweise seine gefürchtete Rolle gegen eine beliebtere tauschen. Wo Schüler sonst über kniffligen Aufgaben brüten, wird jetzt geturnt, gelacht und laut gedacht. Der Freifachkurs Theater erarbeitet hier mit seinem Spielleiter Matteo Schenardi vom Spätsommer an jeweils die Produktion, welche nach überstandenem Winter im Theater Uri zur Pre­miere kommt. Heuer soll es am 23. März so weit sein.

Einen knappen Monat davor bleibt noch einiges zu tun, nicht nur, weil Kostüme und Bühnenausstattung bisher fehlen. Doch vieles ist schon da. Zuallererst, quasi greifbar, die Motivation. Bei meinem Probenbesuch Ende Februar erlebe ich eine Gruppe junger Menschen, die konzentriert ihr Projekt vorwärtsbringen. Nach den Basistrainings der vergangenen Wochen nimmt es nun szenische Gestalt an. Ein bewegender Moment: Funktioniert das, was sie im Sinn haben? Ja, tut es. Unter Schenardis behutsamer Regie – Inputs, die sukzessive ausprobiert, umgesetzt, weiterentwickelt werden – füllt sich der kahle Raum mit zwischenmenschlicher Dynamik. Ist sie gespielt oder echt?

Für die einen ist es der Käse, für andere der Busfahrplan

«Das Geräusch von sich auflösendem Zucker» lautet der Titel, «Eine Stunde zuhause» der Untertitel. Worum geht es? Um nicht weniger als den Begriff «Heimat» – den sie allerdings, sagt Schenardi, «umschiffen» wollen. Das Wort fällt nicht in dem Stück, sondern wird abgeklopft auf seine möglichen Inhalte. «Wo, wann, weshalb fühlen wir uns daheim?» Die Antworten fallen für jeden anders aus. Auf der Rück­seite des frisch gedruckten Plakats sind einige aufgelistet: «Det wo n äs fäinä Chääs git», «Wenn mä dr Busfaarplan uswändig cha», «Dr Feen närft mich mängisch». Es kann auch ein Löffel sein, der beim Umrühren des Zuckers die Kaffeetasse zum Klingen bringt. Töne, Gerüche, Empfindungen, Gewohnheiten – Alltägliches, das wir bewusst kaum wahrnehmen, ist unser Zuhause. Doch wie bringt man so etwas auf die Bühne?

Unterdessen wurden die Tische nach hinten geschoben, um Platz zu schaffen für die Aufwärmübungen. Strecken, dehnen, atmen, Kraft sammeln, den Körper aktivieren bis hin zu den Fingerspitzen. Dann folgt Organisatorisches. Wer hängt wo Plakate auf? Wie sieht es mit dem weiteren Probenplan aus, der sich zur Premiere hin stark intensiviert? Die Abläufe kennt ein Teil des Ensembles schon. Doch seine personelle Zusammensetzung ändert sich von Jahr zu Jahr – die Matura produziert Abgänge. Dass drei Ehemalige plötzlich als Zuschauer in der Probe auftauchen, sagt einiges über die Beliebtheit des Theaterkurses aus. Und dass sie ständig lachen, ist ebenfalls kein Zufall. Denn die kurzen Szenen, die nun ganz konkret zur Sprache kommen, haben’s in sich. In den «Kladden» – so heissen die zwischen schwarze Buchdeckel geklemmten Zettelsammlungen – gibt es eine Rubrik mit Dialog­texten. Sie sind das Resultat individueller Doku-Recherchen im wahren Leben. Die Truppenmitglieder beobachteten ganz normale Leute, im Bus, im Café, im Supermarkt, und zeichneten ihre Beobachtungen auf. Einerseits, was gesagt wurde, anderseits das Ungesagte: Gesten, Minen, Haltungen.

Herausgekommen sind umwerfende Reality-Miniaturen. Keine Well-made-play-Pointenschleudern, sondern zerfaserte, pausendurchsetzte, assoziationsgesteuerte Gesprächsfragmente im Dialekt, deren irrational anmutender Verlauf aber einer perfekten Logik entspricht.

Sie lässt sich leicht nachvollziehen dank der Situationsbeschreibungen, die als – auf Hochdeutsch gesprochene – Regieanweisungen mitgeliefert werden. So kann es sein, dass beim Warten auf die Pizza jemand gedankenverloren vom Vegi-Döner in Istanbul erzählt, andere einen Kollegen aufs Korn nehmen und schliesslich alle bei der suboptimalen Sortenmischung der «Celebrations»-Schokopackungen landen. Banalitäten, möchte man meinen. Aber solche Hier-und-Jetzt-Bestandsaufnahmen entwickeln sich zu Dramoletten, die – ohne je in platten Nonsense zu kippen – den surrealen Gehalt der Wirklichkeit feiern. Der Welt, in der wir leben und uns zu Hause fühlen.

Hinweis

Der Vorverkauf des Kollegitheaters startet am 12. März bei www.theater-uri.ch sowie www.ticketino.ch. *Die Autorin dieses Textes schrieb 25 Jahre lang Theaterkritiken für die NZZ. Heute ist sie in einem Teilpensum an der Kantonalen Mittelschule Uri als Lehrerin angestellt.

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