ALTDORF: Künstler bläst ins Treppengeländer

Andreas Wegmann befasst sich seit Jahren mit Klängen und Geräuschen. Nun hat er den Handlauf im Haus für Kunst Uri in ein Instrument verwandelt.

Drucken
Teilen
Andreas Wegmann hat aus dem Treppengeländer im Haus für Kunst Uri eine Klangskulptur gemacht. (Bild: PD / F. X. Brun)

Andreas Wegmann hat aus dem Treppengeländer im Haus für Kunst Uri eine Klangskulptur gemacht. (Bild: PD / F. X. Brun)

Markus Zwyssig

Ein sonderbares Quietschen und Brummen ist zu hören. Andreas Wegmann bläst in seine Klangskulptur, die er für die neue Ausstellung im Haus für Kunst Uri geschaffen hat. Der 63-jährige Urner Künstler nutzt dazu den Handlauf, der in den ersten Stock führt, auf ungewohnte Art und Weise.

Geländer, die uns Halt geben beim Hoch- und Hinuntersteigen, sind für uns eine Selbstverständlichkeit. Wegmann hat den Handlauf umgestaltet. Das untere Ende des Geländers hat er verlängert und ein umgebautes Mundstück einer Kontrabassklarinette angeschlossen. Am oberen Ende hat er einen Schalltrichter eingesetzt. «Es sind mehr Geräusche und Klänge als musikalische Töne, die ich meinem Instrument entlocke», sagt der Künstler. Am 30. April wird das Treppengeländer zum Klanginstrument, das zusammen mit Saxofon und Gitarre im Konzert des MaMaRe-Trios zu hören sein wird (siehe Hinweis).

Neue Hörerlebnisse

Wegmann spielt mit der Mehr- und Doppeldeutigkeit von Gegenständen, die wir tagtäglich brauchen. Er forscht in seiner künstlerischen Arbeit seit Jahren nach Klängen und Geräuschen, die sich auf ungewohnte Art und Weise erzeugen lassen und neue Hörerlebnisse ermöglichen. Dabei geht er von den persönlichen musikalischen Erfahrungen mit Klarinette und Alphorn aus. «Wird eine Luftsäule zum Schwingen gebracht, entstehen Klänge», sagt Wegmann. «Je länger die Luftsäule ist, umso tiefer wird der Grundton.» Mit etwas Übung kann er von einem Grundton aus, wie beim Alphorn, die verschiedenen Obertöne einzeln anspielen. Dabei entstehen fremd anmutende Naturtonreihen.

Eingeklappt führt im Parterre die Verlängerung des Handlaufs senkrecht an der Wand hoch. Das Mundstück ragt auf etwa zwei Metern Höhe rund 30 Zentimeter in den Raum hinaus. Das sieht fast aus wie ein Schlangenkopf oder eine eigenartige Dekoration. Zum Spielen wird das Rohr mit dem Mundstück ausgeklappt. Um die sehr tiefen Schwingungen im zwölf Meter langen Handlauf hörbar zu machen, werden sie mit Mikrofonen in der Röhre abgenommen, mit Delay und Loop elektronisch bearbeitet und über eine Verstärkeranlage und spezielle Tiefenboxen abgespielt. Wegmanns Röhre wird zum Bestandteil des MaMaRe-Trios für experimentelle Musik und freie Improvisation. Der Künstler spielt neben seiner Klangskulptur auf Kontrabassklarinette und Langhorn. Zum Trio gehören Tenorsaxofonist Matthias Dillier und Martin Schlanstein (Gitarre, Bassukulele, Stimme, Elektronik).

Poetisch und kraftvoll

Eine Carte blanche im Haus für Kunst hat die Urner Künstlerin Heidi Arnold erhalten. Sie hat zwei alte friesische Segel ausgebreitet. Die Arbeit Zeeniveau (Meeresspiegel) bringe ein Stück Natur und Meeresluft in den Ausstellungsraum, sagt Kuratorin Barbara Zürcher. Die Segel sind an der Wand mit Karabinerhacken befestigt. «Diese schaffen einen Bezug nicht nur zum Meer, sondern auch zu den Bergen», erklärt Zürcher. Nicht nur die Kraft und die Gewalt des Wassers, sondern auch des Winds oder der Berge würden dadurch spürbar.

Werke im nationalen Kontext

Die beiden zeitgenössischen Positionen von Wegmann und Arnold schaffen in der laufenden Ausstellung Bezüge zur Gegenwart. Die anderen Kunstwerke im Haus für Kunst Uri stammen von Heinrich Danioth (1896–1953) und seinen berühmten Weggefährten. «Danioth soll aus den heimatlichen Grenzen hinaustreten und in einem grösseren Kontext zu sehen sein», sagt Zürcher. Der Künstler habe sich nie als Heimatmaler verstanden, doch hafte an ihm bis heute dieses Etikett. Mit der Ausstellung will Zürcher den Versuch wagen, Danioths Werke in einen nationalen Kontext zu stellen und mit Arbeiten berühmter Künstler wie Cuno Amiet, Giovanni Giacometti, Ferdinand Hodler, Ernst Ludwig Kirchner, Emil Nolde und Varlin zu vergleichen.

Hinweis

Das Konzert des MaMaRe-Trios (Andreas Wegmann, Matthias Dillier und Martin Schlanstein) findet am Donnerstag, 30. April, um 20 Uhr im Haus für Kunst Uri in Altdorf statt. Der Eintritt ist frei.

Heidi Arnold zeigt eine Arbeit mit friesischen Segeln. (Bild: F. X. Brun)

Heidi Arnold zeigt eine Arbeit mit friesischen Segeln. (Bild: F. X. Brun)