ALTDORF: Mausklicks trüben Romantik

Die Arbeit des Kinooperateurs hat sich gewandelt. Patrick Dal Farra hat aber trotz modernster Technik im Kino auch heute noch alle Hände voll zu tun.

Markus Zwyssig
Drucken
Teilen
Ein Tag als Kinooperateur. Redaktor Markus Zwyssig schnuppert im Cinema Leuzinger in Altdorf bei Patrick Dalfarra. So wurden früher 35-mm-Filmrollen in der Kabine eingespannt. (Bild: Florian Arnold / Neue UZ)

Ein Tag als Kinooperateur. Redaktor Markus Zwyssig schnuppert im Cinema Leuzinger in Altdorf bei Patrick Dalfarra. So wurden früher 35-mm-Filmrollen in der Kabine eingespannt. (Bild: Florian Arnold / Neue UZ)

Bei meinem ersten Besuch im Cinema Leuzinger bekam ich es mit der Angst zu tun. Ein derart hautnahes Erlebnis hatte ich in einem «Winnetou»-Film nicht erwartet. Im voll besetzten Kino sass ich als Kind in der zweitvordersten Reihe. Gleich zu Beginn donnerte ein Zug über die Leinwand. Das Gefährt wurde in Sekundenschnelle derart gross, dass ich befürchtete, der Zug würde mich überrollen. Dieser Schrecken hielt mich aber nicht davon ab, erneut ins Kino zu gehen. Die Besuche wurden sogar zur grossen Leidenschaft. Mit Geheimagent James Bond habe ich mitgefiebert, bis er die Bösewichte besiegt hatte. Ich war beeindruckt, wie gut Luke Skywalker mit dem Lichtschwert kämpfen konnte. Zum Fürchten war Jack Nicholson im Horrorfilm «Shining». Der Weisse Hai, King Kong, Dinosaurier und Gozilla: Die Kinomonster erschienen auf der grossen Kinoleinwand noch bedrohlicher.

Viel Arbeit für Filmvergnügen

All das kommt mir in den Sinn auf dem Weg ins Kino. Ich darf Operateur und Betriebsleiter Patrick Dal Farra bei der Arbeit über die Schulter blicken. Heute geht es aber nicht um Monster oder Bösewichte. Ich kann mich auch nicht gemütlich in den Kinosessel fallen lassen. Vielmehr erfahre ich, dass ein Kinooperateur einige Zeit auf den Beinen ist, um dem Publikum ein Kinovergnügen zu ermöglichen. Schon eine Stunde vor Filmbeginn macht sich Patrick Dal Farra an die Arbeit. Gemeinsam laufen wir die Treppe in den ersten Stock hoch. Er öffnet die Tür zur sogenannten Kabine, dem Herzstück des Kinos. Hier stehen grosse Projektionsmaschinen. Mittlerweile hat moderne Technik die Handarbeit abgelöst. «Ein neuer Film wird auf einer Harddisk angeliefert », sagt Patrick Dal Farra. «Ein Code kommt mit separater Post.» Dadurch wird es erst möglich, den Film zu zeigen, und zwar für eine genau vorgegebene Zeit. Ist das Datum des Codes abgelaufen, kann der Film nicht mehr vorgeführt werden.

Der Operateur hat bereits alles vorbereitet. Nur noch ein Mausklick auf dem Computer, und die Kinovorführung beginnt. «Wenn der Film einmal gestartet ist, läuft er zu Ende – selbst dann, wenn der Computer abstürzt», erklärt der Profi. Heute läuft alles auf Knopfdruck. Ein bisschen aber trauert er den alten Zeiten schon nach. «Das war noch richtige Handarbeit für den Operateur», sagt er. «Heute ist diese verloren gegangen. » Die Projektionsmaschine für die grossen Filmrollen steht zwar noch in der Kabine. Gebraucht wird sie aber nur noch selten. Für mich bringt Patrick Dal Farra die Apparatur nochmals in Gang. Früher bestand ein Film aus sechs bis zehn Rollen. Die einzelnen Rollen enthielten knapp 20 Minuten Film, mussten von Hand zusammengeklebt und auf eine grosse Rolle aufgespult werden. Patrick Dal Farra zeigt mir, wie es geht. Er steckt die grossen Rollen auf die Maschine. Mit ein paar geschickten Handgriffen fädelt er den Film ein. Mir geht beim Versuch, den Film startklar zu machen, die Arbeit weit weniger leicht von der Hand.

Film lief rückwärts

«Die Tonspur muss gegen den Operateur schauen», sagt er. Klebt man die Rollen falsch zusammen, kommt kein Ton. «Ist dir das auch schon passiert?», frage ich. «Viel schlimmer», antwortet Patrick Dal Farra. «Einmal habe ich die Rollen verkehrt zusammengeklebt. Der Film lief rückwärts.» Im Kino war ungewollt früher Pause als sonst. Und der Operateur hatte alle Hände voll zu tun, bis er die Rollen zurückgespult und schliesslich richtig zusammengeklebt hatte. Ins Schwitzen kommt der Operateur auch, wenn die Lampe in der Projektionsmaschine ihren Geist aufgibt. Die richtige Übung für den Praktikanten: Ich versuche, die 6000-Watt-Lampe auszuwechseln. Dazu ziehe ich Handschuhe an, denn die Apparatur ist sehr heiss. Und für den Fall, dass das Glas zerspringt, trage ich einen Gesichtsschutz. Eine heikle Angelegenheit: Zum Glück hält die Lampe 600 Betriebsstunden. Dal Farra ist ein Routinier. Bereits seit 28 Jahren arbeitet er im Kino. Zuerst war er Platzanweiser. Irgendwann wurde ein Operateur gesucht. Dal Farra sprang ein und wurde vollends vom Kinofieber gepackt. Heute leitet er das Cinema Leuzinger in Altdorf zusammen mit Dragana Furrer.

Taschen werden kontrolliert

Inzwischen ist auch Simon Nietlisbach gekommen. Er ist Platzanweiser. Bei den Nachmittagsvorstellungen hat es nur wenige Leute. Viele der fast 300 Plätze im Kino bleiben leer. Die Besucher können frei wählen, wo sie sitzen wollen. Nietlisbach hat nicht sonderlich viel zu tun. Anders sieht es aus, wenn das Kino gut besetzt ist. Dann muss sich der Platzanweiser beeilen, damit das Kino vor der nächsten Vorstellung wieder sauber ist. Denn auch das Aufräumen gehört zur Aufgabe eines Platzanweisers. «Jeder Besucher hat Anrecht auf einen sauberen Sitzplatz», sagt Nietlisbach. Zudem muss der Platzanweiser auch die Taschen der Besucher kontrollieren. Getränke und Esswaren dürfen nicht von zu Hause ins Kino mitgenommen werden. Macht es jemand trotzdem, werden die Sachen beschlagnahmt. Wer Hunger oder Durst hat, kann sich am Kiosk im Kinofoyer eindecken.

Popcorn bleibt Tabu

Am Kiosk gibt es Mineralwasser, Rivella, Cola, Eistee, Bier und Wein. Verkauft werden auch Schokolade und Glacen. Nur eines fehlt: Popcorn. Und das soll auch so bleiben. «Frisch gemachtes Popcorn hat einen intensiven Geschmack, den nicht alle mögen», sagt Simon Nietlisbach. Zudem wäre dadurch die Unordnung im Kinosaal programmiert. «Daher müssen wir wohl oder übel auf Popcorn verzichten, auch wenn wir immer wieder von Kinobesuchern darauf angesprochen werden.»

War der Operateur früher während der Filmvorführung die ganze Zeit in der Kabine und schaute, dass der Film richtig lief, hilft er heute auch am Kiosk mit. Er kann von seinem Laptop aus praktisch die gesamte Filmvorführung im Saal steuern. Alles ist programmiert: Wann der Gong erklingt, wann das Saallicht ausgeht, welche Trailer laufen, wann die Werbung erscheint. Im Computerprogramm installiert ist auch, wann Pause ist und wann das Licht im Saal wieder angeht.

Neue Trailer aus dem Internet

Langweilig wird es Patrick Dal Farra nicht. Wenn der Film läuft, hat er Zeit für weitere Arbeiten. So sucht er im kleinen Büroraum beim Kiosk auf einer speziellen Kinoseite im Internet Trailer neuer Filme. Weil es Dateien mit mehreren Gigabytes Grösse sind, dauert es seine Zeit, bis sie auf die Festplatte heruntergeladen sind. Filme schauen kann Patrick Dal Farra während der Arbeit im Kino aber nicht. «Das mache ich in der Freizeit», sagt er.