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ALTDORF: «Missionieren nicht im Café»

Mitglieder einer Freikirche betreiben ein neues Café. Ihr Altdorfer ­Pfarrer Mauerhofer hat klare Vorstellungen vom Glauben: «Jesu Botschaft ist radikal.»
Interview Anian Heierli
Im «griänä Hüüs» in Altdorf führen Mitglieder der evangelischen Freikirche ein Café. (Bild Anian Heierli)

Im «griänä Hüüs» in Altdorf führen Mitglieder der evangelischen Freikirche ein Café. (Bild Anian Heierli)

Die evangelisch-reformierte und die katholische Kirche haben in den vergangenen Jahrzehnten viele Mitglieder verloren: 1970 waren laut Bundesamt für Statistik 95 Prozent der Schweizer Bevölkerung entweder reformiert oder katholisch. 2013 gehörten nur noch 64 Prozent einer der beiden grossen Landeskirchen an. Dagegen befinden sich die Freikirchen auf dem Vormarsch: Eine Studie der Uni Lausanne schätzt, dass seit 1970 die Anzahl Freikirchlicher in der Schweiz von 37 000 auf 250 000 gestiegen ist. Heute werden die Freikirchen in der Bevölkerung zunehmend stärker wahrgenommen.

Im November eröffnete die freie evangelische Gemeinde «Chilä im griänä Hüüs» an der Gotthardstrasse in Altdorf einen Neubau mit öffentlichem Café, Garten, Kirchenraum und Spielmöglichkeiten für Kinder. Mehrere Leser unserer Zeitung haben sich kritisch an die Redaktion gewandt. Theologe Thomas Mauerhofer, Pfarrer der «Chilä im ­griänä Hüüs», erklärt nun, wie die Urner Freikirchler ihren Glauben leben und wozu der Neubau dient.

Thomas Mauerhofer, weshalb haben gerade Freikirchen Zuwachs?

Thomas Mauerhofer:Dort, wo der Fokus auf Jesus Christus gerichtet ist und seinem Wirken Raum gelassen wird, werden Menschen verändert und berührt. Ich denke, dass dadurch Leute angesprochen werden. Das kann aber auch bei einer Volkskirche der Fall sein. Man muss relativieren: Innerhalb der Freikirchen gibt es verschiedene Verbände. Einige sind am Wachsen, andere am Schrumpfen.

Viele Mitglieder der grossen Volkskirchen existieren vor allem auf dem Papier und besuchen den Gottesdienst selten bis gar nicht. Dagegen sind Freikirchler häufig engagierter. Wie erklären Sie sich das?

Mauerhofer:Wenn jemand einer Freikirche beitritt, entscheidet er sich bewusst dafür. Dadurch ist die Chance grösser, dass sich die Person später aktiv einbringt. Andererseits haben sich die meisten Mitglieder der reformierten oder katholischen Kirche nicht bewusst für ihren Glauben entschieden, sondern sind darin aufgewachsen und bleiben ein Teil davon – ausser jemand entscheidet sich dagegen und tritt aus.

Dann wird man also nicht in die Freikirche hineingeboren?

Mauerhofer: Nein, auf Wunsch führen wir zwar Kindersegnungen durch. Der eigentliche Eintritt und die Taufe erfolgen aber erst im Erwachsenenalter. Wenn sich jemand gefestigt fühlt, kann er sich zwar auch mit 17 Jahren taufen lassen. Wir empfehlen aber, mit dem Entscheid bis nach der Teenagerphase zu warten. Denn die Überzeugung von Jugendlichen kann rasch ändern, da gewisse Entwicklungsprozesse noch im Gang sind. Bei der Taufe halten wir uns an das apostolische Glaubensbekenntnis. Wenn jemand für sich sagt, ich möchte Jesus Christus folgen, kann er diesen Schritt tun.

Auch in einer Volkskirche kann jemand Jesus folgen. Worin unterscheidet sich eine freie evangelische Gemeinde?

Mauerhofer:Der Hauptunterschied ist, dass wir staatsunabhängig sind. Wir sind als Verein organisiert. Wir haben dadurch keine Kirchensteuern. Mitgliederbeiträge werden bei uns auf freiwilliger Basis bezahlt. Aus theologischer Sicht steht bei uns Jesus Christus im Zentrum. Unser Glaubensfundament ist die Bibel.

Dann haben Sie beispielsweise keinen Sex vor der Ehe?

Mauerhofer: (lacht) Solche Fragen habe ich erwartet. Persönlich glaube ich daran, dass Sexualität am besten in der Ehe zur Entfaltung kommt. Als Freikirche stehen wir vor der Herausforderung, dass wir gewisse ethische Grundlagen haben, die uns wichtig sind. Gleichzeitig wollen wir unsere Leute nicht kontrollieren. Das schafft eine gewisse Spannung. Wir stehen aber zu Gottes Plan. Wenn man vor der Ehe bereits Treue geübt hat, kann das später zu Stabilität führen. Die Botschaft von Jesus Christus ist aber in vielen Bereichen radikal.

Zum Beispiel?

Mauerhofer:Oft wird über Sexualität gesprochen. Doch Jesus Christus hatte beispielsweise auch eine klare, radikale Einstellung in Bezug auf Finanzen. Reichtum kann uns sehr schnell blind machen. Jesus forderte einen reichen Jüngling, der ihm folgen wollte, dazu auf, seinen ganzen Besitz wegzugeben. Dieser Gedanke ist in einer Gesellschaft, in der es materiell vielen gut geht, eine Herausforderung. Solche ethischen Grundsätze beginnen im Alltag: Etwa indem man keine Produkte kauft, bei deren Produktion Menschen ausgebeutet werden. Das sind Themen, die auch mich immer wieder fordern.

Nun ist im Haus Ihrer Kirche auch ein Café entstanden. Das erweckt den Eindruck der Missionierung.

Mauerhofer: Das «Kafe im griänä Hüüs» ist ein eigenständiger Betrieb, der von einem gemeinnützigen Verein betrieben wird. Das Café hat nicht das Ziel der Missionierung. Wenn ein Gast hier einen Kaffee trinkt, wird er in Ruhe gelassen. Man braucht nicht zu befürchten, dass jemand kommt und über Gott spricht. Wir waren der Meinung, in Altdorf fehlt ein Ort, an dem man sich als Familie richtig wohl fühlt. Konkret gesagt, ein Café mit Spielmöglichkeiten für Kinder. Hier können sich Leute vernetzen und entspannen. Natürlich werden Mitarbeiter antworten, wenn jemand Fragen zur Freikirche hat. Zumindest die Mitarbeiter, die selber Mitglied sind.

Nicht alle Angestellten sind Mitglieder der evangelischen Gemeinde?

Mauerhofer:Die beiden Betriebsleiter sind selber in der Freikirche. Aber nicht alle Servicemitarbeiter sind Mitglied oder gehen in unserer Kirche ein und aus. Das Café wird vom eigenständigen Verein Begegnung im Grünen Haus betrieben. Das Gebäude ist öffentlich, und unser Kirchenraum kann von Vereinen für andere Zwecke gemietet werden.

Die Gemeinde «Chilä im griänä Hüüs» hat in Uri rund 50 aktive Gläubige. Beiträge sind freiwillig. Wie wurde der Neubau finanziert?

Mauerhofer:Der Neubau gehört nicht uns. Wir sind Mieter. Die Einrichtung wurde zum Teil durch freiwillige Spenden der Mitglieder finanziert. Der Neubau wurde auch vom Besitzer des Grundstücks finanziert. Zudem ist unsere Gemeinde Mitglied im Verband Freie Evangelische Gemeinden Schweiz (FEG). Innerhalb der FEG gibt es einen Arbeitsbereich Vision Schweiz mit dem Ziel, dass neue Kirchen entstehen können. Und von dort kam ein weiterer Teil des Geldes.

«Wichtig ist klare Deklaration»

AH. Der Zürcher Religionsexperte Georg Otto Schmid findet es grundsätzlich unbedenklich, wenn eine evangelische Freikirche wie der Verein Chilä im griänä Hüüs ein öffentliches Café betreibt. «Wichtig ist eine klare Deklaration», betont Schmid. «Falls der Restaurationsbetrieb von der Freikirche selbst geführt wird, dann muss das klar ersichtlich sein. Wenn hingegen nicht die Gemeinde, sondern einzelne Mitglieder das Café als unabhängige Unternehmung ohne Werbeabsicht betreiben, dann ist das eine andere Sache.»

Solche von Freikirchenmitgliedern geführte Restaurationsbetriebe in Gebäuden, die einer Freikirche gehören, gebe es auch andernorts. «Ich habe nie gehört, dass es wegen eines solchen Cafés Ärger gegeben hat.»

Freikirchler spenden fleissig

Auch Missionsarbeit ist für Schmid in Ordnung. «Problematisch wird es aber, wenn religiöse Werbung verdeckt gemacht wird», erklärt der Experte. Das könne bei Strasseneinsätzen vorkommen. In der Vergangenheit seien auch Freikirchen in Kritik geraten, wenn bei ihren Einsätzen die Organisation nicht eindeutig deklariert war. «Insgesamt aber verläuft die Werbung von Freikirchen meist ohne Konflikte», so Schmid.

Wie finanzieren nun aber die Freien Evangelischen Gemeinden (FEG) ihre Infrastruktur und Mitarbeiter. «In der Regel sind die Freiwilligenbeiträge bei Freikirchen höher als die klassische Kirchensteuer», so Schmid. «Die meisten Freikirchen lehren, dass 10 Prozent vom Einkommen für das Reich Gottes ausgegeben werden.» Mit diesem Geld würden die Mitglieder die eigene Freikirche oder christliche Projekte wie Missionswerke unterstützen. «Diese 10-Prozent-Regel wird traditionell auch in FEG-Gemeinden beachtet. Im Schnitt spenden FEG-Mitglieder 2 bis 3 von diesen 10 Prozent an die eigene Gemeinde», weiss der Experte. «Grundsätzlich zahlt ein Freikirchenmitglied seiner Gemeinde deutlich mehr als ein Mitglied einer Landeskirche.»

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