ALTDORF: Mit Liedern gegen das Vergessen

Eine demenzkranke Person zu Hause zu pflegen, das ist ein 24-Stunden-Job. Im Demenzcafé können Betroffene, Betreuende und Fachleute innehalten und sich austauschen.

Franziska Herger
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Gemütlicher Austausch beim Demenzcafé. Von links: Frau P. (Betroffene), Mary Gisler (Besucherin), Nina Marty (Organisatorin) und Felix Gisler (Musiker). (Bild: Franziska Herger (Altdorf 4. Juni 2017))

Gemütlicher Austausch beim Demenzcafé. Von links: Frau P. (Betroffene), Mary Gisler (Besucherin), Nina Marty (Organisatorin) und Felix Gisler (Musiker). (Bild: Franziska Herger (Altdorf 4. Juni 2017))

Franziska Herger

redaktion@urnerzeitung.ch

Frau P. kennt die Lieder ihrer Kindheit noch Wort für Wort. Mit der Erinnerung an kürzliche Ereignisse hapert es dagegen ein bisschen. Doch das ist im Demenzcafé, das am Sonntag in Altdorf stattfand, nicht wichtig: Der Musiker Felix Gisler, der den Anlass mit seiner Gitarre untermalte, stimmt die Melodie von «L’inverno è passato» an. Sofort singt auch Frau P. mit, nur ein leichtes Zittern in der schönen Stimme. Das sei typisch, so Nina Marty, Vorstandsmitglied der Alzheimervereinigung Uri/Schwyz. «Demenzkranke Menschen erinnern sich meist gut an alles, was vor ihrer Hochzeit passierte, danach wird es schwieriger.»

Ziel des Demenzcafés ist ein Austausch von Betroffenen, Betreuenden und Fachleuten. «Wir können Fragen beantworten, aber auch einfach gemütlich beisammensitzen», sagt Marty. Doch der Andrang hält sich in Grenzen, nur eine Handvoll Menschen haben sich zu Kaffee, ­Kuchen und Gitarrenmusik im Kellertheater im Vogelsang eingefunden. «Viele trauen sich vielleicht nicht recht», meint Marty. Dabei wäre der Austausch gerade für die Betreuenden wichtig, findet die diplomierte Pflegefachfrau, die selber in der Pflegewohngruppe Höfli in Altdorf mit Betroffenen arbeitet. «Jemanden mit dieser Krankheit zu Hause zu pflegen, ist ein 24-Stunden-Job.» Um Betreuende zu entlasten, hat die Alzheimervereinigung Uri/Schwyz unter anderem ein Beratungstelefon eingerichtet. Rat­lose Angehörige und Betreuende werden dort an die richtigen Institutionen vermittelt. «Dieses Jahr haben wir bereits 60 Anrufe erhalten», sagt Marty. «So viele wie im ganzen 2016. Die Nachfrage ist also da.»

«Viele haben Angst vor der Krankheit»

Noch immer begegne die Gesellschaft Alzheimer- und Demenzkranken Menschen mit Unbehagen, so Marty, die für die SP im Landrat sitzt. «Viele haben Angst vor der Krankheit.» Doch Demenz und Alzheimer nehmen zu, da wir immer älter werden. «Sehr viele Leute sind irgendwann in ihrem Leben auf die eine oder andere Art von Demenz betroffen.»

Die Alzheimervereinigung Uri/Schwyz will für die Zeichen der Krankheit sensibilisieren. So schult sie Berufsleute im Erkennen von Demenz und im richtigen Umgang mit Demenzkranken. «Wichtig ist, einer demenzkranken Person keine W-Fragen zu stellen», erklärt Marty. «Wer, wo, wann, warum – darauf haben Betroffene oft keine Antwort und werden aggressiv oder traurig.»

Erinnerungen durch Musik

Musik funktioniert da schon besser als Erinnerungsstütze. Frau P. ist inzwischen bei ihrem Lieblingslied angelangt, «J’ai deux amours», ein Chanson aus dem Jahr 1930. Die Altdorferin überrascht die Cafébesucher mit perfektem Französisch. Durch die Lieder entfaltet sich die Erinnerung an ihr Leben: Wie ihr Vater in einer Kohlemine in Grenoble arbeitete und sie bis in die fünfte Klasse in Frankreich zur Schule ging. Wie traurig sie war, als die Familie nach Italien zurückkehrte. 1945 kam sie dann mit ihrem Mann in die Schweiz. Doch darüber kann Frau P. nicht recht Auskunft geben. «Mamma mia, ich muss bald nach Hause!»

Nina Marty will das Demenzcafé auch nächstes Jahr wieder durchführen. «Wir machen das sicher wieder, auch wenn nur eine Person kommt.»