ALTDORF: Nachdenken über Relikte und Wegzeichen

Christof Hirtler zeigt mit seiner Arbeit «Relikte», was in der bäuerlich geprägten Kultur verloren geht. Mary Anne Imhof spürt in der Bildserie «Ephemer» Farbnuancen nach und präsentiert, was sie während des Berlin-Atelier-Aufenthaltes erlebt hat.

Markus Zwyssig
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Christof Hirtler hebt, was verloren geht, in Bildern und Erzähldokumenten auf (links). Mary Anne Imhof hat für ihre Bilder (rechts) selber gewonnenes Farbpigment verwendet. Bilder: Christoph Hirtler (Altdorf, 15. Dezember 2016)

Christof Hirtler hebt, was verloren geht, in Bildern und Erzähldokumenten auf (links). Mary Anne Imhof hat für ihre Bilder (rechts) selber gewonnenes Farbpigment verwendet. Bilder: Christoph Hirtler (Altdorf, 15. Dezember 2016)

Die Bilder, die Christof Hirtler im Haus für Kunst Uri in Altdorf zeigt, verweisen auf Relikte einer bäuerlich geprägten Kultur. Hunderte von Gebäuden, vor allem Aussenställe, werden nicht mehr gebraucht. Das Heu wird heute zum Teil über weite Strecken transportiert und in grossen Scheunen direkt bei den Heimbetrieben gelagert. In Schattdorf, Altdorf oder Attinghausen stehen alte Holzhäuser wie seltsame Findlinge mitten in neu erstellten Wohngebieten. Einige sind bewohnt, andere dienen als Abstellräume, viele zerfallen und werden irgendeinmal abgerissen.

Zusammen mit den Farbbildern erscheinen in der Projektion im Danioth-Pavillon da und dort für einen kurzen Moment alte Schwarz-Weiss-Fotografien von Menschen in den Bergen. Sie erinnern an eine vergangene Welt, an die enge Lebensgemeinschaft von Menschen und Tieren, an Naturgefahren, an Not und Selbstversorgung. Im selben Raum liegen verstreut so genannte Häinzi, Holzgestelle zum Trocknen des Heus. Diese Relikte erscheinen im Raum wie eigenartige Kreaturen, Tiere oder Fabelwesen.

Bäuerliche Welt könnte bald nur noch Erinnerung sein

In einer zweiten Projektion zeigt Christof Hirtler eine bäuerliche Welt, die bald nur noch Erinnerung sein könnte. Ein Beispiel: Vor der Eröffnung des Seelisbergtunnels 1980 trieben die Urner Bauern über 600 Rinder von der Reussebene über den Surenenpass auf die Alp Surenen. Zwei Tage dauerte der Alpauftrieb, 1800 Höhenmeter waren zu überwinden. 2016 trieben zwei Bauern noch 17 Rinder über den Pass.

Eine Laus liefert der Künstlerin die Farben

In der Ausstellung im Vorraum zum Danioth-Pavillon zeigt Mary Anne Imhof Werke, die aus ihrer künstlerischen Forschungsarbeit «Ephemer – von Karmin bis Purpur» entstanden sind. Dabei beschäftigt sie sich mit der Herstellung von Farben.

Gewonnen werden die Farben aus der von der Künstlerin gesammelten Cochenille-Schildlaus von der kanarischen Insel La Gomera. Die monochrome künstlerische Arbeit zeigt die malerischen Ausdrucksmöglichkeiten und den geschaffenen Farbraum mit selbst hergestellten karminroten und purpurnen Farbpigmenten auf Leinen und in Kunstharz gegossen.

Die Urner Künstlerin Mary Anne Imhof hat während ihres Aufenthalts im Berlin-Atelier die deutsche Kunststadt erwandert. Zu Beginn der 120 Tage in Berlin schnürte Imhof täglich ihre Schuhe, verliess das Haus in der Auguststrasse 83 und lief ohne Absicht los. Spätnachmittags oder abends kehrte sie wieder in ihre Atelierwohnung in Berlin Mitte zurück. Dort angekommen, rekonstruierte Mary Anne Imhof zeichnerisch ihre Wege auf Google Maps als Linien und fügte die Namen aller Strassen, die sie gelaufen war, dazu.

Bei den aufgezeichneten Wegen markierte sie mit einem Kreis den Ausgangs- und Zielpunkt: die Auguststrasse 83. Weiter zeichnete sie mit farbigen Kreisen ein, wo sie unterwegs Kunstschaffende getroffen oder Kunsträume besucht hatte. Täglich ergab es eine neue Form – ein neues (Weg-)Zeichen entstand.

Die Künstlerin hielt alles in einem Buch fest

Im Berufsverband Bildender Künstler Berlin belegte Mary Anne Imhof einen Kurs in Adobe Indesign. Das hat sie zur Gestaltung der Zeichen und zu der Zusammenfassung in einem Buch angeregt. Nun sind die Weg-Zeichen auch als Kartensets zusammengestellt und können von Besuchern als signiertes und nummeriertes Multiple erworben werden.

Christof Hirtler und Mary Anne Imhof zeigen ihre Arbeiten im Rahmen der Jahresausstellung der Kunst- und Kulturstiftung Uri. Die Ausstellung wird am 8. Januar 2017 um 15.30 Uhr mit der Finissage abgeschlossen.

Hinweis

Die Ausstellung im Haus für Kunst Uri ist jeweils am Donnerstag und Freitag von 14 bis 18 Uhr sowie am Samstag und Sonntag von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

Markus Zwyssig