ALTDORF: Neue Akten im Fall Ignaz Walker aufgetaucht

Erst jetzt kommen alle Akten auf den Tisch: 700 Seiten zum Hauptbelastungszeugen im Fall Walker. Sie dokumentieren neue gravierende Unterlassungen der Urner Strafverfolgungsbehörden. Das zeigen Recherchen der «Rundschau». Ob damit die ursprünglichen Aussagen des Hauptbelastungszeugen noch verwertbar sind, ist fraglich.

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Ignaz Walker auf dem Weg zum Rathaus in Altdorf. (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Ignaz Walker auf dem Weg zum Rathaus in Altdorf. (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Bei den von der «Rundschau» ausgewerteten Unterlagen zum Fall Ignaz Walker handelt es sich um Akten mitZündstoff: Über 700 Seiten dokumentieren die Ermittlungen der Urner Fahnder rund um einen Drogendeal des Hauptbelastungszeugen Johannes Peeters im Mai 2010– also wenige Monate nach Peeters Aussage, der Urner Cabaret-Betreiber Walker habe auf ihn geschossen. Weil Peeters seine Aussage in sturzbetrunkenem Zustand machte, verlangte das Bundesgericht im Jahr 2014, das Obergericht müsse den Fall nochmals aufrollen und den Hauptbelastungszeugen befragen. Doch dazu kam es nie mehr: Peeters verstarb letzten August in Frankreich.

Laut der nun ausgewerteten Akten verhaftete die Polizei Peeters und stellte über acht Kilogramm Amphetamine sicher. Fahnder fanden bei ihm 6500 Euro in bar, Notizen zu Drogenlieferungen aus den Niederlanden in die Schweiz sowie mehrere Mobiltelefone. Doch die Urner Ermittler schonten Peeters offenbar, denn Hinweise zu weiteren Ermittlungen oder Auswertungen der Mobiltelefondaten fehlen in den Akten.

Einstellung des Strafverfahrens

Weshalb haben sich dieUrner Strafverfolgergegenüber dem Hauptbelastungszeugen im Fall Walker derart passiv verhalten? Weder die Staatsanwaltschaft noch die Kantonspolizei Uri beantworten diese Frage. Tatsache ist:Die Staatsanwaltschaft stellte das Strafverfahren gegen Peeters ein Jahr später ein, mit der Begründung, der Tatverdacht habe sich nicht erhärten lassen. Peeters erhielt eine Genugtuung von 5600 Franken.

Geständnis in Frankreich

Anders in Frankreich. Nur ein Jahr nach dem Persilschein aus Uri wird Peeters in der nordfranzösischen Stadt Douai verhaftet und für zwei Jahre in Untersuchungshaft gesetzt. Frankreich ersucht in Uri im Februar 2013 um Rechtshilfe. Im Schreiben aus Douai ist unmissverständlich festgehalten, dass Johannes Peeters seinen Handel mit Drogen zugegeben habe und sich selber als Architekten des Handels bezeichne. Seine Rolle sei es gewesen, die Reisen zu organisieren, Kuriere zu finden, das Geld anzunehmen und dieses den Auftraggebern auszuhändigen. Seit 2009 hätten diese Lieferungen zwei Mal monatlich stattgefunden: Amphetamine und Ecstasy im Wert von 15‘000 Euro.

Oberstaatsanwalt verschwieg sein Wissen dazu

Ausgerechnet der heutige Oberstaatsanwalt Thomas Imholz liess im Februar 2013 dieses Rechtshilfeersuchen ins Deutsche übersetzen. Mit der Überschrift: «Haftsache! Eilt!» Doch im Zusammenhang mit dem Fall Walker verschwieg die Oberstaatsanwaltschaft Uri dem Obergericht ihr Wissen. Die Oberstaatsanwaltschaft bestritt jegliche Verbindung zwischen dem Hauptbelastungszeugen Peeters und dem Drogenhandel.

Konsequenzen für Gerichtsfall Walker

Die 700 Seiten zu Johannes Peeters dürften demnächst neue unangenehme Fragen an die Adresse von Oberstaatsanwalt Imholz vor Obergericht nach sich ziehen. Jetzt, wo die Akten Peeters beigezogen würden, sei die Ausgangslage für den Fall Walker klar, so Strafprozessrechtsprofessor Christof Riedo: «Man hätte Peeters ausfindig machen können, wenn man dies gewollt hätte. Und deshalb würde ich behaupten, sind die ursprünglichen Aussagen von Peeters nicht mehr verwertbar.»

Entscheiden darüber werden letztlich die Urner Richter. Die Verhandlung im Fall Walker geht am 22. Februar 2016vor Obergericht in die Verlängerung. Das Urteil wird nicht vor April erwartet.


HINWEIS
Mehr zum Thema am Mittwoch, 10. Februar 2016, um 20.55 Uhr in der «Rundschau».

pd/nop

Er soll sein Wissen zum Hauptbelastungszeugen im Fall Walker verschwiegen haben: Oberstaatsanwalt Thomas Imholz. (Bild: Keystone)

Er soll sein Wissen zum Hauptbelastungszeugen im Fall Walker verschwiegen haben: Oberstaatsanwalt Thomas Imholz. (Bild: Keystone)