ALTDORF: «Risiken gehören zu unserem Geschäft»

Der Strommarkt steckt in turbulenten Zeiten. Jörg Wild sagt, wie sich das auf das EWA auswirkt und warum trotzdem weiter in Wasserkraft investiert wird.

Interview Markus Zwyssig
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Beim EWA spielt die Wasserkraft (im Bild: Kraftwerk in Bürglen) weiterhin eine wichtige Rolle. (Archivbild Urs Hanhart)

Beim EWA spielt die Wasserkraft (im Bild: Kraftwerk in Bürglen) weiterhin eine wichtige Rolle. (Archivbild Urs Hanhart)

Ob Axpo-Gruppe, Centralschweizerische Kraftwerke (CKW) oder Alpiq: Fast alle grösseren Stromproduzenten in der Schweiz bauen Personal ab. Das hängt vor allem mit den massiv gesunkenen Preisen an der europäischen Strombörse zusammen. Diese liegen weit unter den Produktionskosten der Versorger. Jörg Wild, Vorsitzender der Geschäftsleitung des Elektrizitätswerks Altdorf (EWA), nimmt Stellung.

Jörg Wild, hat der Abbau bei den grossen Stromproduzenten auch Konsequenzen für das EWA?

Jörg Wild: Wie alle anderen Stromproduzenten ist auch das EWA den Marktkräften ausgesetzt, die im Energiegeschäft wirken. Daher werden auch bei uns die Einnahmen in diesem Bereich stark zurückgehen. Da sind wir gefordert. Wer sehr stark abhängig ist von den Einnahmen aus seinen Kraftwerken, den können die tiefen Preise arg in Bedrängnis bringen. Das EWA jedoch ist breiter aufgestellt.

Wie meinen Sie das?

Wild: Neben der reinen Stromproduktion und dem Handel sind wir für ein grosses Verteilnetz zuständig. Wir bieten Elektroinstallationen und Elektroplanungen an. Mit der Comdatanet AG sind wir im Telekommunikations- und IT-Bereich tätig. Auch haben wir begonnen, Energiedienstleistungen anzubieten. So können wir die tiefen Preise im Stromhandel mindestens teilweise auffangen.

Müssen nun auch beim EWA Stellen abgebaut werden?

Wild: Nein, gegenwärtig müssen wir keine Stellen abbauen. Allerdings wird die Entwicklung in unserem Unternehmen nicht mehr so erfreulich weitergehen wie in den vergangenen fünf Jahren. Wir haben in dieser Zeit 40 neue Stellen geschaffen. Beim EWA arbeiten knapp 300 Personen. Diese teilen sich 270 Vollzeitstellen.

Wie viel Geld wird das EWA durch die tiefen Preise auf dem Strommarkt konkret verlieren?

Wild: Das ist zurzeit noch schwer zu beziffern. Das Energiegeschäft des EWA ist nicht kurzfristig, sondern auf mehrere Jahre ausgerichtet. Wir versuchen, die Risiken dadurch möglichst gut einzudämmen. Die heutigen Entwicklungen auf dem Markt werden sich erst in den nächsten Jahren in unserem Ergebnis niederschlagen. Das wird dann der Fall sein, wenn die Abnahmeverträge auslaufen. Werden diese in nächster Zeit erneuert, bekommen wir die Turbulenzen auf dem Strommarkt sicherlich zu spüren.

Weshalb sind die Preise auf dem Strommarkt derart in den Keller gesunken?

Wild: Der europäische Strommarkt wurde regelrecht aus den Angeln gehoben. Das überträgt sich fast 1:1 auf den schweizerischen Grosshandel. Auf dem Markt gibt es ein massives Überangebot an Strom. Gründe dafür gibt es mehrere. Die Wirtschaft in Europa läuft sehr schlecht. Viele Grossunternehmen brauchen dadurch weniger Strom als bisher. Im Gegenzug gibt es aber immer mehr Kraftwerke. Zudem kommt viel Energie auf den Markt, die subventioniert worden ist. Diese stammt vor allem von Sonnen- und Windkraftwerken. Das vergrössert das vorhandene Überangebot noch zusätzlich. Europa schwimmt zu gewissen Zeiten extrem im Strom. Das drückt massiv auf die Preise. In einzelnen Stunden kann das sogar dazu führen, dass jemand, der Strom braucht, dafür bezahlt wird. Und umgekehrt: Wenn jemand seinen Strom einspeisen will, muss er zahlen.

Lohnt es sich denn überhaupt noch, Strom zu produzieren?

Wild: Die Produktion von Strom lohnt sich weiterhin, wenn man Kraftwerke mit günstigen Kosten betreiben kann. Muss man aber bei einem teuren neuen Kraftwerk mehr aufwenden, um den Strom zu produzieren, ergibt sich immer häufiger das Problem, dass der Strompreis, den man am Markt erzielt, die Kosten nicht mehr deckt. Unsere Wasserkraftwerke haben wir vor vielen Jahren gebaut. Da ist es sinnvoller, diese weiter zu nutzen und mit den Preisen, die am Strommarkt erzielt werden, wenigstens noch einen Teil der Kosten zu decken. Stellt man die Kraftwerke ab, verdient man gar nichts mehr.

Am Chärstelenbach in Bristen sind Sie daran, ein neues Kraftwerk zu bauen. Hätte man unter diesen Umständen besser darauf verzichtet?

Wild: Bei der Frage, ob man ein Kraftwerk bauen will, ist nicht der aktuelle Strompreis ausschlaggebend. Schliesslich dauert es ein paar Jahre, bis ein Kraftwerk geplant und gebaut ist. Anschliessend kann es rund 80 Jahre lang betrieben werden. Der Strommarkt kann sich relativ kurzfristig wieder verändern. Wir gehen bei unserer Planung davon aus, dass Wasserkraft längerfristig wieder wettbewerbsfähig sein wird.

Demnach müssen die Stromproduzenten nun Geduld haben und versuchen, die Durststrecke möglichst unbeschadet zu überstehen.

Wild: Der Strommarkt ist liberalisiert worden. Das hat zu sehr starken Schwankungen bei den Preisen auf dem Markt geführt. Früher war das System sehr stabil. Mit der Liberalisierung gibt es Phasen mit sehr hohen, aber auch mit sehr tiefen Preisen. Diese Ausschläge nach oben und nach unten sind neu. Der Strommarkt ist für die Produzenten sehr riskant geworden. Aber es gehört zum unternehmerischen Geschäft, mit Risiken umzugehen.

Mit dem geplanten Bau eines Kraftwerks am Alpbach in Erstfeld wurde noch nicht begonnen. Wartet man jetzt damit noch zu?

Wild: Der Alpbach ist das grösste Kraftwerk, das wir im Kanton Uri überhaupt noch bauen können. Läuft die Produktion dereinst auf Hochtouren, kann damit Strom für 10 000 Kunden produziert werden. Ausserdem ist ein Kraftwerk am Alpbach auch für den Kanton Uri sehr interessant. Dadurch können Einnahmen an Wasserzinsen von 1 Million Franken generiert werden. Beim angestrebten Energiemix wird die Wasserkraft eine wichtige Rolle spielen. Daher ist das EWA nach wie vor daran interessiert, mit seinen Partnern, den Gemeindewerken Erstfeld und dem Kanton Uri, das Projekt weiter voranzutreiben.

Inwiefern macht das Schutz- und Nutzungskonzept erneuerbare Energie (Snee) noch Sinn?

Wild: Alle Grundüberlegungen des Konzepts stimmen nach wie vor. Mit dem Snee gelingt es, Naturschutz und Wasserkraftnutzung bestens aufeinander abzustimmen. Einerseits können bestimmte Gewässer neu erschlossen und optimal genutzt werden. Andererseits wird eine Vielzahl kleinerer Gewässer ganz unter Naturschutz gestellt und der Nutzung entzogen. Das ist clever, denn es gelingt dadurch, sowohl mehr Strom zu produzieren, als auch mehr für den Schutz der Natur zu tun. Dabei muss man bedenken, dass das Konzept auf Jahrzehnte angelegt ist. Nur weil jetzt gerade der Strommarkt verrückt spielt, dürfen wir nicht einfach alles über Bord werfen.